WAS IN HALLE PASSIERT IST, kann morgen in Baden passieren, sagt Rami Suliman, der Vorsitzende der IRG Baden und der Jüdischen Gemeinde Pforzheim. Foto: Jehle
Was in Halle passiert ist, kann morgen in Baden passieren, sagt Rami Suliman, der Vorsitzende der IRG Baden und der Jüdischen Gemeinde Pforzheim. | Foto: Jehle

Nach Anschlag in Halle

Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pforzheim: „Es wird noch schlimmer werden“

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Dass es in Halle zu einem Anschlag auf die Jüdische Gemeinde gekommen ist, wundert Rami Suliman, den Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim, nicht. Er glaube, dass Gewalt gegen Juden noch weiter zunehmen wird, sagt er im Interview. In seiner Lebensweise wolle er sich deshalb aber nicht einschränken.

Die Vorfälle in Halle kamen für Sie nicht unerwartet. Wieso?

Rami Suliman: Ich bin da im Großen und Ganzen pessimistisch. Dass bis jetzt nichts passiert ist, nichts Schlimmes, war für mich überraschend. Vor acht Monaten haben wir bereits im Gespräch mit dem Innenministerium verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für die Synagogen in Baden angefordert. Es waren auch schon Experten für Gebäudesicherung vor Ort, die sich die Gebäude angeschaut und einen Bericht geschrieben haben. Sicherheitsglas, Schleusen und Videoüberwachung sind die Maßnahmen, die in Frage kommen.

Das Problem ist, dass wir nicht die finanziellen Mittel dazu haben. Wir haben einen Staatsvertrag, die Mittel können wir aber nur für religiöse Zwecke nutzen. Schon vor mehr als einem Jahr haben wir der Landesregierung vorgeschlagen, den Vertrag zu erweitern und darum gebeten, geschulte Sicherheitsleute für jedes Gemeindezentrum in Baden einzusetzen.

Der Dialogbeauftragte der Jüdischen Gemeinde in Pforzheim, Andrew Hilkowitz, spricht von Juden, die sich schon zuvor nicht mehr in die Synagoge trauten. Fühlen sich Juden in Deutschland nicht mehr sicher?

Am Donnerstag wird der Landes-Antisemitismus-Beauftragte Michael Blume dem Parlament seine Empfehlungen zum Umgang mit der Judenfeindlichkeit vortragen und mit den Abgeordneten debattieren. Ein Teil des Vortrags wird auch die Sicherheitsstrategien behandeln. Ich hoffe, das Parlament wird darauf reagieren. Was in Halle passiert ist, kann morgen in einer Stadt in Baden passieren, in Halle gab es aber auch kein Sicherheitspersonal.

Wir haben schon oft die Polizei gebeten, die Gefahrenstufe 3, die zurzeit für Synagogen gilt, anzuheben. Die Polizei hat nach dem, was in Halle passiert ist, sehr gut reagiert. Heute, das ganze Wochenende ist sie in verstärkter Alarmbereitschaft. Das hat auch bei uns in der Gemeinde für ein größeres Sicherheitsgefühl gesorgt. Ich habe auch zu 100 Prozent Vertrauen in die Polizei und möchte ihr keinen Vorwurf machen, die Meinung von Josef Schuster (dem Präsidenten des Zentralrates der Juden, d. R.) teile ich nicht.

Glauben Sie, dass Juden in Deutschland besonders oft Opfer religiöser Gewalt sind? Wieso könnte das der Fall sein?

Dass wir besonders Angst haben, liegt einfach an unserer Geschichte. Wir haben immer mit Vertreibung und Verfolgung gelebt, nicht nur in Deutschland. Ob im 15. Jahrhundert in Spanien, zur Zeit der Pest 1350 oder bei den Kreuzzügen, das war immer so. Dazwischen waren wir sicher, integriert, assimiliert. Aber diese Sicherheit war immer trügerisch. Irgendwann haben wir erfahren, dass wir doch nicht sicher sind. Deswegen ist unser Radar, sind unsere Antennen „schärfer“ gestellt.

Welche Rolle spielt aus ihrer Sicht dabei die historische Verantwortung der Deutschen und deren Vermittlung?

Die spielt eine große Rolle, das ist sehr wichtig für Deutschland. 1928 hatte die NSDAP 2,6 Prozent, 1930 schon 18, und 1933 kam die Machtergreifung. Das waren nur fünf Jahre. Die Menschen, nicht nur in Deutschland, müssen sich bewusstmachen, dass es sehr schnell gehen kann, dass die Leute rechtsextrem wählen. Und dabei geht es gar nicht nur um unsere Sicherheit, sondern auch die der Deutschen.

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Glauben Sie, dass es in Deutschland Regionen gibt, in denen eine erhöhte Gefahr für antisemitischen Radikalismus besteht? Und wie sehr hängt das mit einer Veränderung eines politischen Klimas zusammen?

Ich weiß nicht, ob Gegenden, in denen viele Ausländer wohnen und rechtspopulistisch gewählt wird, gefährdeter sind als andere. In Halle gibt es so gut wie keine Migration, also daran alleine kann es nicht liegen. Das ist eine Person, die diese Absicht hat und sich eine Waffe kauft, das kann man nicht verallgemeinern. Das ist auch kein deutsches Phänomen, Deutschland steht im Verhältnis zu Frankreich und anderen europäischen Ländern noch recht gut da, hier ist nicht so viel passiert. Nur jetzt fängt es an. Und es wird noch schlimmer werden. Das hab‘ ich im Gefühl. Weil es so einfach ist.

Jeder kann sich eine Waffe kaufen, in die Synagoge rennen und schießen. Die Sicherheitsmaßnahmen, die Blume einfordern wird, das ist ein langer Prozess, das geht jahrelang. Es muss insgesamt darum gehen, die Freiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Demokratie zu verteidigen. Nicht nur für uns Juden. Und daran wird auch gearbeitet. Die Landesregierung macht viel in dieser Richtung.

Haben die Vorfälle in Halle Sie persönlich auch verunsichert? Dreht man sich als Jude auf der Straße nun einmal mehr um?

Nein. Ich habe keine Angst. Ich werde mich nicht beugen – sondern ganz normal weiterleben wie vorher.