Im Musical „Mann mit Flügel“, das am Samstag im Podium des Stadttheaters Premiere hat, spielt Tobias Bode neben dem Instrument die zweite Hauptrolle. | Foto: Wacker

„Mann mit Flügel“ in Pforzheim

„Wagnis“ ist reif für die Uraufführung

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„Eigentlich sollte ich da hängen“, meint der Mann auf der Bühne zu einer Puppe, die mit dem Fuß in einem Strick kopfüber von der Decke baumelt. Wie von Geisterhand bewegt, meldet sich ein Konzertflügel zu Wort, als wolle er widersprechen. „Das ist ja wunderbar“, sagt der Mann. Der Flügel „echot“ die Worte als Melodie nach. „Wie kommt es, dass du sprechen kannst?“ Es ist dies die Anfangsszene des Kammermusicals „Mann mit Flügel“, das das Pforzheimer Theater am Silvesterabend als Bonbon in seiner Uraufführung auf die Bühne des Podiums bringt.

Konzertflügel wird zum Mitspieler

Ein Einmann-Stück, das auch wieder keines ist. Denn der Flügel ist Mitspieler. Er wird zum aktiven, gleichwertigen Dialogpartner in einer Geschichte, die von Lebenskrisen und ihrer Überwindung erzählt. Schauspieler Tobias Bode gibt den arbeitslos gewordenen Theatertechniker und bekommt in dem gleichfalls ausrangierten Konzertflügel einen „Kollegen“, der ihm antwortet und Mut macht in einer existenziellen Notlage, der ihn buchstäblich „beflügelt“.

Gespannt auf die Uraufführung sind (von links) Regisseur Alexander May, Autor Arpad Bondy und Intendant Thomas Münstermann.
Gespannt auf die Uraufführung sind (von links) Regisseur Alexander May, Autor Arpad Bondy und Intendant Thomas Münstermann. | Foto: Wacker

Autor Árpád Bondy hat das Stück geschrieben und für die Stadtbühne konzipiert. Gemeinsam mit Intendant Thomas Münstermann betrieb er im Vorfeld Quellenstudien, wie beide gestern im Pressegespräch erklären. Gesucht wurde ein Flügel, der so programmierbar ist, dass er ohne Pianisten spielen kann. In Berlin wurden sie fündig. Dank privater Sponsoren und Geld vom Förderverein ist das ungewöhnliche Instrument nun im Besitz des Pforzheimer Theaters.

Wie von Geisterhand bewegt

Die Tasten werden von unten mit Elektromagneten angezogen und spielen tatsächlich – aber so, wie es weder zwei-, noch vierhändig möglich wäre. Durch Bewegung der Tasten werde der Anschlag erzeugt, beschreiben die Theaterleute das Innenleben des Exotikums, das ob seiner vielen interaktiven Einsatzmöglichkeiten auch in der Musiktheaterpädagogik wertvolle Dienste leisten soll.
Der in Goslar geborene Árpád Bondy hat das Stück geschrieben und die Lieder komponiert. Der Autor ist auch Regisseur und Produzent renommierter Dokufilme wie „Macht ohne Kontrolle“ sowie Komponist. Für die Kult-Fernsehserie „Sketchup“ schrieb Bondy die Titelmelodie, für „Soko 5113“ und „Rappelkiste“ ebenfalls. Bondy hat auch Rock- und Jazzmusik gemacht, in den 80er-Jahren entdeckte er für seine Arbeit den Computer. Damals sei dieser als kreatives Werkzeug verachtet gewesen, erzählt Bondy. Irgendwann sei ihm die Idee gekommen, aus einem Computer gesteuerten Instrument eine emotional handelnde Figur zu machen.

Bondy ist ein Klangzauberer

Der Titel stammt von Intendant Münstermann. Der schwärmt von den vielen Fähigkeiten seines Freundes. „Klangzauberer“ Bondy selbst beschreibt den immensen Arbeits- und Probenaufwand. Bei den Musiktiteln, die von Rock bis zum Chanson reichen, musste er jede Spur einzeln einspielen und dann programmieren. 125 verschiedene Einsätze von Flügel und Schauspieler gilt es zu steuern.
Den „Mann mit Flügel“ hätten Münstermann und Bondy gerne schon vor Jahren auf die Bühne gebracht. Doch die Angst einiger größerer Häuser in Hamburg oder Berlin verhinderte eine frühere Uraufführung. „Sie glaubten nicht, dass es funktioniert.“ Das konnte sich offenbar auch der vielbeschäftigte Fernsehdarsteller Ulrich Noethen nicht vorstellen und lehnte ein Rollenangebot ab. In Pforzheim scheint nun die Zeit reif für die Uraufführung. „Es ist ein Wagnis“, sagt Bondy, der sich freut, in Alexander May auch den „richtigen“ Regisseur dafür zu haben.
Aufführungen
Premiere am 31. Dezember, 18 und 21 Uhr (jeweils ausverkauft); 8. und 14. Januar sowie 18. und 26. Februar, jeweils 20 Uhr