CORONA-CHOREOGRAFIE: Alle Mitarbeiter des Pforzheimer Amazon-Standorts müssen vor Schichbeginn unter anderem eine Wärmebildkamera passieren, die die Körpertemperatur misst, wie dieses Unternehmensfoto veranschaulicht. | Foto: pr

Logistiker im Krisenmodus

Wegen Corona: Amazon-Standort Pforzheim baut Nachtschicht aus

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Andere machen wegen Corona Kurzarbeit, bei Amazon macht man Überstunden. Im riesigen Logistik-Zentrum des US-Versandhändlers in Pforzheim wird die Nachtschicht ausgebaut, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden. Auch Sicherheitsaspekte spielen dabei eine große Rolle, wie Standort-Chef Bruggner sagt.

Wer sich mit Alexander Bruggner und Christos Kalpakidis auf ein Online-Meeting verabredet, kann sich direkt von einem weniger bekannten Angebot ihres Arbeitgebers überzeugen: „Amazon Chime“ heißt der Skype- und Zoom-Konkurrent des US-Versandriesen und natürlich wird er auch von den Chefs in Pforzheim benutzt. Leiter Bruggner und Betriebsratsvorsitzender Kalpakidis sind beide Pforzheimer und seit 2013 in ihrer Position. Sie signalisieren: Auch in der Krise haben wir den Laden im Griff.

Der Laden ist in diesem Fall ziemlich weitläufig: Das Amazon-Logistikzentrum verfügt über eine Lagerfläche von 110.000 Quadratmetern, was rund 15 Fußballfeldern entspricht. Die größte Herausforderung der vergangenen Wochen hieß auch dort: Corona.

Amazon-Logistikzentrum Pforzheim | Foto: str

1.400 Mitarbeiter und drei Schichten

Insgesamt 1.400 Menschen arbeiten dort in drei Schichten, wobei die Nachtschicht ausgebaut wird. Einerseits, weil Amazon im Lockdown gewissermaßen systemisch war und mehr bestellt wurde, andererseits, weil dadurch Arbeitsplätze entzerrt werden.

Wir suchen insbesondere für die Nachtschicht noch neue Kollegen“, sagt Bruggner. Auch ältere  Berufstätige hätten bei Amazon in Pforzheim grundsätzlich gute Aussichten. Die wichtigste Qualifikation: „Die Leute müssen entweder deutsch oder englisch sprechen“, sagt Betriebsratschef Kalpakidis.

Bruggner und Kalpakidis zählen im Gespräch mit den BNN eine ganze Reihe Corona-Maßnahmen auf: Schon im Februar habe man umfassend reagiert, Abläufe angepasst, Team-Meetings ausgesetzt, Pausenzeiten gestaffelt, Schichtübergaben entzerrt, mehr Busse für den Transfer eingesetzt.

Corona-Fälle bei Beschäftigten in Pforzheim

„Das hat alles gut funktioniert, alle haben sich eingebracht und wir sehen, dass die Maßnahmen greifen“, sagt Betriebsratschef Kalpakidis. Bruggner ergänzt: „Wir haben sogar unsere Kantine geschlossen, was in normalen Zeiten einen Aufstand bedeuten würde, aber alle haben das eingesehen und mitgetragen.“

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Dass es trotz der Sicherheitsmaßnahmen Ende April zu Covid-19-Fällen bei Beschäftigten in Pforzheim kam, will das Unternehmen lieber nicht kommentieren. Das Gesundheitsamt des Enzkreises spricht von sieben Fällen bis Mitte April, was etwa 0,5 Prozent der Mitarbeiter entspricht. „Uns ist wichtig, dass heute alle Mitarbeiter an Bord sind“, sagt Sprecher Thorsten Schwindhammer.

Wärmebildkamera misst Fieber

Dass der von Amazon noch bis Ende des Monats bezahlte Krisenzuschlag von zwei Euro pro Stunde auch kranke Mitarbeiter zur Arbeit treiben könnte, wie Kritiker zuweilen vermuten, hält Betriebsrat Kalpakidis für „absurd“. Zumal jedem Beschäftigten beim Betreten von einer Wärmebildkamera die Temperatur gemessen wird. Selbstbewusst sagt Kalpakidis: „Wir sind sehr erfahren in der Optimierung von Prozessen, das hat uns auch bei der Corona-Herausforderung geholfen.“

Und er bietet an, man würde das Wissen auch gerne mit anderen teilen, wenn eine regionale Firma noch Bedarf habe. Die allgegenwärtigen Lockerungen will man bei Amazon in Pforzheim übrigens nicht mitmachen. „Die Sicherheit der Mitarbeiter ist und bleibt das Wichtigste. Hier werde wir keinen Millimeter lockern“, betont Bruggner.

Pforzheims Amazon-Standortleiter Bruggner | Foto: str

Das Thema Sicherheit dominiert auch die Betriebsversammlungen, die an diesem Mittwoch begonnen haben und erstmals auf zwei Tage und acht Einzelveranstaltungen ausgedehnt sind. Von der Gewerkschaft Verdi ist Thomas Schark vertreten, der im BNN-Gespräch die Darstellung der Standortleitung zum Thema Sicherheit bestätigt. Da sei augenscheinlich ein guter Job gemacht worden.

Dissens gibt es bei der Bezahlung. Gewerkschafter Schark fordert, dass der Krisenzuschlag dauerhaft gezahlt werden soll: , „Amazon hat in der Krise den Umsatz gesteigert. Das haben die Beschäftigten erarbeitet.“