In Erinnerung an den November 1989 schwelgen der ehemalige Straubenhardter Hauptamtsleiter Hubert Mahle und Li Trötschel, die in der Notaufnahme in Conweiler mitgeholfen hat – hier mit einem Artikel im Pforzheimer Kurier zum 20. Jahrestag 2009. Foto: Ehmann

DDR-Flüchtlinge in Notaufnahme

Welle der Hilfsbereitschaft rollt durch Straubenhardt

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Genau 30 Jahre ist es her, dass 166 DDR-Flüchtlinge in Straubenhardt angekommen sind. Eine Woche lang haben sie in der Notunterkunft in Conweiler gewohnt. Zeitzeugen erinnern sich an die turbulente Woche.

Die Welle der Hilfsbereitschaft kommt dem ehemaligen Straubenhardter Hauptamtsleiter Hubert Mahle zuerst in den Sinn, wenn er an die 166 DDR-Flüchtlinge denkt, die am 10. November vor 30 Jahren in Conweiler angekommen waren. Mehr als 50 Helfer vom Roten Kreuz, Technischen Hilfswerk und vom örtlichen Bauhof packten mit an, um die Geflüchteten in der Notunterkunft in der Conweiler Turn- und Festhalle unterzubringen.

In Nachtaktion Stockbetten aufgestellt

In einer Nachtaktion stellten sie Stockbetten in der Halle auf und richteten ein provisorisches Büro in der Putzkammer ein. Wasch- und Duschmöglichkeiten gab es im Untergeschoss, Waschmaschinen in der benachbarten Grundschule und eine Wickelstube in den Geräteräumen.

Trotz der Enge herrschte in der Turn- und Festhalle in Conweiler gute Stimmung. Hier hatte die Gemeinde Straubenhardt eine Notaufnahme für 166 DDR-Flüchtlinge eingerichtet – mit Stockbetten, Wasch- und Duschmöglichkeiten. Archivfoto: Mahle

Die Straubenhardterin Li Trötschel lobt im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier Hubert Mahle, der damals die Federführung in der Notaufnahme übernommen hat: „Das war so mutig. Das war deine Verantwortung und Zivilcourage. Respekt!“ Trötschel, für das Langenalber Rote Kreuz im Einsatz, war für die Versorgung der Übergesiedelten zuständig.

Das war so mutig. Respekt!

Diese waren Tage vor der Grenzöffnung in die Bundesrepublik geflüchtet und nach einigen Zwischenstationen im überfüllten Notaufnahmelager in Rastatt gelandet. Mit Bussen kamen die überwiegend jungen DDR-Bürger in Straubenhardt an – „mit nichts und nur Handgepäck“, erinnert sich Mahle. Also mussten Trötschel und die damalige Inspektoren-Anwärterin und heutige Hauptamtsleiterin Cirstin Gerstenlauer erst einmal losziehen, um Hygieneartikel zu besorgen – unter anderem 170 Zahnbürsten. Die Sachen kauften sie im Metro in Karlsruhe ein. Trötschel erinnert sich, dass viele „junge Mädchen allein“ unter den Flüchtlingen waren, aber auch Mütter und Familien mit Babys. Alle seien tagelang unterwegs gewesen und froh, in der Unterkunft in Conweiler anzukommen.

170 Zahnbürsten gekauft

Die Gemeinde hatte die Notaufnahme eingerichtet, nachdem der damalige Leitende Regierungsdirektor beim Landratsamt Enzkreis, Werner Burckhart, am Vormittag des 9. November die Kreis-Gemeinden gebeten hatte, DDR-Bürger aufzunehmen. „Der Hilfe-Anruf klang überdringlich“, sagt Mahle. Die Geflüchteten seien größtenteils vor der Grenzöffnung über die Tschechei und Ungarn aus der DDR geflüchtet. Nur in der Schulturnhalle in Mühlacker war zuvor eine Notaufnahme für 250 Menschen eingerichtet worden – die reichte aber nicht aus.

Der Hilfe-Anruf klang überdringlich

Nachdem Mahle weder den Straubenhardter Bürgermeister Walter Weissinger noch dessen Stellvertreter Walter Gauss erreicht hatte, sagte er kurzentschlossen zu, in der Conweiler Turn- und Festhalle eine Notaufnahme einzurichten. Nach einer Besprechung mit dem Enzkreis-Sozialdezernenten und späteren Landrat Karl Röckinger liefen die Maßnahmen für die Notaufnahme an.

Flüchtlinge scharen sich um den Fernseher in der Halle

Am 10. September kamen die Flüchtlinge abends in der Halle an. Unklar war zu dem Zeitpunkt, ob die Grenzen offen bleiben, so Mahle. Werner Burckhart hatte ihm geraten, sich darauf einzustellen, dass die Notaufnahme einen Monat bestehen bleibt. „Wir wussten nicht, wie sich alles entwickelt“, blickt der 76-Jährige zurück. Entsprechend groß war das Informationsbedürfnis unter den Menschen in der Halle. Der Fernseher, den der ehemalige Gemeinderat Helmut Spiegel organisiert hatte, sei immer umlagert gewesen.

Fremde Menschen lagen sich in den Armen

„In der Halle war es eng, aber die Stimmung war gut“, erinnert sich Bernd Lepsy, der vor 30 Jahren für den Pforzheimer Kurier über die Notaufnahme berichtete und auch drei Flüchtlinge für einige Wochen bei sich aufnahm. „Die Leute waren etwas unsicher, aber glücklich darüber, dass sie endlich frei waren.“

Helfer von Technischen Hilfswerk bauten Stockbetten in der alten Festhalle in Conweiler auf, bevor am 10. November 1989 166 DDR-Flüchtlinge angekommen sind. Archivfoto: Mahle

„Manche weinten, weil sie Hab und Gut zurücklassen mussten“, ergänzt Mahle und erzählt von rührenden Szenen: Familien und Menschen aus Straubenhardt und den Nachbarorten nahmen Familien mit kleinen Kindern mit zu sich nach Hause, weil sie ihnen die Sammelunterkunft ersparen wollten. „Es war eine unglaubliche Dankbarkeit zu spüren. Völlig fremde Menschen lagen sich in den Armen und es entstanden besondere Freundschaften“, erzählt Mahle und die Rührung darüber ist ihm auch nach 30 Jahren noch anzumerken.

Auch die Helfer rückten zusammen

Zusammengerückt seien in der Ausnahmesituation auch die Helfer, erzählt Li Trötschel, die damals mehrere Funktionen beim DRK Langenalb inne hatte. Das Verhältnis des badischen DRK Langenalb und des württembergischen DRK in Neuenbürg sei aufgrund der unterschiedlichen Mentalität häufig „diffizil“ gewesen. Die Versorgung der Flüchtlinge in Conweiler hätten aber beide Einrichtungen zusammengeschweißt.


Zusammengerückt sind in der Notaufnahme Helfer wie Li Trötschel (rechts), DRK-Kreisbereitschaftsleiter Arnold Rapp und Mafalda Trick. Archivfoto: Mahle

Gemeinsam verpflegten sie die Menschen in der Notaufnahme und boten Seelenmassage an. Auch ihr als Helferin habe die Arbeit gut getan, blickt Trötschel zurück: „Ich hatte das Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun.“

Remchingen bringt über 40 Flüchtlinge im Sperlingshof unter

Eine große Erleichterung sei gewesen, als sich nach drei Tagen die Gemeinde Remchingen meldete und anbot, mehr als 40 Menschen im Sperlingshof in Wilferdingen unterzubringen, so Mahle. Groß war nach einem Presseaufruf der Gemeinde auch die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung. Viele luden Flüchtlinge zum Essen ein, boten sich als Fahrer an und vermittelten Arbeit. Nach etwa einer Woche waren nur noch zehn Flüchtlinge in der Notaufnahme untergebracht. Viele der Männer, Frauen und Kinder waren in Unterkünfte vermittelt und einige hatten sogar Arbeitsstellen gefunden.

Jobangebote sogar aus Mannheim und Offenburg

Die Angebote aus der Umgebung und sogar aus Mannheim und Offenburg liefen bei Mahles Ehefrau Ingeborg zusammen, die tagelang am Telefon saß. Die Firma Polyrack richtete in Büroräumen im früheren Betriebsgebäude am Forlenweg eine kleine Unterkunft ein.

Viele Angebote – was Wohnungen und Job angeht – gingen bei der Gemeinde ein. Archivfoto: Mahle

33 Übersiedler zogen um und versorgten sich selbst. Die Betreuung übernahm zu diesem Zeitpunkt der Enzkreis und das Notquartier in der Turn- und Festhalle wurde aufgelöst. Die meisten Geflüchteten gingen nach der Grenzöffnung zurück in ihre Heimat.

Nur einer blieb in Straubenhardt

Dauerhaft geblieben ist nur Wolfgang Astermann, der vor circa fünf Jahren gestorben ist. „Wir wurden wie Fürsten behandelt“, lobte der gelernte Bauglaser die Gemeinde im Gespräch mit dem Pforzheimer Kurier vor zehn Jahren. Die Menschen in Straubenhardt seien sehr entgegenkommend gewesen und hätten alles dafür getan, dass die Flüchtlinge einen guten Start hatten, so Astermann, der Arbeit in Straubenhardt fand. Er war überzeugt davon, dass die Ost- und Westdeutschen immer mehr zusammenwachsen und die Mauer in den Köpfen bald ganz verschwindet.

Mauerbau bis Mauerfall im Zeitstrahl