In Würde altern: Wenn die Heimkosten nicht alleine getragen werden können, greift die sogenannte Heimhilfe. Noch kann sich das Jugend- und Sozialamt einen Teil davon von Kindern als Elternunterhalt zurückholen.
In Würde altern: Wenn die Heimkosten nicht alleine getragen werden können, greift die sogenannte Heimhilfe. Noch kann sich das Jugend- und Sozialamt einen Teil davon von Kindern als Elternunterhalt zurückholen. | Foto: Uwe Anspach/dpa Archivbild

Elternunterhalt in Pforzheim

Wenn Pflege Existenzängste hervorruft

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Wenn das Geld für einen Pflegeplatz im Heim nicht mehr ausreicht, zahlt die sogenannte Heimhilfe des Jugend- und Sozialamtes die ungedeckten Kosten. Einen Teil davon kann sich die Stadt über den Elternunterhalt von Kindern der Pflegebedürftigen wieder zurückholen.

Auch im hohen Alter noch fit, gesund und geistig rege sein – wer wünscht sich das nicht? Doch die Realität sieht anders aus. 2018 gab es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 3,41 Millionen Pflegebedürftige. Die Zahl wird sich laut Prognosen bis zum Jahr 2050 nahezu verdoppeln.

Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten

Ein Heimplatz der Pflegestufe drei kostet in Pforzheim laut Angaben der Stadt monatlich rund 3 500 Euro. Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt oft nur einen Teil der Betreuungskosten. Im oben genannten Beispiel sind es 1 262 Euro. Wenn das Ersparte der Pflegebedürftigen nicht mehr reicht, greift die „Hilfe zur Pflege“ – in Pforzheim Heimhilfe genannt – und übernimmt ungedeckte Heimkosten.

200 000 Euro durch Elternunterhalt

Einen Teil der Kosten kann das Jugend- und Sozialamt dann von Kindern der Pflegenbedürftigen wieder einfordern, der sogenannte Elternunterhalt. Aktuell beziehen in Pforzheim 565 Personen diese Heimhilfe, wie die Stadt auf Nachfrage des Kurier mitteilt. Nach Aussagen der Stadt waren zuletzt „100 erwachsene Kinder auch tatsächlich leistungsfähig“, woraus jährlich etwa 200 000 Euro an Elternunterhalt vereinnahmt wurden.

Pflegesituation kommt oft plötzlich

„Es ist häufig der Fall, dass das Thema plötzlich aufkommt“, sagt Joachim Hülsmann, Abteilungsleiter im Jugend- und Sozialamt. Zu seinem Bereich gehört auch der Pflegestützpunkt gegenüber dem Alten Rathaus. Hier können sich Angehörige oder Pflegebedürftige beraten und informieren lassen. „Da geht es dann auch häufig um Existenzängste, auch finanziell“, weiß Hülsmann.

Angehörigenentlastungsgesetz soll kommen

„Die Pflege von Eltern darf nicht arm machen“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Rahmen der Präsentation des Angehörigenentlastungsgesetz. Es soll im kommenden Jahr in Kraft treten und will erreichen, dass künftig Kinder erst ab einem Jahresbruttoeinkommen von 100 000 Euro sich an der „Hilfe zur Pflege“ finanziell beteiligen sollen, bislang wurden sie schon ab einem Jahresnettoeinkommen von 21 600 Euro zur Kasse gebeten.

Stadt sieht Gesetz als richtigen Schritt

Auch das Jugend- und Sozialamt sieht den Gesetzentwurf als Schritt in die richtige Richtung. „Stark belastete Familien, die sich aufopferungsvoll um ihre Eltern gekümmert haben, haben finanziell nichts zu befürchten, wenn sie sich für den Schritt einer professionellen Hilfe im Pflegeheim entscheiden“, teilt die Stadt auf Nachfrage mit. Gleichzeitig befürchte die Stadt, dass dadurch auch die Hemmschwelle sinke, sich bei der Versorgung der Eltern für ein Pflegeheim zu entscheiden. Außerdem geht das Jugend- und Sozialamt von einer verstärkten Inanspruchnahme von ambulanten Pflegeleistungen aus.

Kritik an fehlender Kommunen-Unterstützung

Kritisiert wird an dem Gesetzentwurf der Bundesregierung von Seiten der Fachkräfte bei der Stadt die fehlende Unterstützung der Kommunen. „Die Stadt Pforzheim hätte durch das Gesetz erhebliche Mehrbelastungen zu bewältigen. Hierfür wäre es aus Sicht der Stadt sinnvoll, dass Leistungen der Pflege vollständig von den Pflegekassen getragen werden“, so teilt die Stadt weiter mit.