Bedacht in der Argumentation, leidenschaftlich in der Sache: ebz-Leiterin Edith Marqués Berger (rechts) im Gespräch mit Redakteurin Britta Baier. | Foto: eh

Klimaschutz im Enzkreis

„Werden Ziele für 2020 übererfüllen“

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Seit Wochen tobt die öffentliche Diskussion über CO2-Grenzwerte, die Luftbelastung in deutschen Städten und damit verbundene Fahrverbote. Wie steht es eigentlich um den Klimaschutz in der Region? Und wie blickt man auf die Entschlüsse von Bund und EU? Kurier-Redakteurin Britta Baier hat mit Edith Marqués Berger gesprochen, Geschäftsführerin des Energie- und Bauberatungszentrums (ebz) in Pforzheim und Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz des Landratsamtes Enzkreis.

2012 wurde der Enzkreis mit dem „European Energy Award“ (EEA) in Gold ausgezeichnet, der Agenda-2030-Manager wurde in der überregionalen Berichterstattung gelobt – kann man sich im Enzkreis in Sachen Klimaschutz zufrieden zurücklehnen?

Marqués Berger: Nein, zurücklehnen können wir uns auf keinen Fall – schließlich schreitet der Klimawandel schneller voran, als uns lieb sein kann, auch aufgrund der sogenannten „Kippeffekte“. Wir im Enzkreis müssen daher auf unserem eingeschlagenen, guten Weg weitermachen und ein Stück weit Vorreiter und Vorbild sein. Dass wir von möglichen 100 Prozent erfüllbarer Punkte beim „European Energy Award“ mittlerweile rund 80 Prozent erreicht haben, ist für uns außerdem eine wichtige Rückmeldung. Denn bei so einem komplexen Thema kann man sich schnell verzetteln. Anhand des Fragenkatalogs im EEA sieht man sehr genau, wo noch Luft nach oben ist. Wir würden uns auch freuen, wenn sich noch mehr Gemeinden separat zu einer Teilnahme am EEA entschließen würden. Niefern hat das angekündigt und Engelsbrand ist schon lange EEA-Gemeinde. Auch Wiernsheim war lange Zeit sehr weit vorne mit vertreten.

Gibt es noch andere große Projekte?

Auf Ebene der Region werden wir uns demnächst treffen, um über den Energiemix der Zukunft für zu sprechen und wie wir da einen Schritt weiter kommen können. Eine weitere wichtige Weichenstellung – unser momentan größtes Thema – ist die Agenda 2030, die Nachhaltigkeitsstrategie für den Enzkreis.

Treibhauseffekt, Luftverschmutzung, Lebensmittelkilometer: Umwelt- und Klimaschutz ist häufig eine komplexe und nicht immer heitere Angelegenheit. Wie lässt sich eine Bereitschaft zum Umdenken erreichen, ohne den einzelnen Bürger mit dem „moralischen Zeigefinger“ zu vergraulen?

Marqués Berger: Ich denke, man sollte mehr die Win-Win-Aspekte hervorheben. Und die gibt es, wenn auch manchmal erst auf den zweiten Blick. Die Teilnehmer an unserer Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ haben uns beispielsweise berichtet, dass sie viel wacher und energiegeladener an ihrem Arbeitsplatz ankamen, sie tun etwas für ihre Gesundheit und sparen sich und ihrem Geldbeutel den Gang ins Fitnessstudio. Ähnliches gilt für andere Schritte Richtung Klimaschutz: Für mich ist das Duschen mit solargeheiztem Wasser, das Tanken von Solarstrom statt Benzin ein viel positiveres Gefühl – und auch durch geringeren Fleischkonsum tut man sich selbst letztlich etwas Gutes. Eine Obst- und Gemüsekiste mit regionalen und saisonalen Produkten von einem Biobauern ist da eine gesunde Alternative. Wir haben ja auch in vielen Bereichen Leidensdruck: Jeder, der zum Beispiel auf der überfüllten Autobahn im Stau steht oder unter der extremen Sommerhitze stöhnt, merkt: So kann es nicht weitergehen.

Die EU-Umweltminister haben sich jüngst auf eine Drosselung des CO2-Ausstoßes für Neuwagen um 35 Prozent bis 2030 geeinigt. Was halten Sie von dem Kompromiss?

Marqués Berger: Einerseits ist es gut, dass auf übergeordneter Ebene etwas passiert und man sich auf eine gemeinsame Linie einigt. Andererseits fehlt es in Deutschland leider häufig an der Konsequenz, Ziele auch umzusetzen. Das sage ich jetzt nicht nur mit Blick auf diesen Beschluss: Was uns die Arbeit tatsächlich erleichtern würde, wäre, verbindliche Ziele festzulegen und zu definieren, dass das jetzt eine Pflichtaufgabe in der öffentlichen Verwaltung ist. Man kann nicht nur etwas proklamieren und sich dann nicht darum kümmern, dass es auch umgesetzt wird. Momentan passiert in Kreisen und Gemeinden viel auf freiwilliger Basis, und das ist auch gut so. Aber damit wir den Klimawandel tatsächlich begrenzen können, muss sichergestellt sein, dass jeder seinen Beitrag leistet. Im Enzkreis haben wir uns übrigens entsprechend dem Klimaschutzgesetz das Ziel gesetzt, eine Reduktion der CO2-Emissionen um 25 Prozent bis 2020 zu erreichen und streben sogar Klimaneutralität bis 2050 an. Das Ziel für 2020 werden wir mit 33 Prozent CO2-Einsparungen voraussichtlich übererfüllen, anders als Bund oder Land.

Ein häufiges Argument gegen konsequenteren Klimaschutz ist ja, dass angeblich systemrelevante Sparten wie die Auto- oder Energieindustrie über Gebühr leiden würden. Wie stehen Sie dazu?

Marqués Berger: Ich denke, dass der Klimaschutz und die Umstellung auf erneuerbare Energien auch positive Effekte haben können im Hinblick auf die regionale Wertschöpfung und auf das Wirtschaftswachstum. Natürlich in anderen Bereichen als bisher und nicht im Hauruck-Verfahren. Wir hatten beispielsweise kürzlich den ehemaligen Landrat des Rhein-Hunsrück-Kreises zu Gast, früher ein bettelarmer Kreis, wie er selbst sagte. Der ehemalige Landrat hat dort über erneuerbare Energien Wirtschaftswachstum generiert und viele soziale Projekte realisiert, die sie sich sonst nicht hätten leisten können. Jetzt im Ruhestand ist er als Ehrenbotschafter der Hunsrücker Energiewende bundesweit ein gefragter Redner.

Windräder sind auch im Enzkreis ein umstrittenes Thema. | Foto: dpa

Die Debatte um die Windenergie wird besonders kontrovers geführt. Können Sie die Position der Bürger verstehen, die Windkraft skeptisch gegenüberstehen?

Marqués Berger: Natürlich kann ich die Bürger einerseits verstehen. Wir leben in einer sehr schönen Gegend und da will man natürlich nicht, dass etwas die Landschaft verändert. Andererseits muss man sich eben fragen, wo der Strom für unser tägliches Leben künftig herkommen soll, denn fossile Energien sind endlich. Erneuerbare Energien sind un-endlich und kostenlos, die Sonne zum Beispiel schickt keine Rechnung. Sie zu erschließen ist technisch viel einfacher, als ein Kraftwerk zu bauen – und sie hinterlassen keine Altlasten beim Rückbau. Da haben wir meines Erachtens bisher zu einseitig aufs falsche Pferd gesetzt. Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich würde lieber in der Nähe eines Windparks als in der Nähe eines Atommeilers oder Kohlekraftwerks leben. Vielleicht sollten wir anfangen, uns dem Thema erneuerbare Energien insgesamt positiver zu nähern. Man kommt um eine Gesamtabwägung aller Vor- und Nachteile nicht drum rum und muss dann auch irgendwann eine Entscheidung treffen. Alle kann man nie überzeugen. Die Einbeziehung der Bürger von Anfang an ist natürlich dennoch ein wichtiges Thema, um Akzeptanz zu erreichen. Das wollen wir bei der Erarbeitung unserer Nachhaltigkeitsstrategie auch tun, damit jeder, der möchte, sich konstruktiv einbringen kann.

Manche Skeptiker der Energiewende kritisieren, es werde vieles „schöngerechnet“. Windräder lohnten sich in dieser Region gar nicht, E-Autos mit Atom- oder Kohlestrom zu tanken, sei Augenwischerei.

Marqués Berger: Natürlich sollten E-Autos im Idealfall immer mit Strom aus erneuerbaren Quellen betankt werden. Ich fahre selbst einen Hybrid, tanke Ökostrom und wollte nicht mehr tauschen. Die neue elektrische Antriebstechnik ist ein Fortschritt und ein viel schöneres Fahrgefühl. Auch im Wechselbetrieb fährt man mit maximal 3,5 Liter. Und letztlich ist doch die Frage: Was ist die Alternative? Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und Biogas liefern uns potenziell das zigfache der Energie, die wir verbrauchen. Wir müssen nur lernen, diese Energie noch besser nutzbar und speicherbar zu machen. Und da sind wir auf dem Weg: In München gibt es ein Start-up-Unternehmen, das aktuell Solarzellen in Autolack integriert. Und in Karlsruhe arbeiten KIT-Studenten an einem Verfahren für synthetischen Treibstoff aus CO2. Solche Entwicklungen stimmen hoffnungsfroh. Es wird viel geforscht, der Markt ist in Bewegung.

Der jungen Generation werden ja gemeinhin gerne Politikverdrossenheit und fehlendes Interesse an öffentlichen Themen nachgesagt – wie steht die Jugend ihrem Eindruck nach Fragen des Klimaschutzes gegenüber?

Marqués Berger: Also, die jungen Menschen, die bei uns in der Stabsstelle Klimaschutz arbeiten, sind sehr nachhaltig unterwegs. Sie führen zum Teil ihre persönliche CO2-Bilanz, überlegen, ob sie tatsächlich ein Auto brauchen und steigen nur in ein Flugzeug, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Jetzt kann man sagen: Das ist natürlich auch ein sehr spezieller Personenkreis. Allerdings hat ein Regionalmonitor, den wir vor ein paar Jahren durchgeführt haben, ergeben, dass tatsächlich über 80 Prozent aller Menschen im Enzkreis der Klimaschutz wichtig ist – auch und vor allem den jüngeren Bürgern. Dabei wurde allerdings auch klar, dass viele Menschen nicht so recht wissen, wo sie im Alltag ansetzen können. Dass das Thema so viele Aspekte hat und fast alle Lebensbereiche betrifft, überfordert manche. Da wollen wir noch mehr niederschwellige Impulse setzen und Beratung geben, wie kleine Schritte zu mehr Klimaschutz beitragen können. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch das ebz, das Menschen in Sachen ökologisches Bauen und Heizen konkrete Hilfestellungen gibt. Gerade im Baubereich gibt es viele Möglichkeiten, etwas zu tun – wir können Häuser bauen, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen.

Für Sie persönlich: Welches Ziel für die Region ist Ihnen ein Herzensanliegen mit Blick auf die kommenden Monate und Jahre?

Marqués Berger: Mein Wunsch wäre bei dieser globalen Herausforderung, dass wir alle beginnen, mehr an einem Strang zu ziehen und das Thema Klimaschutz groß zu denken. Wenn sich jeder Mandatsträger und jeder Bürger auf den Weg macht, können wir gemeinsam viel erreichen.

Also kann auch von einer kleinen Region viel ausgehen?

Marqués Berger: Ja, natürlich. Wir sind eine innovative Region, im Land der Tüftler und Erfinder, mit allen nötigen Voraussetzungen. Wo, wenn nicht hier soll etwas passieren?