Wohnqualität: Die "Monteurswohnungen" in der alten Sonnenhalde in Neuenbürg werden regelmäßig kritisiert.
Teuer und eng: Die Rumäninen und Rumänen, die auf „Monteurswohnungen“ wie in der alten Sonnenhalde in Neuenbürg setzen, haben aus unterschiedlichen Gründen oft gar keine Wahl, wie Insider beschreiben. | Foto: Ehmann

100 Corona-Infizierte weniger

Werksvertragsarbeiterin bei Müller-Fleisch: Zehn Quadratmeter für zwei Betten und Kühlschrank

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Die ersten 100 mit dem Coronavirus infizierten Mitarbeiter von Müller-Fleisch sind aus den Quarantäne-Häusern ausgezogen, bleiben aber beim Birkenfelder Fleischproduzenten in Quarantäne. Sie ziehen jetzt zurück in Verhältnisse, die eine Insiderin als „ganz schlecht“ bezeichnet.

Die Steaks sind mariniert, das Bier ist kühl und für die Kinder liegen Würstchen bereit: Während sich Deutschland günstig durch die Corona-Saison grillt, verpacken die Mitarbeiter bei Müller-Fleisch in Birkenfeld Nachschub.

So gegen 17 Uhr, wenn die Glut angefacht wird, beginnt für Werkvertragsarbeiter die Anfahrt mit Kleinbussen. Um 18 Uhr haben die Männer und Frauen ihre Handys abgegeben und stehen am Band, wo sie Spießchen in Verkaufsschalen drapieren.

Es geht um Stundenlohn, vorwiegend Mindestlohn von 9,35 Euro bei der Arbeit. Die Schicht der zumeist ungelernten Kräfte hat zwölf Stunden, geht also bis 6 Uhr am nächsten Morgen an sechs Tagen in der Woche – seit rund 300 Kollegen und Kolleginnen wegen Corona-Infektion fehlen, sollen es sieben sein.

Die Konditionen sind ganz schlecht.

Insiderin bei Müller-Fleisch

Dies alles erzählt eine Insiderin, die aus Furcht vor negativen Folgen für sich und andere anonym bleiben will. „Die Konditionen sind ganz schlecht“, kommentiert die Frau. Es gebe höchstens 1.450 Euro netto für rund 260 Stunden im Monat, vor allem Nachtschicht. Davon würden monatlich 24 Euro für die Reinigung der Arbeitskleidung abgezogen. Weitere 50 Euro für den Transport nach Birkenfeld und 250 Euro pro Bett in kleinsten, mehrfach belegten Zimmern.

Auf den zehn Quadratmetern, für die ein Paar zusammen 500 Euro bezahle, stehe noch ein Kühlschrank. Wer einzeln, ohne Partner oder Verwandte angestellt sei, teile sich ein solches Zimmer zu dritt oder viert. Dusche und Küche gebe es stockweise.

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Bindeglied nach Siebenbürgen ist die Firma Best Personal Services

Wie die meisten Fremdarbeiter bei Müller-Fleisch, stammt die Frau aus Rumänien und dort aus Siebenbürgen. Bindeglied ist die Best Personal Services GmbH in Neuenbürg. Das Unternehmen, das laut langgedienten Angestellten seine Wurzeln in der Nähe von Brasov (Kronstadt) hat, arbeitet seit 2009 mit Müller-Fleisch zusammen. Es vermittelt rund 300 der 500 Fremdarbeiter in Birkenfeld, so erzählt Geschäftsführerin Nicoleta-Melania Bica. Dafür brauche es kein Anwerbebüro. Ihre Dienste sprächen sich herum.

Rindfleisch wohin das Auge schaut: Bei Müller-Fleisch in Birkenfeld wird es auch in kleine Grillhappen zerteilt und für den Einzelhandel portioniert. | Foto: Kollros

Stimmt, sagt die Insiderin. Dies geschehe allerdings auch über Druck in den kleinen dörflichen Strukturen, wo eine Mittfünfzigerin zum Beispiel keine Chance habe, je wieder bezahlte Arbeit zu finden. So jemand stehe vor der Wahl Ausland oder Nichts.

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Keine eigene Wohnung ohne Festanstellung

Im konkreten Falle fiel die Entscheidung vor acht Jahren. „Müller-Fleisch könnte solche Werkvertragsarbeiter wenigstens übernehmen“, meint die Frau. Dann, so macht sie deutlich, könnte jemand vielleicht tatsächlich aus der Sammelunterkunft ausziehen. Für Vermieter biete ein Werksvertrag nämlich nicht genügend Sicherheit.

Viele wollen gar nicht weg, „weil sie die sprachliche Hilfe schätzen und keine Probleme mit Müll oder Strom haben“, erläutert Bica die Akzeptanz für das Preis-Leistungs-Verhältnis in den Sammelunterkünften. Zum Vergleich: Vier Leute könnten mit je 250 Euro gemeinsam eine Drei-Zimmer-Wohnung für 1.000 Euro mieten, ohne dass sie eine persönliche Einbuße oder weniger Geld für die Familie in Rumänien hätten.

Eine ganze Menge der Corona-Infizierten konnten die Quarantäne im Hohenwart Forum mit 120 Plätzen schon wieder verlassen. | Foto: Ehmann

Die drei Quarantäne-Häuser für mittlerweile 317 Corona-Infizierte bieten ähnliche Wohnqualität und überdies Verpflegung. Für die Firma Best Personal Services sei das nicht mit Kosten verbunden. Dies habe ihr das Gesundheitsamt auf Anfrage versichert, sagt Bica.

Wie viel Müller-Fleisch bezahlt oder ob Land beziehungsweise Bund in der Pflicht sind, sei noch nicht geklärt, heißt es im Landratsamt. Eindeutiger ist die Lage der infizierten Bewohner. Sie haben einen Entschädigungsanspruch über das Infektionsschutzgesetz, den das Land begleichen muss.

Corona-Krise: Nachtest für 800 Müller-Fleisch-Mitarbeiter angelaufen

Während Polizei und Landratsamt sich am Montag darüber verständigen, dass es übers lange Wochenende keine Vorfälle gab, sind die ersten 100 aus den Quarantäne-Häusern ausgezogen, bleiben aber in Müller-Fleisch-Quarantäne. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten, mit denen sie jetzt am Fließband Grillfleisch verpacken, bleibt ihnen aber die Nachtestung erspart, die 800 bislang nicht Infizierten betrifft. Die Ergebnisse sollen bis Donnerstag vorliegen.

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