Auf die richtige Betonung kommt es an: Ein Film-Team des ZDF begleitete den damaligen Ispringer Bürgermeisterkandidaten Thomas Zeilmeier im Wahlkampf. Zur Vorbereitung gehörte auch das Einstudieren der Vorstellungsrede.
Auf die richtige Betonung kommt es an: Ein Film-Team des ZDF begleitete den damaligen Ispringer Bürgermeisterkandidaten Thomas Zeilmeier im Wahlkampf. Zur Vorbereitung gehörte auch das Einstudieren der Vorstellungsrede. | Foto: Pfitzenmeier

ZDF über Ispringer Wahlkampf

Wie man das Wort „Känguru“ ausspricht

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Klaus Abberger ist ein Schleifer. Auf die richtige Betonung, auf Feinheiten kommt es dem Wahlkampf- Manager an, wie der ZDF-Dokumentarfilm „Der Bürgermeister-Macher“ am Dienstagabend zeigte. Da kann sich schnell ein Diskurs darüber entspinnen, wie das Wort „Känguru“, das sein Schützling Thomas Zeilmeier am Anfang seiner Rede bei der Kandidatenvorstellung in Ispringen sagen soll, richtig auszusprechen ist („ziehen wie Kaugummi“). Zeilmeier steht am Rednerpult, hinter ihm ein schwarzer Vorhang.

Die Kamera von Filmemacher Klaus Stern fokussiert den angestrengt wirkenden Bewerber um das höchste Amt in Ispringen. Die beiden studieren die Rede ein, die Thomas Zeilmeier am 27. Januar vor den Ispringer Bürgern halten soll. Ein wichtiger, im Nachhinein betrachtet, der wahlentscheidende Tag. Bei der Kandidatenvorstellung kann Zeilmeier die Wahl nicht gewinnen, aber verlieren, ist Abberger im Filmbeitrag überzeugt. Deshalb wird gepaukt, was das Zeug hält – und Thomas Zeilmeier, wenn es sein muss, wie ein Schulkind gemaßregelt. Das Wort „Känguru“ muss der 45-Jährige so oft aussprechen, bis Abberger zufrieden ist.

Ispringen komme nur im Schneckentempo voran

Das Känguru ist Teil eines wichtigen Satzes, mit dem Zeilmeier zeigen will, wie es um Ispringen aus seiner Sicht steht: Während das Beuteltier – Zeilmeier lebte wie berichtet mehrere Jahre in Australien – kräftige, weite Sprünge macht, komme Ispringen nur im Schneckentempo voran. Ein Bild, das der gelernte Bauingenieur zur zentralen Wahlkampfstrategie stilisieren wird: Als Gestalter möchte er, der Schaffer, der Macher-Typ, die Gemeinde voranbringen. Einer, der nicht nur abgeschmackte Worthülsen von sich gibt. Das sieht auch Klaus Abberger so, wenn er sagt, dass sein Klient kein guter Redner, aber ein Typ sei, der anpacken kann.

Im Fokus: Der damalige Bürgermeisterkandidat Thomas Zeilmeier (links) posiert für Wahlakmpf-Fotos.
Im Fokus: Der damalige Bürgermeisterkandidat Thomas Zeilmeier (links) posiert für Wahlkmpf-Fotos. | Foto: Pfitzenmeier

Beim Gang durch den Ortskern, den Fotoapparat stets in der Hand, fällt Abberger der ein oder andere Leerstand ins Auge. „Das scheint hier ein Thema zu sein, wenn nicht, machen wir eins draus“, lautet seine Empfehlung. Abberger hat gelernt, wie man Sprache einsetzt und mit Bildern umgeht. Der ehemalige Zeitungsredakteur gestaltete die Wahlkampf-Flyer für Thomas Zeilmeier. Auch die Inszenierung des Familienidylls gehörte dazu. Für die Fotos besuchte er die junge Familie in ihrer Wohnung. Er weiß, wie gut ein „Sonntagslächeln der Familie Zeilmeier“ bei potenziellen Wählern ankommt. Stärke und Durchsetzungsvermögen soll das Armdrücken mit einem Ringer symbolisieren – ebenfalls von Abberger fotografisch festgehalten.

Berichterstattung im Kurier wird aufgegriffen

Als Journalist ist sich Klaus Abberger der Bedeutung der Medien im Vorfeld einer Bürgermeisterwahl bewusst. Im Telefongespräch mit Zeilmeier fragt er nach, wann denn endlich eine kritische Berichterstattung über den Amtsinhaber in den hiesigen Zeitungen platziert werde. Am anderen Ende der Leitung zögert Zeilmeier, er weicht aus. „Mit der Basis gewinnen Sie keine Wahl“, raunt ein sichtlich verärgerter Wahlkampf-Manager in den Hörer. Kurz darauf wird ein Kurier-Artikel eingeblendet mit der Überschrift „Harsche Kritik an Bürgermeister Winkel“.

Teile des Ispringer Gemeinderats hatten offen ihre Unzufriedenheit mit der Amtsführung Volker Winkels geäußert. Die Sequenz ab Minute sieben ist spannend, weil sie Einblick gibt in die bis ins Detail durchgeplante Wahlkampfstrategie Abbergers. Die Kritik von einigen Gemeinderäten, die sich an die Medien wandten, wurde kurz vor Weihnachten 2016 laut, ein Artikel im Pforzheimer Kurier folgte am 22. Dezember. Kurz danach, am 27. Dezember, gab Thomas Zeilmeier seine Bewerbung im Rathaus ab. Zeilmeier ist zufrieden mit dem Ergebnis der mehrtägigen Dreharbeiten. „Ich war positiv überrascht. Da war nichts dabei, wo ich mir die Haare gerauft habe“, sagt der neue Bürgermeister auf Nachfrage.

Film ist in der ZDF-Mediathek zu finden

Der Beitrag, der zur Hälfte auch von der Bürgermeisterwahl in Zimmern ob Rottweil handelt, kann in der ZDF-Mediathek abgerufen werden.

Video: „37 Grad – Der Bürgermeister-Macher“ hier anschauen.

Angemerkt: Der ZDF-Beitrag „Der Bürgermeister-Macher“ lässt tief blicken in die Wahlkampf-Mechanismen in der Provinz. Wer bislang dachte, nur auf der großen Polit-Bühne würde mit harten Bandagen gekämpft, wurde eines Besseren belehrt.
Klaus Abberger überlässt nichts dem Zufall, seine Strategie ist höchst professionell – und ebenso berechnend. Kommt ein Amtsinhaber wie in Ispringen ins Straucheln, wittert der Wahlkampf-Trainer seine Chance und versucht, den Gegner mit allen Mitteln zu schwächen und seinen Kandidaten zu stärken. Über die Wahl der Methoden kann man geteilter Meinung sein. Thomas Zeilmeier hatte im Wahlkampf als unabhängiger Kandidat keine helfende Parteihand. Klaus Abbergers Dienste in Anspruch zu nehmen, kann man als clever und konsequent deuten. Dass Abberger vor der Kamera ohne mit der Wimper zu zucken betont, wie wichtig es sei, zeitnah eine negative Berichterstattung über Amtsinhaber Winkel anzustoßen, lässt dann aber doch aufhorchen.
Zwischen der kritischen Offensive einiger Ispringer Gemeinderäte und der anschließenden Bewerbung Zeilmeiers lag keine Woche. Abberger überlässt eben nichts dem Zufall. | Tassilo Pfitzenmeier