Lesen geht nur zu Hause: Claudia Speer aus Pforzheim musste ihren Historischen Roman während der Corona-Pandemie veröffentlichen. | Foto: Wacker

Strenge Corona-Auflagen

Wie Pforzheims Schriftsteller unter dem Wegfall der Lesungen leiden

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Lesungen gehören zu den wichtigsten Marketing-Mitteln auch für Pforzheims Schriftsteller und Autoren, um sich und ihre Werke bekanntzumachen. Corona und die entsprechenden Hygienebestimmungen haben ihnen dies genommen. Eine Lösung des Problems scheint weit weg zu sein.

Es war schon alles angerichtet für Claudia Speer. Bei der Leipziger Buchmesse wollte die Pforzheimer Schriftstellerin ihren neuesten Historischen Roman „Der Normanne und die belagerte Stadt“ zur Premiere bringen. Dann kam Corona.

Erst fiel die Buchmesse aus, dann sämtliche Lesungen. „Die Promotion meines Buches war dadurch eine Nulllinie“, berichtet sie. Ihr 454 Seiten dickes Buch droht nun in Vergessenheit zu geraten. „Nächstes Jahr gibt es dann neue Bücher, die aktueller sind.“

Wer davon seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, der verhungert.

Rainer Bartels, Sprecher der Sektion Literatur des Kulturrats Pforzheim

So wie Speer geht es mehreren Autoren und Schriftstellern, auch in der Region. „Wer davon seinen Lebensunterhalt bestreiten muss, der verhungert“, sagt Rainer Bartels, Sprecher der Sektion Literatur des Kulturrats Pforzheim. Das sei in Pforzheim und Enzkreis niemand, betont er. Doch das stimmt nur halb.

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Claudia Speer etwa arbeitete zwar jahrelang in der Schmuckindustrie, mittlerweile seien ihre Buchverkäufe und Lesungshonorare aber ihr einziges Einkommen. „Zum Glück kann ich mir das leisten“, sagt sie.

Lesungen sind auch finanziell wichtig für Autoren

Warum Lesungen so wichtig für Autoren und Schriftsteller sind, erklärt Ursula Gassler, Autorencoach im Verein „Goldstadt Autoren“, dem auch Speer angehört. „Man bekommt die Bücher, die man bei Lesungen verkauft, zum Verlagspreis“ berichtet sie. Sprich: Was normalerweise Zwischenhändler wie Amazon, Thalia oder andere Buchhändler verdienen, könnten die Autoren dann zusätzlich erhalten.

„Lesungen sind das A und O“, meint sie. Schließlich diene das auch dazu, dass sich Autor und Kunde kennenlernen, Bindungen entstehen. Auch sie selbst leidet darunter, dass nun alles ausfällt. Denn ihr Roman „Biographie des Tötens“ erschien im Dezember 2019.

Pforzheims Schriftsteller versuchen es über Online-Lesungen

Dabei ist es keinesfalls so, dass Autoren nicht kreativ wären, um ihre Bücher an den Mann oder die Frau zu bringen. Speer, vorher Facebook-Skeptikerin, hatte sich dort etwa ein Profil zugelegt, Online-Lesungen gegeben. Der Effekt war gering, wie auch bei den anderen Autoren aus Gasslers Club.

Das sind eher Placebos.

Jeff Klotz, Inhaber J. S. Klotz Verlagshaus

„Das sind eher Placebos“, erklärt Jeff Klotz, Inhaber des gleichnamigen Verlags in Neulingen. Er sieht darin die Gefahr von Kannibalisierungseffekten. Sprich: Wer das alles schon gratis im Netz gehört hat, der zahlt dann nicht mehr für das Buch. „Es sind viele Verlage kreativ geworden. Ich halte mich da raus. Ich warte lieber noch ein paar Monate ab und dann geht’s wieder richtig los“, so Klotz.

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Außerdem plane er, aus der vor einem Jahr gestarteten kleinen Regio-Buchmesse in Bauschlott beim nächsten Mal etwas Größeres zu machen. Dann sollen nicht nur regionale Verlage eine Bühne bekommen, sondern auch regionale Autoren, die bei anderen Verlagen untergekommen sind. Aus Verlagssicht, betont er, sei die Krise weniger dramatisch als für die Autoren. Denn Bücher würden ja schon gekauft, das habe er etwa Ostern und Pfingsten gespürt.

Gibt es Hoffnung auf Lesungen im Herbst?

Nur mit Lesungen, da sieht es eben mau aus. Und Besserung scheint da nicht in Sicht zu sein. Oliver Meißner, Inhaber des Nordstadt-Buchhandlung, steht dem jedenfalls auch für den Herbst skeptisch gegenüber. Und Meißner galt eigentlich als sicherer Hafen für Autoren aus Pforzheim. Bis Corona habe er immer im Frühjahr und im Herbst Lesungen angeboten, auch für regionale Autoren. Doch 2020 fiel erst das Frühjahr flach.

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Und der Herbst? „Ich gehe davon aus, würde ich eine Lesung ansetzen, dann wäre ich alleine hier“, sagt er und verweist auf die ebenfalls schwierige Lage bei Kinos und in Gaststätten. Zwar sei er bereit, bei Lesungen auch ein paar wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Aber nicht solche.

Und so bleibt nun Autoren wie Speer oder Gassler, sich irgendwie durchzuwurschteln. Speers Fazit: „Man muss hartnäckig sein.“