Seit Jahrzehnten gehen Elfriede und Rudolf Grünes durch das „Gässle“ im alten Singener Ortskern. Jetzt müssen sie immer öfter einen Umweg in Kauf nehmen. | Foto: tas

Anwohner und Eigentümer streiten

Wirbel um „Gässle“ in Remchingen-Singen

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Menschen regen sich über alles Mögliche auf, vor allem, wenn ihnen jemand etwas wegnimmt. Im Remchinger Ortsteil Singen wird ein seit über 100 Jahren genutzter Durchgang, der die beiden Hälften des alten Ortskerns verbindet, mit Gerümpel und Mülltonnen zugestellt. Das nehmen einige Singener als Angriff auf ihre persönliche Freiheit wahr. „Das Gässle gibt’s seit Menschengedenken, es gehört zur Tradition des alten Ortskerns“, sagt Peter Dennig, der wenige Meter entfernt wohnt. Jetzt kommen die Anwohner oft nicht mehr durch. Das lässt die älteren Ortsansässigen vor Wut schnauben.

98-Jähriger nutzt Durchgang als Abkürzung

Rudolf Grünes ist einer von ihnen, er winkt resigniert ab. Tag für Tag macht sich Grünes mit seinem Rollator auf den Weg zum hinter einer Kurve gelegenen Bäcker und Metzger in der Marktstraße und holt sich frische Brötchen und sein Mittagessen. Die gut fünfhundert Meter schafft der 98-Jährige nur, weil er die Abkürzung durch das Gässle nehmen kann. Da der neue Eigentümer des Anwesens Nummer 30 die Passage zeitweise versperrt, muss Grünes den Umweg über die unübersichtliche Straßenkurve nehmen. Auf der einen Seite wird ein Haus gebaut, Autos parken den kläglichen Rest Gehweg an der Kreuzkirche zu, auf der anderen Seite gibt es erst gar keinen Fußgängerweg, sagt Grünes. Er geht am Eck-Haus die Straße hoch und hofft, dass er rechtzeitig von den Autofahrern gesehen wird.

Seniorin fährt Rollator-Slalom

Vor einigen Tagen habe ihn der neue Hausbesitzer „angebruddelt“, sagt Grünes. Das Gelände sei Privateigentum, Durchgang verboten. Seither traut sich der Senior kaum noch aus dem Haus. Seine Frau Elfriede will sich nicht unterkriegen lassen. Sie fährt mit ihren 85 Jahren Rollator-Slalom und überwindet aus der früheren Gaststätte im Erdgeschoss herausgerissene und im Gang abgelegte Hindernisse wie Heizkörper, Toilettenspülkasten, Pissoirs und eine Schnapsflasche. „Ich muss jetzt zur Bank“, sagt sie konzentriert vornübergebeugt und mit festem Griff am Gefährt. Zuvor räumt Peter Dennig noch eine Palette auf die Seite.

Gefährlich für Fußgänger ist die Marktstraße, hier Höhe Anwesen 30, Richtung Kreuzkirche. Weil kein Gehweg um die Ecke führt, nutzen viele das Gässle (rechts). | Foto: privat

Der 55-jährige Dennig kommt mit Tobias Ade, der ein paar Häuser weiter einen Hofladen betreibt, ins Gespräch. Auch am Verkaufstresen sei das vermüllte „Gässle“ Gesprächsthema. Ade schüttelt den Kopf. Das Gässle sei einfach schon immer da gewesen. Seit 1880 gibt es das dazugehörige Gebäude, damals machte Georg Adam Schmidt ein Gemischtwarengeschäft, bekannt als Schmidt’s Lädle, auf. Der Durchgang wurde beim Bau eingeplant, weil das die Kundenfrequenz erhöhen sollte.

Passage ist Privatgrundstück

Udo Stöckle, stellvertretender Hauptamtsleiter in Remchingen, habe Verständnis für die Anwohner, die sich ärgern. Allerdings handele es sich um ein Privatgrundstück. „Ein Wegerecht ist weder im Grundbuch noch im Baulastenverzeichnis eingetragen“, sagt Stöckle auf Nachfrage. Die Straßen- und Gehwegverhältnisse seien ihm bekannt. Die Gemeinde wolle nun prüfen, wie die Baustelle auf der gegenüberliegenden Seite die Fußgänger nicht weiter beeinträchtigt. Auch möchte Stöckle ermitteln, ob das Gewohnheitsrecht in diesem Fall greife. Er habe da aber wenig Hoffnung. Peter Dennig sagt: „Vor wenigen Tagen wurde gefeiert, dass die Berliner Mauer länger weg ist als sie stand – hier wirkt das versperrte Gässle wie eine Mauer, die den Ortskern trennt.“ 2019 feiert Singen 1250-jähriges Bestehen. Er wünscht sich, dass spätestens dann eine Lösung gefunden wird.

Peter Dennig (links) und Hofladen-Betreiber Tobias Ade erinnern sich an Schmidt’s Lädle, das früher an die Gasse angrenzte. | Foto: tas

Der Eigentümer des Anwesens samt Gässle, Mario Polito, schildert eine ganz andere Version der Geschichte. So sei er zum Beispiel an einem Sonntag von einem Passanten mit Hund aus dem Haus geklingelt worden, weil er sein Auto an der Durchgangsseite Richtung Bachstraße geparkt hatte – in seinem eigenen Hof. „Wo soll ich denn mein Auto hinstellen, wenn nicht auf mein Privatgrundstück?“, fragt Polito. Von manchen werde er deshalb beleidigt.

Was passiert, wenn jemand stürzt?

Der 48-Jährige stellt seine Mülltonnen in den Durchgang. Da seien sie überdacht und nähmen in der Garage keinen Platz weg. Was ihn ärgert: Im Gang landen auch Schnapsflaschen, Hundekot oder anderer Unrat. Während der Faschingszeit diene das Gässle für viele als Müllkippe und Urinal. „Was passiert, wenn jemand stürzt? Bin ich dann haftbar?“ Der Durlacher hatte deshalb ein Schild mit der Aufschrift „Privatgrundstück – kein öffentlicher Durchgang“ angebracht. Das hing aber nur kurze Zeit, es sei abgerissen worden.

Eigentümer würde Durchgang verkaufen

Am liebsten würde Polito den Durchgang ganz zusperren. Er bietet an, dass die Gemeinde ihm den Durchgang abkauft, dann aber auch für Sanierung und Räumpflicht verantwortlich ist. Eine finanzielle Entschädigung möchte er, weil er mit dem Verkauf eine Parkmöglichkeit verlöre, erklärt Polito, der sich über den ganzen Trubel wundert: „Warum soll ich auf meinem Grundstück nicht machen können, was ich will?“
Peter Dennig hat der Gemeinde vorgeschlagen, ein Schild mit der Aufschrift „Durchgang auf eigene Gefahr“ anzubringen, um eine Haftung des Eigentümers auszuschließen.

Gässle ein Stück Heimat

Kurt Ebel wohnte viele Jahre in der nahe gelegenen Bachstraße. Der Erste Bürgermeister-Stellvertreter erinnert sich noch gut an Schmidt’s Lädle mit dem dazugehörigen Gässle. Für die alten Leute aus dem Ortskern sei der Laden ein beliebter Treffpunkt gewesen. Die Kinder seien gerne durch den etwa fünfzehn Meter langen Durchgang gerannt. „Für die älteren Singener ist das Gässle ein Stück Heimat“, so Ebel. Es sorge für „kurze Wege“ und damit für mehr „Lebensqualität“. „Es wäre schön, wenn der Eigentümer das Gässle in sein Nutzungskonzept integrieren könnte.“