Ellen Eberle überlebte den großen Angriff auf Pforzheim. Bis heute erinnert sie sich genau an die Bilder jenes Tages.

Totenstille über Pforzheim

Zeitzeugen des Angriffs auf Pforzheim: „Am Eingang sah ich, wie alles brannte“

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Beklemmende Enge im Bunker, Bombenlärm und Flugzeuge am Himmel, die schockierenden Bilder der Toten: Viele Zeitzeugen nehmen die Bombardierung Pforzheims am 23. Februar 1945 bis heute als einschneidendes Erlebnis wahr – und haben die Bilder von damals klar vor Augen. 

Der 15-jährige Peter Ketterer war während des Feuersturms in Niefern, wo er für den Volkssturm ausgebildet wurde. Noch in der Nacht machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Pforzheim. „Als ich beim Krankenhaus ankam, sah ich, dass die Holzgartenstraße in Trümmern lag und die Pflügerstraße brannte.“

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Peter Ketterer | Foto: Archiv

In der Nähe des Kupferhammers bemerkte er den Schornstein der Familienbrauererei und dachte, der Bombenteppich sei daran vorbei gezogen. „Erst als ich die Dillsteiner Straße erreichte, sah ich, dass sie kaputt war.“

 

Alle Nachbarn kamen um

Doch es habe ihn versöhnt, dass seine Eltern den Angriff im Keller der Brauerei überlebt hatten. „Alle Nachbarn aus der Jahnstraße waren bei jedem Angriff mit uns dort, doch ausgerechnet in der entscheidenden Nacht nicht. Sie kamen alle um.“

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Was ihn besonders erschütterte, waren „die toten Arbeitsdienstmaiden, die im Palast-Café, dem heutigen Martinsbau, untergebracht waren. „Sie waren aufgedunsen und lagen aufgereiht auf dem Sedanplatz, bis sie mit Pferdefuhrwerken weggebracht wurden.“

Dann hörten wir nichts mehr von ihr

Manfred Kurfiß, Überlebender, über seine Mutter

Manfred Kurfiß wohnte mit seiner Mutter und zwei Geschwistern in der Lindenstraße. Eine Woche vor dem Großangriff fiel eine Bombe auf das Haus, während die Familie im Keller hauste. „Sie blieb als Blindgänger vor der Tür liegen. Da packte meine Mutter Koffer und wir liefen nach Stein, um bei den Großeltern unterzukommen.“ Er war fünf Jahre alt.

Der Himmel leuchtete

Manfred Kurfiß

Noch heute sieht er vor sich, wie am 23. Februar der Himmel leuchtete und alle umliegenden Feuerwehren nach Pforzheim fuhren. Seine Mutter sei auf einen der Wagen gesprungen, um noch etwas aus der Wohnung zu retten. „Dann hörten wir nichts mehr von ihr.“

Vier Tage später war sie noch nicht zurück. Die Tante meldete sie auf dem Rathaus als vermisst. Am fünften Tag bog eine Frau um die Ecke. „Ihre Haare waren verbrannt, sie trug Lumpen, hatte Brandblasen im Gesicht und an den Händen. Erst als sie näher kam, erkannten wir meine Mutter.

Alle heulten, nur meine Mutter nicht.“ Wie erstarrt sei sie gewesen. „Sie konnte kaum sprechen. Tage später erfuhren wir, dass sie in der Bombennacht von einem brennenden Keller zum nächsten gerannt war. Sie war zwei Tage verschüttet.“

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Alarm nach der Trauerfeier

Mit Mutter und Großmutter wohnte Ellen Eberle teils in Pforzheim, teils auf dem Dobel in einem Hotel, in dem auch Wehrmachtsangehörige versorgt wurden. Am 23. Februar wollten sie zum Begräbnis eines Onkels der Sechsjährigen.

„Die Soldaten warnten uns: Es würde einen Angriff auf Pforzheim geben. Wir gingen trotzdem.“ Bei den Fliegeralarmen am Vormittag sei man jedesmal in den Bunker gerannt. Nach der Trauerfeier gab es am Abend wieder Alarm.

„Wir liefen in den Bunker in der Heinrich-Wieland-Allee. Ich sah die ,Christbäume ’ am Himmel. Meine Oma schaffte es gerade noch herein und erzählte, dass ein Geschwader im Anflug auf Pforzheim sei. Wir schmiegten uns aneinander. Eine Frau neben uns betete Rosenkranz. Meine Mutter sagte zu ihr, sie solle leiser beten, sie würde uns den ganzen Sauerstoff wegnehmen. Gegen 21.30 Uhr kamen Soldaten und sagten: Bleiben Sie drinnen, es ist furchtbar. Am Eingang sah ich, wie alles brannte. Es herrschte Totenstille.“