Hausbahnsteig als Abstellgleis: Güterwagen zum Transport von Autos warten am einzig barrierefrei zugänglichen Bahnsteig des Rastatter Bahnhofs darauf, von einer Lok zum Daimler-Werk abgeholt zu werden. Oftmals stehen die Wagen über Sonn- und Feiertage hinweg.
Hausbahnsteig als Abstellgleis: Güterwagen zum Transport von Autos warten am einzig barrierefrei zugänglichen Bahnsteig des Rastatter Bahnhofs darauf, von einer Lok zum Daimler-Werk abgeholt zu werden. Oftmals stehen die Wagen über Sonn- und Feiertage hinweg. | Foto: Collet

Situation an den Gleisen

Abgestellte Güterwagen schmücken den Bahnhof Rastatt

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Über tagelang abgestellte Güterwagen am Gleis 1 wundern sich seit einigen Monaten die Fahrgäste. Der ohne Lok abgestellte Güterzug steht häufig während Wochenenden oder über Feiertage und reicht vom Bereich des Bahnhofsgebäudes entlang der Niederwaldstraße bis zum Lidl-Abzweig. „Das ist ein ganz normaler Vorgang“, erklärt ein Bahnsprecher auf Anfrage der Badischen Neuesten Nachrichten. Alle Gleise im Rastatter Bahnhof würden genutzt, so könne der Disponent entscheiden, auf welchem Gleis welcher Zug abgestellt werde.

Güterzug für Daimler

„Wenn Güterzüge kommen und noch nicht abgerufen werden, müssen sie abgestellt werden“, so der Sprecher weiter. Konkret gehe es um einen Zug, der das Daimler-Werk bedient. Man entscheide sich in der Regel für ein Abstellgleis, bei dem ein möglichst geringer Rangieraufwand bestehe.

Kürzerer Weg

In der Tat mündet das Gleis 1 vor der Murgbrücke in das Hauptgleis und von dort zweigt die Wintersdorfer Strecke ab, von der aus nach der L75 das Anschlussgleis ins Werk führt. Würde der Zug im Güterbahnhof stehen, müsste er bei der Abfahrt zunächst die Murgtalstrecke überqueren, danach beide Stränge der Rheintalbahn – und damit den gesamten Zugverkehr im Rastatter Bahnhof blockieren.

 

Barrierefrei ist besetzt

Gleichwohl mutet es für viele Fahrgäste grotesk an, dass ausgerechnet am einzigen barrierefrei erreichbaren Bahnsteig ein Güterzug steht, während sich die Reisenden alle über die Unterführung ohne Aufzug und Gepäckband zu den Bahnsteigen quälen müssen.

Echo-Effekt ab Gleis 5 und 6

Ein paar Gleise weiter hinten gibt es unterdessen anderen Unmut: Nachdem monatelang sowohl die Anzeigen wie auch die Ansage an Gleis 5 und 6 ausgefallen waren, entsteht inzwischen vor der Einfahrt eines Zuges eine Gebirgs-Atmosphäre: Die Ansage an Gleis 6 startet um wenige Sekunden versetzt zu der wortgleichen Ansage an Gleis 5, so dass es einen Echo-Effekt gibt. Die Bahnsteige liegen so dicht aneinander, dass beide Durchsagen nahezu gleichlaut zu hören sind.

Es wird daran vorerst nichts geändert.

Das Bahnhofmanagement überprüfte die Situation nach einer BNN-Anfrage und kam nach Angaben einer Sprecherin zum Ergebnis: „Es ist alles zu verstehen. Es wird daran vorerst nichts geändert.“ Es seien zwei Lautsprecherkreise, die getrennt angesteuert würden, somit könne man die gleiche Durchsage nicht genau zeitgleich steuern.

Sanierung steht an

Der Rastatter Bahnhof soll ab nächstem Jahr saniert werden. Vor allem soll es eine Fußgängerbrücke im Bereich des Stellwerks geben, mit dem alle Bahnsteige über Aufzüge barrierefrei erreichbar sein werden. Die Bahnsteige werden erhöht. Baubeginn soll im nächsten Jahr sein, die Bahn rechnet mit einer Fertigstellung im Dezember 2023. Die Sanierung ist im Wesentlichen der Tunnelhavarie bei Niederbühl zu verdanken. Während der Streckensperrung mussten rund zwei Millionen Fahrgäste an diesem maroden Bahnhof umsteigen, was dem Ansehen der Bahn sehr schadete. Daraufhin verkündete die Bahn die Sanierung.

Kommentar: Ausrangiert
Immer wieder dieser Rastatter Bahnhof. Natürlich kann die Bahn ihre Gleise nutzen und belegen, wie sie will. Natürlich ist der Personenverkehr auch dann abzuwickeln, wenn am Hausbahnsteig Güterwagen abgestellt sind. Natürlich fährt es sich aus Gleis 1 bequemer zum Daimler-Werk als vom Güterbahnhof aus. Natürlich kann man auf Gleis 5 die Ansage irgendwie verstehen, obwohl der gleiche Text mit leicht verzögertem Echo elektronisch angesagt wird.
Ob das allerdings zum guten Ansehen der Bahn beträgt, steht auf einem anderen Blatt. Der Bahnhof macht halt immer mehr den Eindruck, als habe man ihn ausrangiert – und das schon seit Jahren. Die große Sanierung steht bevor, aber noch satte vier Jahre soll es dauern, bis eine der heruntergekommensten Stationen endlich für Behinderte benutzbar sein wird.
Da stellt sich schon die Frage, ob nicht bereits jetzt alles dafür getan werden sollte, damit die Reisenden wenigstens ein bisschen Aufenthaltsqualität verspüren. Abgestellte Güterwagen direkt am ersten Gleis tragen dazu ebenso wenig bei wie Ansagen, die sich wegen zeitverzögerter Zuschaltung gegenseitig überschlagen.
Der Bahn muss klar sein: Die Rastatter leben mit diesem Zustand bereits seit vielen Jahrzehnten. Sie glauben immer, dass es nicht mehr schlimmer werden kann – zumindest so lange, bis irgendwo der nächste Güterzug abgestellt wird.