In Woking warten die Einwohner nicht nur auf Züge am Bahnhof. In der Rastatter Partnerstadt herrscht Unsicherheit über die Folgen des Brexit.
In Woking warten die Einwohner nicht nur auf Züge am Bahnhof. In der Rastatter Partnerstadt herrscht Unsicherheit über die Folgen des Brexit. | Foto: imago

Rastatts Partnerstadt Woking

Am Brexit kommt keiner vorbei

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Großbritannien mag zwar die Europäische Union verlassen, die Verbundenheit zwischen der Stadt Rastatt und ihrem englischen Freund bleibt aber bestehen. In der Partnerstadt Woking nahe London haben die meisten Einwohner gegen den Brexit gestimmt, erzählt Marlie Roes, Vorsitzende des dortigen Partnerschaftskommitees.

Wie geht es den Bürgern also nun mit dem bevorstehenden EU-Ausstieg und den Diskussionen im Parlament? Eins stehe jedenfalls fest, so Roes, die Partnerschaft zwischen Woking und Rastatt werde sich nicht verändern.

Ungewissheit herrscht

Roes ist Niederländerin, lebt bereits seit über 25 Jahren in Woking und pflegt die Beziehungen der rund 63 000-Einwohner-Stadt über den Ozean nach Rastatt. Sie hofft derzeit vor allem auf baldige Gewissheit, ob sie nach dem Brexit in Großbritannien bleiben kann oder nicht. „Ohne Beschränkungen“, ergänzt sie.

Reporter berichtet aus Woking

Genau um diese möglichen Beschränkungen für das Leben und Arbeiten sorgen sich viele Menschen in Woking, erklärt Stuart Flitton. Der Reporter der Wochenzeitung „Woking News & Mail“ beobachtet die Situation in der Stadt. Er kennt beide Seiten: die der Brexit-Befürworter und der Gegner. „Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Bürger hat Jonathan Lord, unser Mitglied des Parlaments, für das Verlassen der EU gestimmt“, erinnert sich Flitton.

Ökonomische Gründe für Brexit

Diese Entscheidung hätte beim Referendum im Jahr 2016 vor allem ökonomische Gründe gehabt. „Dennoch wurde er bei unserer Wahl 2017 erneut wiedergewählt“, sagt der Wokinger Journalist. „Seine politische Einstellung zum Brexit hatte demnach keine Auswirkungen auf die Beliebtheit in der Stadt.“

Das größte Problem ist die Unsicherheit.

Die Menschen seien derzeit aber besorgt und verärgert – nicht nur in Woking, betont Flitton. „Das größte Problem ist die Unsicherheit.“ Die meisten kümmert es gar nicht mehr, dass der Brexit kommt, sie wollen die Folgen davon einfach nur wissen, sagt er.

Nähe zu London

Woking liegt im Westen der Grafschaft Surrey in England. Eine wirtschaftliche Verbindung zur Partnerstadt Rastatt gab es bis vor einigen Jahren durch die Daimler AG, die als Anteilseigner der dort ansässigen McLaren Gruppe agierte. „Nur 25 Minuten braucht man mit dem Zug nach London“, beschreibt Flitton die Umgebung. Daher arbeiten viele Einwohner auch in der Hauptstadt.

Sicht ist internationaler.

„Ihre Sicht auf Politik ist dadurch viel internationaler geprägt als etwa in den umliegenden ländlicheren Gegenden“, vermutet der Journalist. In ihrem Arbeitsleben hätten sie zudem häufig mit europäischen Unternehmen zu tun, kooperieren und tauschen sich aus. Alles Gründe, die verdeutlichen, wieso die meisten Einwohner in der EU bleiben wollten, so Flitton.

Sorge bei kleinen Unternehmen

„Gerade kleinere Unternehmen mit Sitz in Woking sind besorgt über ihre Zukunft.“ Ihre finanziellen Möglichkeiten sowie ihr Handlungsspielraum bei möglichen wirtschaftlichen Beschränkungen und Folgen seien viel geringer.

Hoffnung bleibt

Doch Flitton ist sich sicher: „Die Regierung wird eine Lösung finden, selbst wenn diese noch chaotisch ist. Sie muss, denn die Frist am 29. März steht.“ Weder die Befürworter noch die Gegner sind glücklich über die Lage. Nicht nur im Parlament sind die Meinungen geteilt.

Momentan redet jeder über den Brexit.

„In der Familie spricht man lieber nicht über den Brexit“, erzählt er. „Das führt schnell zu einem Streit.“ Große Dynamik habe das Thema auch in den sozialen Medien: „Dort werden viele hässliche Dinge gesagt“, so Flitton. Es herrsche viel Spannung und Ärger. „Normalerweise ist Politik nicht das Hauptthema in der Stadt“, sagt der Reporter. „Doch momentan redet einfach jeder über den Brexit.“