Rillen im Boden, Zeichen auf dem Pflaster: Der Vorplatz des Rastatter Bahnhofs wurde von der Stadt Rastatt mit einem proivsorischen Blindenleitsystem ausgestattet. An den Treppen zur Unterführung endet das allerdings. Barrierefreiheit herrscht ab da nicht mehr.
Rillen im Boden, Zeichen auf dem Pflaster: Der Vorplatz des Rastatter Bahnhofs wurde von der Stadt Rastatt mit einem proivsorischen Blindenleitsystem ausgestattet. An den Treppen zur Unterführung endet das allerdings. Barrierefreiheit herrscht ab da nicht mehr. | Foto: Collet

Barrierefreiheit

Am Rastatter Bahnhof gibt es keine Hilfe für blinde Menschen – das sagt die Bahn zu den Vorwürfen

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Nur zwei Möglichkeiten hat Ulrike Scharpenberg-Brücks nach dem Aussteigen aus der Straßenbahn am Rastatter Bahnhof: Entweder sie folgt direkt dem Gedränge der anderen Passagiere oder sie bleibt erst einmal stehen und lauscht später nach akustischen Signalen zur Orientierung. Die 48-Jährige ist blind. Ihr einziges Hilfsmittel neben ihrem Gehör ist der Blindenstock.

Leitlinien auf dem Boden findet sie in Rastatt an den Gleisen aber keine. Der Zustand des Bahnhofs steht spätestens seit der Havarie in der Kritik. Barrierefreiheit: Fehlanzeige. Die blinde Frau ist auf sich alleine gestellt – und auf die Hilfe von Mitreisenden angewiesen.

Blinde Frau pendelt nach Rastatt

Die aufeinanderfolgenden Haltestellen von der Karlsruher Ostendstraße bis zum Ausstieg in Rastatt kennt Scharpenberg-Brücks inzwischen auswendig. Drei Monate lang war der Bahnhof Teil ihrer täglichen Pendlerstrecke zur Arbeit – ein Praktikum bei der Jugendförderung der Stadt Rastatt. „Ich stelle mir den Bahnhof sehr alt vor“, sagt die Studentin für Soziale Arbeit.

Tasten und Hören bringen Ulrike Scharpenberg-Brücks sicher an den Treppenabgang vom Gleis.
Tasten und Hören bringen Ulrike Scharpenberg-Brücks sicher an den Treppenabgang vom Gleis. | Foto: Bodamer

„Die Herausforderung beginnt beim Aussteigen, denn da weiß ich zu Beginn nicht, wo ich bin“, erzählt sie. „Die Bahn hält mal weiter vorne, mal weiter hinten am Gleis.“ Die Distanz zur Treppe, die in die Unterführung und zum Ausgang führt, ist also nie derselbe. Ins Pflaster gefräste Leitlinien, die über ihre Struktur auf dem Boden Blinden den Weg weisen, fehlen. „Oft helfen mir die Leute von sich aus“, sagt die Betroffene. Eine weitere erprobte Taktik von ihr sei es, den Stimmen hinterherzulaufen. „Wenn niemand da ist, muss ich auf gut Glück losgehen.“

Rastatter Bahnhof bietet keine Orientierung

Den Abgrund zum Gleisbett ertaste sie mit dem Stock. „Gefährlich in dem Sinne ist das nicht“, betont sie. In Momenten der Orientierungslosigkeit hört sie auf Passanten, versucht herauszufinden, woher die Simmen kommen und wolang sie gehen. „Schwer wird das, wenn etwa ein Güterzug durch den Bahnhof rast und man sein eigenes Wort kaum mehr versteht“, ergänzt sie. „Dann höre ich keinerlei wichtige akustische Signale mehr.“

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Wenn ihr Blindenstock den ersten Treppenabsatz ertastet, ist der schwierigste Teil an den Gleisen geschafft. Scharpenberg-Brücks ist auf ihrem Arbeitsweg alleine unterwegs. Mit der Zeit habe sie gelernt, sich selbst zu helfen und Strukturen im Umgang mit solchen Situationen entwickelt.

Probleme für Menschen im Rollstuhl

Blind ist die 48-Jährige seit ihrem neunten Lebensjahr. Sie kam bereits mit einem Augenfehler auf die Welt. Doch der Rastatter Bahnhof sei nicht nur für Sehbehinderte sondern auch für andere Menschen ein Problem, kritisiert sie. „Ich bin schließlich nur blind. Was machen Menschen im Rollstuhl oder Frauen mit Kinderwagen?“ Barrierefreiheit gibt es dort nicht, Aufzüge kann man lange suchen.

2021 soll die Sanierung starten.

„Rastatt ist ein Beispiel für Barriereunfreiheit“, bestätigt Hans Kühn. Als Vorsitzender der Ortsgruppe Mittelbaden des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands sei er diesbezüglich bereits seit Jahren in Gesprächen mit der Deutschen Bahn. „2021 soll die Sanierung starten. Geduld haben wir, solange etwas gemacht wird“, erklärt er. Kühn selbst ist erst im Laufe seines Lebens erblindet.

Inklusion hat mehr Aspekte als das Leitsystem

„Ich bin in der glücklichen Lage, am Bahnhof bislang immer von meiner Frau begleitet worden zu sein“, erinnert er sich und denkt an den Alltag von Menschen wie Ulrike Scharpenberg-Brücks. Leitlinien, Punktschrift an den Treppengeländern, Aufzüge, aber auch Fahrkartenautomaten, die Blinde bedienen können, seien essenziell für gelungene Inklusion – und in Rastatt nicht vorhanden. „Wir wollen erreichen, dass alle Menschen den Ein- und Ausstieg dort eigenständig bewältigen können“, ergänzt Kühn.

Betroffene zählt Treppenaufgänge mit dem Blindenstock

Vor ihrem ersten Besuch hat sich Ulrike Scharpenberg-Brücks den Bahnhof mit all seinen Tücken daher von einem Blindentrainer zeigen lassen. In der Unterführung angekommen, geht die blinde Frau zielstrebig in Richtung Bahnhofsvorplatz. Mit ihrem Stock schwenkt sie von links nach rechts, wo er stets an der Wand anstößt. „So merke ich wann die Treppenaufgänge kommen, und kann mitzählen, an welchem Gleis ich mich befinde“, sagt sie.

Etwas lauter trifft der Blindenstock einen Fahrkartenautomaten. „Anders als viele denken, ist der mir aber nicht im Weg. Er hilft genauso zu Orientierung. Wir sind bei Gleis 2 und 3, richtig?“ Sie könne sich immer helfen, indem sie andere fragt. „Aber ein Leitsystem wäre schon hilfreich, eine Kennzeichnung für die erste und letzte Stufe und in Blindenschrift gefasste Gleisnummern.“

Deutsche Bahn erkennt Handlungsbedarf

Die vollständige Barrierefreiheit der Bahnhöfe sei eines der wichtigsten und größten Handlungsfelder der Deutschen Bahn, betont ein Sprecher des Konzerns auf BNN-Anfrage. 80 Prozent der 684 Bahnhöfe in Baden-Württemberg seien bereits stufenfrei erreichbar, ergänzt er. „Wir möchten aber noch besser werden“, so der Sprecher.

Für den Bahnhof Rastatt sei eine Modernisierung inklusive des barrierefreien Ausbaus vorgesehen. „Dafür werden die Bahnsteige erhöht und mit einem taktilen Blindenleitsystem ausgestattet“, kündigt er an. Zudem werde ein Fußgängersteg mit vier Aufzügen und neuen Treppenanlagen über den vier Bahnsteigen errichtet.

Bauarbeiten sollen 2023 abgeschlossen sein

Im November 2018 wurden alle Planungsunterlagen beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) eingereicht. Ende 2017 sei die Bahn zudem mit der Stadtverwaltung Rastatt und dem Expertenkreis Inklusion in Kontakt gewesen, um die Verbesserungen des Rastatter Bahnhofs zu erörtern und in die Planungen mitaufzunehmen, erläutert der Sprecher. „Der aktuelle Zeitplan sieht vor, die Bauarbeiten Ende 2020 zu beginnen und im Jahr 2023 abzuschließen.“

Wir machen den Anfang, damit Generationen nach uns etwas von den Verbesserungen haben.

Um Fehler zu vermeiden, werde Kühn die anstehende Sanierung gemeinsam mit dem Verband kritisch begleiten: „Wir machen den Anfang, damit Generationen nach uns etwas von den Verbesserungen haben.“ Die Bahn und Kommunen müssten jedoch zusammenarbeiten, damit Hilfen wie das Leitsystem nicht einfach irgendwo aufhören.

Die Linien etwa auf dem Bahnhofsvorplatz – initiiert durch die Stadt Rastatt – seien lediglich ein Provisorium, das Blinde von den Treppen der Unterführung zu den Bussen führt. „Ein Umweg und nicht sehr sinnvoll gelegt“, bewertet Scharpenberg-Brücks aus eigener Erfahrung. Von dort fährt sie weiter in die Innenstadt zum ihrem Arbeitsplatz. Das funktioniere ohne Probleme, betont sie.