Büro zum Mitnehmen: Einmal die Woche verlegt Monja Roflik, stellvertretende Sachgebietsleiterin der Bußgeldstelle, ihren Arbeitsplatz nach Hause.
Büro zum Mitnehmen: Einmal die Woche verlegt Monja Roflik, stellvertretende Sachgebietsleiterin der Bußgeldstelle, ihren Arbeitsplatz nach Hause. | Foto: Collet

Telearbeit als Alternative

Arbeitsplatz ohne Anfahrtsweg

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Aufstehen, Frühstücken und ohne Anfahrtsweg direkt an den Schreibtisch: Das Zuhause wird vermehrt zum gelegentlichen Arbeitsplatz. Im Landratsamt Rastatt haben Mitarbeiter bereits seit knapp 15 Jahren die Möglichkeit zu Telearbeit.

Zum Jahresanfang 2019 beginnt die Stadt Rastatt mit Telearbeit. Der Hauptgrund: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, betont Klaus Kögel, Personalleiter der Stadt. „Telearbeit ist schon lange ein Thema“, erklärt er. Die entsprechende Dienstvereinbarung unterzeichneten Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch und der Vorsitzende des Personalrats Richard Straub Ende Oktober.

Telearbeit kompensiert Zeit

Die zeitliche und räumliche Flexibilität von Telearbeit – auch „Home Office“ genannt – sei ein großer Reiz für viele, so Kögel. Ein Tag pro Woche ist jedoch Präsenzpflicht. „Wir möchten keine soziale Isolation“, betont der Personalchef. Durch den eingesparten Fahrtweg sei es manchen möglich, zur Vollzeitstelle zurückzukehren. „Man kann die zusätzliche Arbeitszeit kompensieren“, erklärt Richard Straub. Einen positiven ökologischen Effekt habe das Modell auch.

Vertrauen ist ein Muss.

Haushaltsziel der Stadt ist es, bis 2020 drei Prozent der Mitarbeiter in Telearbeit zu beschäftigen. Doch dafür eigne sich nur, wessen Arbeit weder Unterlagen wie Personalakten noch Kundenkontakt beinhalte, erklärt Kögel. Die Hard- und Software wird von der Stadt gestellt – private Nutzung ist jedoch aus Sicherheitsgründen verboten. Eine Zeiterfassung gebe es nicht, ergänzt der Leiter der Personalabteilung. „Das Vertrauen in die Mitarbeiter ist ein Muss.“ Die ersten Nach- und Anfragen erreichen ihn bereits. „Das wird wohl eher steigen in den nächsten Jahren.“

Zufriedenheit am Arbeitsplatz

Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung sind Beschäftigte, die von Zuhause arbeiten dürfen, zufriedener. Neben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie herrsche Studien zufolge der Wunsch danach, sich seine Zeit autonom einzuteilen, schreibt das Institut.

Sozialer Kontakt

Das Landratsamt Rastatt erlaubt das seinen Mitarbeiter seit 2003. Auslöser für das Pilotprojekt war eine Kollegin in der Betreuungsbehörde: „Entweder sie hätte in Teilzeit gehen und Arbeit abgeben müssen oder eben von Zuhause arbeiten“, erinnert sich Iris Mezger, stellvertretende Amtsleiterin für Personal, Organisation und Zentrale Dienste. Von den rund 1 200 Mitarbeitern im Landratsamt nutzen das Angebot allerdings nur 19 Mitarbeiter, darunter zwei Männer. „Viele möchten den sozialen Kontakt im Büro“, vermutet Mezger.

Alternative für Familien

„Wir wollen zufriedene Mitarbeiter, denn das spricht sich rum. In Zeiten des Personalmangels ist das wichtig“, erklärt die Personalexpertin. Vereinbarkeit von Familie und Beruf gehöre dazu. Das Angebot zielt auf Menschen mit Kindern und solche, die ihre Angehörigen pflegen. Mit Blick auf die Demografie ist Mezger sicher, die Nachfrage nach Telearbeit wird steigen.

Etwas Skepsis auf Seite der Arbeitgeber sei anfangs normal, sagt sie. „Aber man sollte den Mitarbeitern nicht immer direkt das Negative unterstellen.“

Positive Resonanz

Es würde auffallen, wenn die Zeit am heimischen Schreibtisch nicht genutzt würde, bestätigt Monja Roflik, stellvertretende Sachgebietsleiterin der Bußgeldstelle im Landratsamt. Die zweifache Mutter erledigt ihren Teilzeit-Job freitags Zuhause in Langenbrand.

Ich kann die Kinder versorgen und trotzdem arbeiten.

Rofliks Arbeitstage seien dort wie die anderen – nur ohne Anfahrtsweg. Daran schätzt die 43-Jährige besonders: „Wenn die Kinder mal krank sind, kann ich sie versorgen und trotzdem meinen Job machen.“ Anspruchsvolle Aufgaben ließen sich zudem konzentrierter bearbeiten, ergänzt sie. Disziplin gehöre aber dazu.

Büro in der Wohnung

Die für „Home Office“ notwendige Ausstattung haben die meisten eh Zuhause: Einen Laptop oder Computer und Wlan, betont Gisela Merklinger, Pressesprecherin des Landratsamts Rastatt. Die Mitarbeiter loggen sich einfach ins System ein“, sagt sie. „Aber es gehört ein Vertrauensverhältnis dazu.“

Kommentar: Lebensstil

In der Vorstellung vieler Arbeitgeber sieht Telearbeit, also das neudeutsche „Home Office“, so aus: Der Mitarbeiter sitzt mit Jogginghose auf der Couch, den Laptop auf dem Schoß und die Aufmerksamkeit zum größten Teil woanders. Doch dieses Bild steht eher für den Hang zur Kontrolle vieler Chefs als für die Realität. Das Landratsamt Rastatt ist diesen Schritt in die flexible Arbeitswelt schon vor Jahren gegangen, die Stadt Rastatt hat mit ihrer Entscheidung, dasselbe zu tun, einen fortschrittlichen Neujahrsvorsatz getroffen.
Natürlich bietet das Büro in den eigenen vier Wänden gerade Frauen – und Männern – mit Kindern eine tolle Option, alles unter einen Hut zu bekommen.
Aber „Home Office“ sollte in Unternehmen nicht nur als Unterstützung für Familien gesehen werden. Auch wenn es das sicherlich ist. Es bedeutet vor allem für die Generation mehr Lebensqualität, die sowieso Mails im Laufen beantwortet und Start-up-Kulturen groß gemacht hat. Sich seine Zeit frei einteilen zu dürfen, ein kurzes Mittagessen mit Freunden inklusive Foto für die sozialen Medien und eigenständiges Arbeiten, bilden den Lebensstil vieler junger Menschen. Besonders wenn sie vermehrt von Universitäten kommen, an denen sie jahrelang Herr über den eigenen Tag waren. Stichwort: Work-Life-Balance. Wenn Unternehmen dieses Freiheitsgefühl gewähren, bekommen sie etwas zurück: Motivierte Mitarbeiter.