Im Moment noch undenkbar, aber vor der Pandemie kein Problem: Beim Verein VSG-BSG-Rastatt spielen gerade die Übungsstunden in der Gruppe eine besonders große Rolle. Das soziale Miteinander und der Austausch fehlen den Sportlern in der Covid-19-bedingten Zwangspause am meisten. | Foto: pr

„Versehrtensport-Gemeinschaft“

Auflösung am 50. Geburtstag: VSG-BSG-Rastatt wird Teil des Rastatter Turnvereins

Anzeige

Wäre nicht die Corona-Krise dazwischengekommen, würde das Jahr 2020 beim „Verein für Sport und Gesundheit – Behindertensportgemeinschaft Rastatt 1970“ (VSG-BSG), der am 29. Dezember 1970 von 28 überwiegend kriegsversehrten Sportlern als „Versehrtensport-Gemeinschaft“ aus der Taufe gehoben wurde, das ganze Jahr über im Zeichen eines besonderen Jubiläums stehen: „50 Jahre Sport für Menschen mit und ohne Behinderung“.

Hatte das Jubiläumsjahr für den aktuell 125 Mitglieder und mehr als 80 Reha-Patienten zählenden Verein noch vielversprechend mit einem Neujahrsempfang begonnen, so ging von der Öffentlichkeit unbemerkt am 7. März die Hauptversammlung über die Bühne. In dieser beschlossen die Mitglieder, wie jetzt zu erfahren war, die Auflösung des Vereins zum 31. Dezember dieses Jahres und dessen Eingliederung in den Rastatter Turnverein (RTV) zum 1. Januar 2021.

Auch interessant: BBS-Geschäftsführer Michael Eisele sieht Initiativen im Sport als große Chance für die Inklusion

„Wir verhandeln über diese Integration, bei der es sich nicht um eine Fusion handelt, seit November. Bereits in der Hauptversammlung 2019 hatten wir uns bei den Mitgliedern das Mandat für die Abstimmung geholt“, berichten die beiden gleichberechtigten VSG-BSG-Vorsitzenden Wolfgang Tremmel und Uwe Roller im Gespräch mit dieser Redaktion.

Eingliederungsvertrag muss noch unterzeichnet werden

Um die Eingliederung komplett zu machen, müsse jetzt eigentlich nur noch der Vertrag unterzeichnet werden, berichten die beiden Vorsitzenden, die von einer Win-win-Situation sprechen. „Wir erhalten die Möglichkeit, in einen großen Mehrspartenverein überzugehen und profitieren dann als VSG-BSG-Sportgruppe von einem größeren Angebot.“

Auch interessant: KIT-Forscher zeigen: Sport kann für Menschen mit Essstörungen gefährlich werden

RTV-Geschäftsführer Matthias Reiche sieht das ähnlich: „Wir haben in unserem Verein, der aktuell 1.900 Mitglieder zählt, bereits eine Reha-Sportabteilung mit mehr als 200 Mitgliedern und werden unser Angebot nun um den Bereich Aquagymnastik erweitern.“

Beide Vereine profitieren

Unterschrieben werden soll der Eingliederungsvertrag samt Aufnahmeformular bei zwei separaten Treffen mit maximal 40 bis 50 Mitgliedern im Biergarten des „Au Châlet“ beim RTV. Die beiden „familiären Wiedersehen“ finden am 22. Juli und am 5. August, jeweils ab 17.30 Uhr, unter Einhaltung der Corona-Regeln statt und sind als kleines Dankeschön an die VSG-BSG-Mitglieder zu verstehen. „Denn sie mussten in diesem Jahr auf fast alles verzichten“, sagt Tremmel, der dabei auf das völlige Erliegen des Vereinslebens zu sprechen kommt.

Die Mitglieder mussten wegen Corona auf fast alles verzichten.

Wolfgang Tremmel, VSG-BSG-Vorsitzender

Denn mit dem Virus kam auch die Schließung der Hallen und Bäder und somit das vorläufige Ende der Übungsabende. „Was die Halle und das Schwimmbad der Augusta-Sybilla-Schule in Trägerschaft des Landkreises betrifft, ist noch immer nicht klar, ob sie noch vor den Sommerferien öffnen, obwohl Reha-Sport unter Hygieneauflagen genehmigt wurde“, moniert Tremmel. Zugleich weist er darauf hin, dass die Stadt Rastatt ihre Hallen für den Vereinssport bereits freigegeben habe.

„Im Bereich des Reha-Sports in der Gruppe haben wir jetzt verstärkt wieder Anfragen“, sagt er.
„Auch unsere Mitglieder wollen beginnen – aber ganz vorsichtig. Denn uns allen ist bewusst, dass wir eine einzige große Risikogruppe sind.“ Neben dem Sport habe den Menschen der Austausch mit den anderen aus ihrer Gruppe am meisten gefehlt.

Zur Gesundheit gehört auch das Wohlbefinden beim entspannten Miteinander.

Uwe Roller,  VSG-BSG-Vorsitzender

Uwe Roller ergänzt: „Die sozialen Kontakte zwischen Personen mit ähnlichen Einschränkungen sind sehr wichtig. Zur Gesundheit gehört auch das Wohlbefinden beim entspannten Miteinander, bei Ausflügen und Feiern. Den geselligen Aspekt haben wir in all den Jahren nie vergessen.“ Einen Zweitagesausflug zur Landesgartenschau am Bodensee Anfang Mai habe man leider stornieren müssen.

Jubiläumsgala im Dezember kann wohl stattfinden

Zum Ausklang des Jubiläumsjahres sei am 29. Dezember im Europapark Rust ein großer Gala-Abend geplant. „Nach aktuellem Stand wird er mit einer begrenzten Anzahl von 80 bis 100 Gästen wohl stattfinden können“, zeigt sich Tremmel zuversichtlich.

Anfänge bereits in den 1950er Jahren

Seit fünf Jahrzehnten widmet sich der „Verein für Sport und Gesundheit – Behindertensportgemeinschaft Rastatt 1970“ (VSG-BSG) der „Pflege und Förderung des Sports für körperlich Behinderte und Nichtbehinderte“. Im Grunde gibt es ihn schon seit 70 Jahren. Denn am 1. September 1950 wurde die erste Versehrtensportgruppe in Rastatt gegründet. Diese löste sich gegen Ende der 1950er-Jahre aber wieder auf.

Nachdem 1970 die neue Versehrtensport-Gemeinschaft (VSG) als Sportgruppe ins Leben gerufen war, erfolgte am 19. Januar 1971 im Rastatter Hallenbad der sportliche Startschuss. Im Lauf der Jahre öffnet sich der Verein Nichtbehinderten, bot ab Mitte der 90er Jahre Sonderübungsabende an, ließ sich 2001 unter dem Namen VSG-BSG ins Vereinsregister eintragen. Intensive Werbung und ein modernes Auftreten bescherten ihm einen Mitgliederzuwachs.

Vermehrt kamen Teilnehmer mit einer Verordnung direkt von den behandelnden Ärzten. Neben Reha-Gymnastik hat der Verein heute neben Wassergymnastik und Schwimmen auch Aqua-Jogging, Nordic Walking, Radfahren und Spiele im Programm und besitzt die Rehasport-Zertifizierung für alle acht Sportgruppen. Außer den Mitgliedern können auch Behinderte und Nichtbehinderte mit ärztlicher Verordnung an den Übungsstunden teilnehmen. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen.

Auch interessant: Beim Rastatter Turnverein läuft schon der Countdown für das Jubiläumsjahr 2021