Schön wär's – die Bahn tut vor der großen Sanierung im Jahr 2020 erst einmal so gut wie nichts.
Schön wär's – die Bahn tut vor der großen Sanierung im Jahr 2020 erst einmal so gut wie nichts. | Foto: Collet

Barrierefreiheit in Rastatt

Bahn blockt alle Wünsche ab

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Ohne konkrete Zusagen über kurzfristige Lösungen zur Barrierefreiheit ist der Vor-Ort-Termin am Rastatter Bahnhof am Donnerstagmorgen zu Ende gegangen. Vertreter der Bahn verwiesen auf die große Sanierung, die im Jahr 2020 beginnen soll – die vom Expertenkreis Inklusion der Stadt Rastatt erarbeiteten Vorschläge, die er im Dezember 2017 an die Bahn weitergeleitet hat, wurden komplett abgeblockt. Eingeladen hatte zu dem Termin die Stadt.

Monitor in Bahnhofshalle

Bahnhofsmanager Hans-Jürgen Vogt verwies darauf, dass in der Wartehalle eine zweite Bank sowie ein Monitor installiert wurden – die Handwerker waren während der Besprechung sozusagen live zugange. Der Monitor wird immerhin taubstumme Fahrgäste in der Bahnhofshalle über geänderte Fahrzeiten oder Gleise informieren.

Keine Leitlinien für Blinde

Der Kernwunsch allerdings, den Betroffener Hans Kühn formulierte, bleibt unerfüllt. Leitlinien für Blinde könnten kurzfristig nicht angebracht werden, so Vogt. Auf Markierungen an den Glastüren, dass Menschen mit geringem Sehvermögen nicht dagegenlaufen, reagierte er auch nicht. Lediglich die Treppenstufen sollten farblich markiert werden.

Bahn verweist auf große Sanierung im Jahr 2020

Marianne Fischer vom Expertenkreis forderte erneut abgesenkte Automaten für Fahrausweise für Rollstuhlfahrer, auch das blockte Vogt ab. Die Option, dass sich körperlich Beeinträchtigte den Koffer nach Anmeldung aufs Gleis bringen lassen können, ist für Vogt ebenfalls nicht denkbar. Wegen einer Beschilderung, welchen Weg etwa Rollstuhlfahrer wählen sollen, „werden wir uns zusammensetzen“, so Vogt. Automatische Türen könne man im Bahnhofsgebäude nicht einbauen, das komme vielleicht mit der Sanierung im Jahr 2020.

„Gilt EU-Recht nicht auch in Deutschland?“

Rollstuhlfahrer Christoph-Benedikt Scheffel berichtete von anderen Ländern, die für all die aufgeworfenen Fragen von Einstiegsrampen an Zügen bis zu selbstöffnenden Türen Lösungen gefunden hätten. In Frankreich sei die Barrierefreiheit an Bahnhöfen nach EU-Recht überall umgesetzt worden. Seine Frage, die offen blieb: „Gilt dieses EU-Recht nicht auch in Deutschland?“
Was übrigens auch nicht machbar ist, das sind „wegen der Abstände“ zusätzliche Sitzgelegenheiten auf den Bahnsteigen. Die Sitzbänke, die an Gleis 1 während der ICE-Halte im vergangenen Jahr aufgestellt wurden, sind inzwischen wieder abgebaut.

Kommentar: Nullnummer
Die ehrliche Auskunft der Bahn hätte lauten müssen: „Der Rastatter Bahnhof wird ab dem Jahr 2020 saniert, vorher stecken wir kein Geld mehr in die heruntergekommene Station. Bis dahin geht es nur noch um die pure Verkehrssicherungspflicht.“ Sinngemäß umschrieb dies Bahnhofsmanager Hans-Jürgen Vogt mit jeder Antwort, aber dafür hätte er nicht zum Vor-Ort-Termin kommen brauchen. Für den Expertenkreis Inklusion und die Stadt Rastatt war das eine Nullnummer. Wohlwollend ausgedrückt.
Es war bei der Podiumsdiskussion vor einem Jahr in der Reithalle, als vereinbart wurde, der Expertenkreis solle auflisten, womit man den Bahnhof kurzfristig zumindest in Ansätzen barrierefrei machen könnte. Im Dezember lag diese Liste der Bahn vor. Und nun, mehr als ein halbes Jahr später, wirkt der Bahnhofsmanager in den Details unvorbereitet. Vieles muss man noch klären, muss man mit der Stadt besprechen – das Meiste geht gar nicht.
Das erklärt sich freilich daraus, dass die Bahn im Juli 2017 noch konsequent gesagt hatte: Der Bahnhof wird auf lange Sicht nicht saniert, denkbar sind allenfalls kleine Lösungen. Nur einen Monat später war die Welt eine andere, da brach der Tunnel ein, die Strecke war gesperrt – und ganz Deutschland sah plötzlich das hässliche Gesicht der Bahn in Gestalt des Rastatter Bahnhofs. Als der Spuk zu Ende war, eilte Bahnchef Richard Lutz nach Rastatt und verkündete die Bahnhofsanierung ab dem Jahr 2020. Damit waren alle kurzfristigen Lösungen vom Tisch.
Und so kommt es, dass der Expertenkreis Inklusion seine Arbeit leider für die Tonne gemacht hat. Das hätte die Bahn den Engagierten vorher mitteilen müssen. Wenigstens das.