Bahnhof Rastatt
Der Rastatter Bahnhof bleibt weiter voller Hürden. | Foto: Collet

Rastatter Bahnhof

Barrierefreiheit steht auf dem Abstellgleis

Das Hindernis, dass sich hier auftürmt, ist schier unüberwindlich. Nicole Kindl sitzt im Rollstuhl, ratlos, wie sie die 24 Stufen zum Bahnsteig überwinden soll. Es ist zugig in der Unterführung des Rastatter Bahnhofs am Treppenaufgang zu Gleis fünf und sechs der schmucken Barockstadt. Die grauen Betonwände in dem nur spärlich beleuchteten Tunnel geben den Frost der vergangenen Dezembernächte ab.

Seit Jahren kämpft die Stadt Rastatt für den barrierefreien Umbau und die Sanierung des maroden Bahnhofs. Die Deutsche Bahn fordert für den Bahnhofsumbau einen städtischen Zuschuss, der von knapp einer auf 3,8 Millionen Euro angestiegen ist. Dass der Baden-Badener Bahnhof vor 15 Jahren ohne Zuschüsse der Kurstadt saniert wurde, ist eine Randnotiz. Die Bahn baut Druck auf und droht, dass ohne Zuschüsse der Umbau in Rastatt aus dem mit dem Land verhandelten Sanierungsplan herausfalle.

In der Gemeinderatssitzung am Montag, 19. Dezember, wird der Umbau Thema sein. Mittlerweile hat sich die Situation um die Bahnhofssanierung verschärft. Die Stadt will aus dem Sanierungsprogramm des Landes aussteigen (die BNN berichteten).

Rundgang am Bahnhof

„Es ist ein Armutszeugnis für die Deutsche Bahn, dass der Bahnhof nicht barrierefrei ist“, sagt Marianne Fischer, Vorsitzende des Kreisseniorenrats, in der Bahnhofshalle mit fester Stimme. Die Augen der 69-Jährigen blitzen beim BNN-Gespräch vor Ort. Fischer hat fünf auszubildende Altenpfleger zu einem Rundgang am Bahnhof eingeladen, um junge Menschen für das Thema Barrierefreiheit zu sensibilisieren und auf die Situation in Rastatt aufmerksam zu machen. Darunter ist auch Nicole Kindl, die im zweiten Ausbildungsjahr ist und sich später in den Rollstuhl setzen wird.

Es sei ein Stück Lebensqualität am öffentlichen Leben teilzunehmen und mobil zu sein. „Theater, ein Fußballspiel im Wildpark oder ein Museumsbesuch“, zählt Fischer als Beispiele auf. Mit einer ausladenden Armbewegung deutet sie dabei auf die Gleise. Dort, wo eben noch die Wartenden standen und ihre Zeit vertrödelten, sind nun rote Doppelstockwagen der Schwarzwaldbahn zu sehen.

Verwitterte Bahnsteige

Als der Zug seine Fahrt nach Karlsruhe fortsetzt, wird der Blick auf die verwitterten Bahnsteige frei. Eine Masse von Menschen drängt auf dem Bahnsteig zielstrebig auf die engen Treppenabgänge in die Unterführung. Darunter sind auch zwei Leute, die ihre Drahtesel lässig durch die Menge führen, bis sie in der großen halbrunden Menschentraube vor den Stufen stehen und ihre Räder schultern müssen.

Fischer führt die Auszubildenden auf Gleis eins. In dem kleinen Tross laufen Vera Kühn und Julia Sudheimer wie auf rohen Eiern. Der Grund: Beide tragen Alterssimulationsanzüge. Die Folge: Gangunsicherheiten, verzögerte Reaktionen, Sichtfeldeinschränkungen und ein schlechtes Gehör. „Jetzt lösen wir ein Ticket“, ruft Fischer laut über den Bahnsteig. Die zwei Frauen ächzen unter dem Gewicht und den Einschränkungen des Anzugs bei jedem wackligen Schritt. Einige Passanten glotzen, andere treten betreten zur Seite und wieder andere bieten ihre Hilfe an.

Von der Hilfe Mitreisender abhängig

Das Fortkommen eingeschränkter Menschen ist am Rastatter Bahnhof sehr von der Hilfe der Mitreisenden abhängig. Der Mobilitätsservice der Deutschen Bahn empfiehlt Rollstuhlfahrern auf Nachfrage erst gar nicht in Rastatt ein- oder umzusteigen. Die Lifte, die dafür notwendig wären, sollen erst mit dem barrierefreien Umbau des Bahnhofs ab frühestens 2020 kommen. Der Service verweist auf die Möglichkeit an der Station Beinle ein- und auszusteigen oder auf den Bahnhof Ötigheim auszuweichen. „Das ist absurd. Es kann nicht sein, dass Gehandicapte in einer Stadt mit 50 000 Einwohnern in eine angrenzende Gemeinde fahren müssen, um barrierefrei mit der Bahn zu reisen“, meint Fischer, die eine der beiden Frauen im Simulationsanzug am Arm stützt.

Schwierigkeiten für Sehbehinderte

„Für Rastatt und die ansässigen Weltfirmen ist das schon eine Schande.“ Auch für die Mütter und Väter, die tagtäglich ihre Kinder im Kinderwagen die Treppen hoch und runter wuchten müssen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Blinde oder sehbehinderte Menschen haben in der Unterführung und an den Treppen Schwierigkeiten. „Es gibt keine taktilen Elemente an den Geländern, die auf das Ende hinweisen“, erläutert die Seniorenratsvorsitzende. Ebenso fehle für solche Menschen ein abgestimmtes Leitsystem am ganzen Bahnhof. Wie zur Probe aufs Exempel tasten sich die beiden Frauen in ihren Anzügen im Halbdunkel des Tunnels voran.

Den Kollegen ausgeliefert

Am Treppenaufgang zu den Gleisen fünf und sechs angekommen, nimmt Nicole Kindl im Rollstuhl Platz. Ihr ist nicht ganz geheuer, ihren Kollegen ausgeliefert zu sein, die sie gleich die 24 Treppenstufen hochhieven. Das Gesicht zu einer ängstlichen Grimasse verzogen, wird die junge Frau mit ihren 60 Kilogramm von den Auszubildenden Patrice Senftle und Dimitri Kravasilis in Position geschoben. Unter enormer Kraftanstrengung geht es die Treppe, Stufe für Stufe, Schlag um Schlag, nach oben. Als der Rollstuhl etwas zu weit nach hinten kippt, kreischt Kindl kurz auf. Das Gezerre ist wahrlich kein Vergnügen für den Rollstuhlinsassin – aber auch nicht für jene, die ihn ziehen müssen: Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn jemandem der Rollstuhl entgleiten würde.

Große Verantwortung

Die Personen, die anpacken und helfen, laden auch eine große Verantwortung auf ihre Schultern. Endlich oben angekommen meint Senftle keuchend zu seinem Kollegen: Stell dir mal vor, das wäre ein 100-Kilo-Mann.“ Beide schütteln den Kopf. Auf dem Gleis bietet sich das gewohnte Bild: Auf dem Bahnsteig stehen Einzelne und tippen auf ihrem Smartphones rum, während Frierende auf und ab laufen. „So und jetzt: Gleisänderung, unser Zug fährt heute leider von Gleis drei“, ruft Fischer den beiden keuchenden Männern mit einem schelmischen Grinsen zu. „Nein, nur ein Scherz.“
Jetzt will der OB auch mit Hilfe der Behinderten- und Seniorenverbände Druck auf die Bahn ausüben: „Das ist etwas legitimes, ich begrüße das“, meint Fischer.  Sie würde auch die Rastatter Firmen ins Boot holen. „Der Bahnhof ist einfach keine gute Visitenkarte für die Barockstadt.“