Das Gebäude mit dem Blumenladen aus den 70er Jahren ist marode.
Das Gebäude mit dem Blumenladen aus den 70er Jahren ist marode. | Foto: Collet

Waldfriedhof Rastatt

Blumenladen macht dicht

Der Blumenladen beim Waldfriedhof im Berliner Ring schließt Mitte Juni. Betreiberin Marion Greiser bestätigt im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten, dass sie ihr Geschäft zum Samstag, 16. Juni, aufgeben wird. Auch das Rastatter Rathaus ist über die Schließung informiert – der Stadt gehört das Gebäude im Waschbetonstil der 70er Jahre.

Gebäude ist marode

Die Verwaltung prüfe, wie man mit den Räumen umgehen kann, erklärt die städtische Pressesprecherin Heike Dießelberg auf BNN-Anfrage. Ein kurzfristiger Weiterbetrieb sei nicht möglich. Den Gemeinderat wolle man Ende Juni darüber informieren, welche Optionen möglich seien. Es sei noch nicht sicher, ob wieder ein Blumenladen eingerichtet werde, so Dießelberg weiter. Auf jeden Fall sei eine Sanierung erforderlich. Alles Aussagen, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben.

Schimmel und undichte Fenster

Antworten kann wiederum Marion Greiser geben, wenngleich sie sich sehr zurückhält. Sie spricht von Schimmel, alten Fenstern und häufigen Gesprächen mit der Stadt. Es sei inzwischen zu einem Gesundheitsproblem für sie und ihre Mitarbeiter geworden, sich in ständiger Gegenwart von Schimmel aufzuhalten und zu arbeiten.

Friedhofbesucher sind empört

Langjährige Kunden und Besucher des Waldfriedhofs werden deutlicher. Das Gebäude sei in einem unzumutbar maroden Zustand, heißt es, auch die im hinteren Bereich eingebauten Toiletten müssten dringend saniert werden. Hinzu komme, dass die Anlage des Friedhofs allgemein einen vernachlässigten Eindruck mache. Es gebe seit Jahren Proteste wegen des Zustands dieser Anlagen.
Vor allem Menschen ohne Auto sind angesichts der Ladenschließung verunsichert, wie sie ihre Gräber noch bepflanzen sollen. Bei Greiser gibt es nicht nur Pflanzen, sondern auch Blumenerde. Die Leute fragen sich: Wie sollen die schweren Erdsäcke künftig zum Waldfriedhof transportiert werden?

Kein Ergebnis nach Gespräch mit der Stadt

In dieser Woche war Bürgermeister Raphael Knoth mit einer zuständigen Mitarbeiterin des Rathauses zum Gespräch beim Blumenladen. Das Ergebnis war dem Vernehmen nach nicht zufriedenstellend für die Betreiberin. Im Haushalt der Stadt ist jedenfalls kein Betrag angesetzt für eine grundlegende Sanierung des Gebäudes. Eine Kundin sagt es deutlich: „Ein Friedhof ohne Blumenladen, das kann sich eine Stadt ja wohl nicht leisten.“

Kommentar: Erbärmlich
Mit der drohenden Schließung des Blumenladens im Waldfriedhof wird die Misere in der Öffentlichkeit deutlich. Das mehr als 40 Jahre alte Gebäude im Stil „70er Jahre Spätlese“ ist vor sich hingerottet, es hatte offenbar niemand auf dem Schirm, sich darum zu kümmern. Angesichts der Rekordinvestitionen, die im aktuellen Haushalt stehen, ist es nicht nachvollziehbar, warum man ausgerechnet hier nichts unternimmt.
Ein Friedhof dieser Größe in einer Stadt wie Rastatt, der keinen Blumenladen hat, ist undenkbar. Da brüstet sich die Stadt damit, barrierefrei und inklusiv zu sein – und dann nimmt man offenbar billigend in Kauf, dass alte Menschen, die teilweise täglich das Grab ihres verstorbenen Partners besuchen, keine Möglichkeit mehr haben, Grabschmuck zu kaufen. Wenn das so käme, wäre es erbärmlich.
Es ist nun Sache der Friedhofsbesucher, aber auch der Gemeinderatsfraktionen, hier Druck zu machen. Die Verantwortlichen müssen dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen, wie es so weit überhaupt kommen konnte.
Der Blumenladen ist freilich nur die Spitze des Eisbergs. Man muss sich nur die Toiletten anschauen oder die uralten Instrumente, auf denen Trauerfeiern begleitet werden. „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht“, sagte der griechische Staatsmann Perikles im fünften Jahrhundert vor Christus.