Wiederholt sich die Geschichte? 2016 protestierten Familien auf dem Marktplatz in Bühl gegen die Schließung des Kreißsaals in der Zwetschgenstadt. Doch am Ende half ihr Einsatz nichts. Das Klinikum Mittelbaden wickelte den Standort ab.
Wiederholt sich die Geschichte? 2016 protestierten Familien auf dem Marktplatz in Bühl gegen die Schließung des Kreißsaals in der Zwetschgenstadt. Doch am Ende half ihr Einsatz nichts. Das Klinikum Mittelbaden wickelte den Standort ab. | Foto: Margull

Folgen der Corona-Pandemie

Kreißsaal in Rastatt geschlossen: Frau bringt Kind im Auto auf Klinik-Parkplatz zur Welt

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Für Katrin und Jürgen Siegel stand fest: Auch ihr zweites Kind soll im Rastatter Krankenhaus zur Welt kommen. Dort wurde 2017 schon ihre erste Tochter geboren. „Wir haben uns sehr wohlgefühlt und waren super zufrieden“, sagt Jürgen Siegel. Doch weil der Kreißsaal wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist, müssen sie jetzt nach Baden-Baden ausweichen.

Noch viel dramatischer waren für eine Frau aus Rumänien die Konsequenzen. Sie hatte nichts von der Schließung mitbekommen und fuhr mit Wehen zur Rastatter Klinik. Am Ende gebar sie ihr Baby im Auto auf dem Parkplatz.

Der Vorfall ereignete sich bereits vor mehreren Wochen, kurz nach der Schließung der Geburtshilfe Mitte März. Andrea Spitz, die als Hebamme die Familie betreut, erzählt: „Es ist alles gut gelaufen. Aber die Frau hat eine Weile gebraucht, um die Geschichte zu verarbeiten.“

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Die Rumänin verfolge keine deutschen Medien, deshalb sei die Information nicht zu ihr vorgedrungen. Spitz warnt: „Sollte der Kreißsaal dauerhaft geschlossen bleiben, könnte so etwas öfter vorkommen.“

Klinikum hält in Entbindungsstation Intensivbetten vor

Das Klinikum hat die Geburtshilfe vorübergehend dichtgemacht, um dort Intensivbetten vorzuhalten. Der kaufmännische Geschäftsführer Jürgen Jung verweist auf entsprechende Vorgaben von Bund und Land. Dies sei mindestens bis Jahresende notwendig.

Wann die Station wieder öffnet, ist laut Klinikum-Pressesprecherin Sybille Müller-Zuber vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängig. Werdende Eltern müssen nach Baden-Baden-Balg fahren.

Mehr zum Thema: Hat das Rastatter Krankenhaus Mängel im Bereich Geburtshilfe?

Die SPD befürchtet, dass dies der Anfang vom Ende des Kreißsaals sein könnte. Die Fraktion beantragte am Donnerstag im Gemeinderat, dass sich das Gremium für den Erhalt der Station positioniert. Dies sollte in Form einer Resolution geschehen, in der die baldmögliche Wiedereröffnung der Geburtshilfe gefordert wird. Doch eine deutliche Mehrheit lehnte das ab.

Der Kreißsaal hat einen guten Ruf.
Er ist familiär und gemütlich.

Andrea Spitz, Hebamme

Kreißsaal in Rastatt hat einen guten Ruf

Aus Sicht von Hebamme Spitz wäre die Abwicklung des Standorts ein großer Verlust. „Der Kreißsaal hat einen guten Ruf. Er ist familiär und gemütlich“, sagt sie. Genau diese Aspekte waren auch für Katrin und Jürgen Siegel wichtig, als sie sich für Rastatt entschieden. Der Geburtstermin ihres zweiten Kindes liegt im Juli.

Als die Schwangerschaft bestätigt war, stand für das Ehepaar aus Bischweier fest: „Wir gehen wieder nach Rastatt.“ Die Sicherheit, die Umgebung und die Menschen schon zu kennen, hätte ihnen ein gutes Gefühl gegeben.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Jetzt müssen sie auf Baden-Baden ausweichen. Einen persönlichen Eindruck von der Geburtshilfe dort können sie sich derzeit nicht verschaffen. Die in normalen Zeiten stark nachgefragten Kreißsaalführungen finden wegen Corona nicht statt.

Als Alternative hat das Klinikum Mittelbaden eine Präsentation auf der Homepage bereitgestellt, damit wenigstens ein virtueller Rundgang möglich ist. Siegel fände es aus seiner persönlichen Erfahrung heraus wichtig, dass die Große Kreisstadt einen Kreißsaal behält.

Eine endgültige Schließung wäre „sehr schade für junge Eltern in der Region“.

Der Kreißsaal im Rastatter Krankenhaus ist seit Mitte März geschlossen. Die SPD fürchtet, er könnte nicht mehr aufmachen. | Foto: Hans-Jürgen Collet

Zwiegespalten steht dem Thema Julie Janson gegenüber, Vorsitzende des Hebammenverbands Rastatt/Baden-Baden. „Es ist schwierig, dazu eine klare Meinung zu haben“, sagt sie.

Auf der einen Seite sei es schade, wenn für Eltern in der Region die Wahlmöglichkeit entfalle. Aber sie sehe auf der anderen Seite auch die finanziellen Schwierigkeiten, beide Standorte zu erhalten. Das Grundproblem sei, dass Kliniken für Kreißsäle viele Ressourcen bräuchten, Geburten aber „extrem schlecht vergütet“ würden.

Deshalb sei die Schließung kleiner Stationen ein bundesweiter Trend – wie etwa 2016 in Bühl.

Hebammen-Kreißsaal könnte eine Alternative sein

Sollte der Standort Rastatt tatsächlich keine Zukunft haben, schlägt sie vor, in Baden-Baden einen Hebammen-Kreißsaal einzurichten. Bei diesem Modell bringen Schwangere und Hebamme das Kind in intimer Atmosphäre ohne Arzt zur Welt – wobei die medizinische Versorgung im Notfall immer gewährleistet ist.

Mutter im Babyglück: Allzu oft wird diese Harmonie durch traumatische Erfahrungen unter der Geburt gestört.
Nach der Geburt erholten sich Mutter und Kind im Balger Krankenhaus. Symbolbild | Foto: dpa

Auch der Frau aus Rumänien kam auf dem Parkplatz ein Anästhesist aus der Klinik zur Hilfe. Nach der Geburt erholten sich Mutter und Kind im Balger Krankenhaus. Einiges an Nerven kostete noch die Bürokratie. Laut Spitz ließ die Geburtsurkunde auf sich warten, weil sich weder Rastatt noch Baden-Baden zuständig fühlten. Doch am Ende lag das Dokument vor: Das Baby ist ein Rastatter.

Die SPD hat sich mit ihrem Antrag im Rastatter Gemeinderat für einen Resolution für die Wiedereröffnung des Kreißsaals nicht durchsetzen können. Der Fraktionsvorsitzende Joachim Fischer sagte: „Wir haben Sorge, dass die Sargnägel bereits geschliffen werden – und eingeschlagen, wenn wir keinen Widerstand organisieren.“
Sowohl die Verwaltung als auch die meisten anderen Fraktionen teilten diese Sorge nicht. Bürgermeister Arne Pfirrmann verwies darauf, dass derzeit ein externes Gutachten über die einzelnen Klinikstandorte erstellt werde.
Auf dessen Basis werde voraussichtlich Ende des Jahres eine Grundsatzdiskussion geführt: „Erst dann können wir faktenbasiert entscheiden.“ Dieser Auffassung waren auch CDU, Grüne, Freie Wähler, FuR und FDP. Unterstützung erhielt die SPD von AfD und der Linken.