„Ich denke, dass ich es kriegen werde“: Michael Holz macht sich wenig Hoffnung, vom Coronavirus verschont zu bleiben. | Foto: Holger Siebnich

Geschwächtes Immunsystem

Corona-Risikopatient aus Baden-Baden erzählt: Bedrohung zerrt an den Nerven

Anzeige

Michael Holz sitzt an seinem Küchentisch in Baden-Baden-Haueneberstein und blickt ins Leere: „Ich denke, dass ich es kriegen werde.“ Mit „es“ meint der 59-Jährige das Coronavirus. Für ihn könnte das dramatische Folgen haben. Nach einer Krebserkrankung liegt sein Immunsystem noch immer am Boden. Holz gehört zur Corona-Risikogruppe.

Seit dem Ausbruch befindet er sich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Das liegt nicht nur an dem Virus, sondern auch an seinen Mitmenschen.

Therapie zerschmettert auch das Immunsystem

2016 erhielt Holz die schockierende Diagnose Brustkrebs. Nur 700 Männer erkranken daran pro Jahr in Deutschland. Es folgte das volle Programm: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung und eine Behandlung mit Antikörpern. Dieser Therapie-Hammer zerschmetterte als Nebenwirkung auch sein Immunsystem. „Ich versuche, es zu stärken, aber es kommt einfach nicht in Form“, sagt Holz. Trotz ausgewogener Ernährung, Vitaminspritzen und täglichen Spaziergängen mit dem Hund bleiben die Werte schlecht.

Mehr zum Thema: Homeoffice wegen Corona. Was ist erlaubt? Was ist verboten?

Schon lang vor Corona musste er deshalb immer auf der Hut sein. „Man beobachtet ständig sein Umfeld. Verhält sich jemand auffällig? Hustet oder niest er?“, beschreibt er einen Zustand ständiger Alarmbereitschaft. In seiner Hosentasche trägt er immer ein Desinfektionsmittel. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen setzen ihm regelmäßig Erreger zu. Im vergangenen Jahr kam er auf 90 Krankheitstage. „Das waren alles Infekte“, erzählt Holz. Unter anderem hatte er mit einer Lungenentzündung zu kämpfen.

Und jetzt Corona. Während der neuartige Virus für gesunde und jüngere Menschen in der Regel nicht gefährlich ist, stellt er für Holz eine massive Bedrohung dar. Seine Nerven feuern deshalb in Dauerschleife. Als „sehr gereizt“ beschreibt er seine Gemütslage.

Die Desinfektionsflasche
ist wie ein Grundnahrungsmittel

Michael Holz

Auch andere Menschen tragen dazu ihren Teil bei. Zum Beispiel jene Zeitgenossen, die immer noch von Panikmache sprechen und die getroffenen Maßnahmen für übertrieben halten. Sie verstehen nicht, dass Schulschließungen und Veranstaltungsverbote notwendig sind, um immungeschwächte Personen wie Holz zu schützen und das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren.

Mehr zum Thema: Johannes B. Kerner mit Coronavirus infiziert

Aber auch übertriebene Reaktionen wie das Bunkern von Desinfektionsmitteln ärgern Holz. Er selbst hat zwar noch einen kleinen Vorrat, aber er denkt an Menschen mit ähnlichen Schicksalen, die jetzt auf dem Trockenen sitzen. Für gesunde Menschen sollte regelmäßiges Händewaschen ausreichen. Für Holz sind die blauen Flaschen „wie ein Grundnahrungsmittel“. Nachrichten über geklaute Desinfektionsflaschen und Schutzkleidung aus Krankenhäusern wühlen ihn auf: „Man sollte doch an sein Umfeld denken.“

Verlust sozialer Kontakte schmerzt

Mit ihm im Haus wohnt seine Tochter Celina. Für sie gehört es zum Alltag, auf ihren Vater acht zu geben. „Wenn ich erkältet bin, isoliere ich mich“, erzählt sie. In der Berufsschule hat die 22-Jährige mit ihren Mitschülern über das Coronavirus diskutiert. „Viele haben Angst um ihre eigene Gesundheit“, schildert sie ihren Eindruck. Sie versuche, andere dafür zu sensibilisieren, dass es vor allem darum gehe, nicht sich selbst, sondern Schwächere zu schützen.

Holz versucht, das Risiko zu minimieren, indem er Veranstaltungen und auch private Treffen im größeren Kreis meidet. Seit Jahren engagiert er sich als Übungsleiter in den Krebssportgruppen des Rastatter Turnvereins. Auch die Übungsstunden sind vorerst ausgesetzt. Holz leidet unter den sozialen Verlusten und sehnt sich nach Alltag. Auch das Arbeitsleben ist schwierig. In der vergangenen Woche gab es einen Verdachtsfall in seinem Unternehmen. Holz packte sofort zusammen und ging nach Hause.

Die Ungewissheit ist zermürbend

Die Aussicht, dass die Krise noch lange anhalten wird, lässt ihn ein Stück weit hilflos zurück. Angesichts der Prognosen von Virologen, dass sich langfristig ein Großteil der Bevölkerung anstecken wird, macht er sich wenig Illusionen, verschont zu bleiben. Seine Hoffnung ist, die Ansteckung so lange hinauszögern zu können, bis Medikamente verfügbar sind.

Die Ungewissheit, wie sein Körper eine mögliche Infektion verkraftet, ist zermürbend. Aber er kämpft darum, dass die Sorgen nicht omnipräsent werden: „Ich versuche, klar zu kommen.“