Eingebürgert: Der Brite Stephan Ainley hat die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, um durch einen Brexit keine Nachteile zu haben. | Foto: Holbein

Einbürgerungsfeier in Rastatt

„Da geht ein Riss durch die Gesellschaft“

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Ihm als Briten ist es peinlich, wenn er derzeit den Fernseher einschaltet und die Bilder aus dem Londoner Parlament sieht oder die Schlagzeilen hört. Stephan Ainley aus Huddersfield, Grafschaft Yorkshire, wohnt seit 1996 in Deutschland und seit 1998 im Landkreis Rastatt. Er ist einer der 236 Neubürger, die Landrat Jürgen Bäuerle bei der Einbürgerungsfeier am Wochenende willkommen hieß. Was zu seinem Entschluss führte, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, darüber sprach er mit BNN-Mitarbeiterin Martina Holbein.

War der Brexit Anlass für Sie, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen?

Ainley: Absolut. Ich wollte Sicherheit, dass ich mit meiner Familie hierbleiben kann. Wir haben ein Haus gebaut in Bühlertal, vis-à-vis vom Landrat, unser zwölfjähriger Sohn James wächst hier auf. Außerdem schätze ich die offenen Grenzen in der EU, da ich beruflich und privat viel grenzüberschreitend unterwegs bin. Meine britische Staatsangehörigkeit behalte ich, habe also zwei Staatsbürgerschaften.

Wie ist die Stimmung zum Brexit in Ihrer Heimat?

Ainley: Meine direkte Familie hat – wie ich – für einen Verbleib in der EU gestimmt, schon allein weil ich in Deutschland arbeite. In der Nachbarschaft wollen allerdings alle raus aus der EU. Und wenn wir zu Besuch kommen, sagt meine Mutter immer „Sprecht bloß nicht das Thema an“. Sie will Streit vermeiden.

Sehen Sie Großbritannien als gespalten?

Ainley: Definitiv. Da geht ein Riss durch die Gesellschaft. Ich sehe es auch als Generationenkonflikt. Die Jungen haben Angst um ihre Zukunft. Sie haben die Brexit-Abstimmung wahrscheinlich nicht ernstgenommen.

Was würden Sie sich wünschen für Großbritannien?

Ainley: Ich würde mir wünschen, dass die Briten in der EU bleiben. Aber für ein zweites Referendum wird es knapp. Und selbst wenn es eines gäbe, bin ich nicht überzeugt, dass die Europa-Befürworter gewännen.

Warum?

Ainley: Es gibt da die vielen Älteren, die glauben, dass es ihnen nach einer kurzen, sehr schmerzhaften Phase dauerhaft besser gehen wird. Sie leben noch in Commonwealth-Zeiten. Ich denke, dass in einer wirtschaftlich globalisierten Welt die Kleinen nicht mehr mitkommen.

Würde ein Rücktritt von Premierministerin Theresa May in der derzeitigen Situation weiterhelfen?

Ainley: Nein. Alle sagen, was sie nicht wollen, aber nicht, was sie wollen. Ich weiß nicht, wie das ausgeht und es ist mir peinlich und meinen Arbeitskollegen auch, wenn ich als Brite vom Ausland aus zusehen muss, welches Theater in London da gerade gespielt wird.