Wenn er tanzt ist er ein anderer Mensch. Ali Mohamad beim Tanz-Workshop mit Bewohnern der Murgtal-Werkstätten. | Foto: Uwe Röder

Flucht vor zweieinhalb Jahren

Geflüchteter gibt Tanz-Workshops: Das Tanzen verleiht Ali Mohamad Flügel

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Nach dem Training ist er ein anderer Mensch. „Das Tanzen verleiht mir Flügel“, erzählt Ali Mohamad und führt aus: „Negative Erinnerungen rücken in dem Moment in den Hintergrund.“

Flucht nach Deutschland

Mit dem Boot über den Libanon in die Türkei und von dort aus weiter nach Deutschland – Mohamad war etwa einen Monat unterwegs, bis er 2016 in Rastatt ankam. Mittlerweile liegt seine Flucht zweieinhalb Jahre zurück und der 50-Jährige lebt in einem Flüchtlingshaus in Bischweier. Während sich seine Mitbewohner morgens noch einmal im Bett umdrehen, steht er um Punkt sechs Uhr in der nahe gelegenen Sporthalle. „Bis acht Uhr habe ich Zeit für mich“, erzählt Mohamad – Zeit zum Tanzen.

Auf Tour mit der Tanzkompanie

Bevor er sich mit 16 Jahren dem Tanz widmete, galt seine Leidenschaft zunächst der Musik. „Ich habe Dudelsack gespielt“, erzählt er. „Mein Vater fand das unerträglich“, erinnert er sich und lacht. Nach einer vierjährigen Ballettausbildung in Damaskus tourte er mit seiner Tanzkompanie „Zenobia“ durch die Weltgeschichte. Mehr als 25 Länder haben sie gemeinsam bereist, darunter Frankreich, Holland und die Vereinigten Arabischen Emirate. „Auch in Deutschland waren wir dreimal“, erzählt Mohamad.

Es ermöglicht mir, Geschichten zu erzählen, wenn mir die Worte fehlen.

Ali Mohamad über das Tanzen

Krieg zwingt ihn zu Neuanfang

Wenn er nicht mit der 30-köpfigen Gruppe unterwegs war, gab er in Damaskus Tanzunterricht. „Nach Ausbruch des Krieges war beides nicht mehr möglich“, bedauert er. Mohamad war gezwungen, sein altes Leben in Syrien zurückzulassen und zu fliehen. Nun hofft er, bald auch in Deutschland eine feste Gruppe unterrichten zu können. „Das ist schwierig“, sagt Mohamad. „Aber nicht unmöglich“, fügt er gleich hinzu und lacht. Bevor er sich auf feste Stellen bewerben kann, muss er ein bestimmtes Sprachniveau erreicht haben – im Februar kommenden Jahres steht die Prüfung bevor.

Erstes Engagement beim tête-à-tête

Kleinere Engagements hat er bereits hinter sich. „Für die Murgtal-Werkstätten Bischweier, Kuppenheim und Gaggenau habe ich einen Workshop angeboten“, erzählt er. Auch beim tête-à-tête in Rastatt hat er sein Können unter Beweis gestellt und als Statist mitgewirkt. „Das war eine wichtige Erfahrung und hat mir Mut gemacht“, erinnert er sich an das erste Engagement nach seiner Flucht aus Damaskus. „Seitdem geht es Schritt für Schritt weiter“, sagt er, „doch ich benötige viel Geduld.“

Suche nach Arbeit und eigenem Zimmer

An erster Stelle steht für ihn nun, baldmöglichst eine Arbeit sowie eine eigenes Zimmer zu finden. „Das Leben im Flüchtlingshaus ist nicht einfach“, macht er deutlich. Mit drei weiteren Personen teilt sich der 50-Jährige dort ein Zimmer – Raum für Privatsphäre gibt es keinen. „Umso dankbarer bin ich für die Möglichkeit, zwei Stunden täglich in der Sporthalle trainieren zu können“, sagt er. Im Tanzen habe er zudem eine Möglichkeit gefunden, sich fernab seines Sprachvermögens auszudrücken. „Es ermöglicht mir, Geschichten zu erzählen, wenn mir die Worte fehlen“, sagt Mohamad. In die Zukunft blickend ergänzt der 50-Jährige: „Nun beginnt eine neue Geschichte.“