Nach dem Mauerfall kamen viele DDR-Bürger in den Westen, manche nur kurz, andere für immer. Einen ersten sicheren Hafen nach einer oftmals überstürzten Ausreise fanden rund 2500 Übersiedler in Rastatt.
Nach dem Mauerfall kamen viele DDR-Bürger in den Westen, manche nur kurz, andere für immer. Einen ersten sicheren Hafen nach einer oftmals überstürzten Ausreise fanden rund 2500 Übersiedler in Rastatt. | Foto: Archivfoto dpa

30 Jahre Mauerfall

DDR-Aussiedler wurden unmittelbar nach dem Mauerfall in Rastatt versorgt

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Auf dem Weg in den Westen war Rastatt im November 1989 für viele DDR-Bürger ein erster sicherer Hafen. Hier versorgten Helfer des Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerks in den ersten beiden Wochen nach dem Mauerfall über 2500 Menschen, die den Mauerfall zur Ausreise genutzt hatten, weil sie nicht wussten, wie lange die vom DDR-Politbüromitglied Günther Schabowski am 9. November 1989 gestammelte Reisefreiheit halten würde.

Eine heiße Erbsensuppe, frisches Obst, ein bequemes Bett und einen ersten Weg hinein in die Bürokratie der Bundesrepublik: Als sich vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang zwischen der DDR und der Bundesrepublik hob, standen in der damals noch Carl-Diem-Halle genannten Sporthalle der August-Renner-Realschule die Stockbetten bereit.

Notauffanglager öffnet in Rastatt

Neben einer alten Polizeischule in Durlach war Rastatt das einzige Notauffanglager im Regierungsbezirk Karlsruhe, das die ausgereisten DDR-Bürger aufnahm. Am 12. September 1989 waren im Aufnahmelager Durlach, in der alten Markgrafen-Kaserne die ersten 70 Aussiedler aus der DDR eingetroffen. Tags darauf kamen die ersten in Rastatt an.

Zeugin erinnert sich an Situation

Annegret Klimek war damals die Leiterin der Abteilung Sozialarbeit beim Kreisverband Rastatt des Roten Kreuzes. Sie hat diese 14 aufregenden Tage noch in Erinnerung, als sich selbst die Tagesschau der ARD für Rastatt und die hier gestrandeten Ostdeutschen interessierte.

„Wir versorgten sie mit Essen, einem Platz zum Schlafen und haben uns auch um eine soziale Betreuung gekümmert. Es waren viele Familien mit Kindern.“ Registriert wurden die Menschen zunächst von Mitarbeitern der Landesaufnahmestelle. Das Rote Kreuz hatte in Windeseile eine Kleiderkammer eingerichtet und auch für Spielsachen und Kinderwagen gesorgt.

Geflüchtete wussten nicht wohin

„Manchmal überschlagen sich die Ereignisse“, verriet damals eine Helferin vom DRK-Ortsverein Au am Rhein den Badischen Neuesten Nachrichten. Die Menschen kamen, manchmal alleine, manchmal in großen Gruppen.

Viele wollten gleich weiter, viele wussten nicht, wohin. Sie blieben ein paar Stunden, eine Nacht oder auch ein paar Tage. 40 Helfer, eingeteilt in drei Schichten, kümmerten sich von 7 Uhr in der Frühe bis 22 Uhr am Abend um die Gestrandeten. Viele von ihnen hatten Teile ihrer Familie aus den Augen verloren.

Not bleibt auch nach Mauerfall groß

„Udo und Petra Maier, bitte warten, eure Eltern kommen hierher.“ „Andre Z. komm bitte nach Leonberg.“ „Gerhard K. sucht seine Ehefrau Inge, er zieht weiter nach Heidenheim. Bitte der Ehefrau ausrichten.“ Annegret Klimek hat einen ganzen Ordner jener kleinen Zettel, auf denen sie sich damals die große Not der Menschen notierte.

Bundesbahn stellt Gutscheine aus

„Es war eine sehr intensive Zeit, in der wir sehr viel menschliche Zuneigung geben konnten. Es waren schöne menschliche Begegnungen, wenn natürlich auch Menschen dabei waren, die in dieser Situation der Unsicherheit heftig und aggressiv werden konnten.“

Viele waren in Bussen oder mit der Bahn nach Rastatt gekommen. Für sie stellte man Fahrgutscheine der Bundesbahn aus, damit sie weiterkamen, zu Verwandten, Bekannten oder einem anderen Ziel ihrer Träume. Menschen, die mit dem eigenen Auto unterwegs waren, brauchten oft technische Hilfe oder einfach nur Geld für Benzin.

Unter den Flüchtenden war auch Marko Martin, der heute als Autor und Journalist unter anderem für die „Welt“ in Berlin arbeitet. Er kam schon kurz vor der großen Welle über das Notaufnahmelager Gießen in die badische Festung und erinnert sich noch gut an seine Zeit in Rastatt.

Helferinnen leisten 14 Tage lang ihren Dienst

„Wir waren etwa eine Woche dort. Meine Familie wollte unbedingt nach Baden-Württemberg. Meine Eltern leben noch heute am Bodensee. Ich bin den Menschen aus Rastatt ungeheuer dankbar, wie sie das alles trotz dieses riesigen Ansturms geschafft haben.“ Viele hundert Stunden leisteten alleine die acht Helferinnen des Roten Kreuzes Rastatt in jenen wilden 14 Tagen ihren anstrengenden Dienst.

Wir haben auch Menschen, die Arbeit suchten mit Rastatter Unternehmern zusammengebracht.

„Wir haben nicht nur bei der Suche nach verlorenem Gepäck geholfen. Wir haben auch Menschen, die Arbeit suchten mit Rastatter Unternehmern zusammengebracht“, erzählt Klimek. Sie kann sich heute kaum noch an einzelne Personen erinnern, denen sie damals weiter geholfen hat.

Kontakte hat sie auch keine mehr. Doch für zahlreiche DDR-Übersiedler wird Rastatt in Erinnerung bleiben, als der Ort, an dem sie dank Erbsensuppe und Stockbett ein erstes Mal zur Ruhe kommen konnten.

Mauerbau bis Mauerfall im Zeitstrahl