Markenkleidung wird es hier nicht mehr geben: Vermutlich übernimmt die Post die früheren Gerry-Weber-Räume 2019. | Foto: Collet

Citymanager bezieht Stellung

Debatte im Netz: Verramscht die Rastatter Innenstadt?

Anzeige

„Verramscht“ die Rastatter Innenstadt? Das ist eine Frage, die derzeit heftig auf Facebook diskutiert wird, nachdem bekannt geworden ist, dass der Textildiscounter „NKD“ in die ehemaligen Räume des Herrenausstatters Durm einziehen wird. „Der nächste Billigladen“, heißt es da. „Das haut mich jetzt nicht wirklich von den Socken.“ Oder: „Oh Mann, muss dat sein?“

Citymanager findet deutliche Worte

„Ja, das muss“, ist nicht nur die eindeutige Antwort manch anderer Facebook-Nutzer, sondern auch die von Citymanager Johannes Flau. „Leerstand tut der Optik einer Haupteinkaufsstraße nicht gut.“ Zudem hätten die Eigentümer der leerstehenden Geschäfte auch ein großes Interesse daran, so schnell wie möglich einen neuen Mieter zu bekommen – und haben dabei die freie Wahl. „Wir als Stadt haben da nur wenig Einflussmöglichkeiten. Das ist eine privatwirtschaftliche Entscheidung“, macht Flau klar.

Wir sind nicht Saint Tropez. Wir sind Rastatt.

Dennoch: An der Ansiedlung des Textildiscounters in Rastatt hat der Citymanager kräftig mitgearbeitet. „NKD hat seit zwei Jahren Interesse daran, zu uns zu kommen. Und jetzt haben wir die passende Immobilie gefunden.“ Das freut Flau, denn für eine Stadt wie Rastatt sei es nicht einfach, Einzelhandel anzulocken. „Für viele große Namen sind wir zu klein. Die fangen erst bei 50 000 Einwohnern an zu schauen.“ Und haben damit offenbar recht: So sind etwa die beiden Markenläden von s.Oliver und Esprit inzwischen wieder von der Bildfläche verschwunden. Der eine steht leer, der andere hat sein Sortiment erweitert und firmiert nun unter dem Namen „wunderschön“. „Und da ist es auch wenig sinnvoll zu versuchen, das gleiche Segment wieder zu kriegen“, gibt Flau zu bedenken. „Wir sind nicht Saint Tropez. Wir sind Rastatt.“

Inhabergeführter Einzelhandel steht vor Problemen

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich hochwertiger, inhabergeführter Einzelhandel in Rastatt nur schwer behaupten kann – und oft in einer Zwickmühle gefangen ist: Wegen der hohen Mieten in 1A-Lagen ziehen sie eher in die Seitenstraßen. Dort fehlt dann aber wieder die nötige Kundenfrequenz, um überleben zu können. Der Citymanager weiß: „Die können sich nur halten, wenn entsprechend gekauft wird.“ Und spielt damit den Ball zurück zu den Rastattern.

Letztlich bestimmt der Kunde, welche Läden er hat

Letztlich erkennen das auch die diskutierenden Facebook-Nutzer: „… diese Art der Nutzung der vorhandenen Läden scheint die Einzige zu sein, die wirtschaftlich noch überleben kann – und dafür sind wir Kunden alle mitverantwortlich… diese hochwertigen und exklusiven Läden, die ständig gefordert werden, HATTEN wir, allerdings nicht die Bereitschaft, Beratung, Service und Qualität auch zu bezahlen.“

Wir haben hier einen guten Mix. Und da ist eben auch billiges dabei.

Deutliche Worte, die auch der Rastatter Citymanager sofort unterschreiben würde. „Jeder darf sich hochwertigen Einzelhandel wünschen, aber er muss auch überprüfen, ob er dort kauft.“ Trotzdem: Einen „Ramschpegel“, wie der von manchen im Internet beklagt wird, sieht Flau nicht: „Wir haben hier einen guten Mix. Und da ist eben auch billiges dabei.“

Leerstände in der Kaiserstraße werden beseitigt

Damit diese Mischung auch bestehen bleibt, wird derzeit fleißig daran gearbeitet, dass zwei andere Leerstände an der Kaiserstraße bald keine mehr sind: In den ehemaligen Gerry Weber soll die Postbank mit der Briefpostfiliale einziehen. Das passiert aber erst, wenn die Arbeiten auf dem Hatz-Areal weiter gedeihen. Immerhin: Die Verhandlungen laufen und irgendwann 2019 könnte es so weit sein. Wie es mit dem ehemaligen Klagmann-Laden weitergeht, ist dagegen noch immer offen: „Die zweite Etage wird wohl nicht mehr vom Handel genutzt werden. Das will heute keiner mehr“, sagt Flau. Jedoch bestehe weiter „vorsichtiges Interesse einer gastronomischen Nutzung“. Ein Projekt, das dem Citymanager gefallen würde: „Ein Konzept, das den Marktplatz mit einbezieht, wäre toll.“

Kommentar

Schwach
Die Einkaufssituation in Rastatt ist und bleibt schwierig: Da wagen namhafte Markenlabel den Schritt in die Unter-50 000-Einwohner-Provinz und was passiert? Genau das, was irgendwelche Entwicklungsmanager schon immer gepredigt haben: Zu wenige Kunden kommen und lassen zu wenig Geld in den Kassen. Also schließen die Läden. Und da kein Eigentümer gerne auf einer leeren Immobilie sitzt, ist es nur nachvollziehbar, dass im Zweifel der x-te Friseur oder eben ein Discounter aufmacht.
Auf den ersten Blick scheint das tatsächlich besser, als wenn sich eine Stadt mit verklebten Schaufenstern präsentiert. Doch bereits auf den zweiten Blick wird jedem Bummelnden die Monotonie des Angebots bewusst. Natürlich stimmt es, dass wir Kunden uns an die eigene Nase fassen müssen: Wer immer nur schaut und am Ende im Internet bei Amazon und Co shoppt, der kann nicht erwarten, dass bei ihm vor der Haustür der Einzelhandel floriert.
Und doch: Städte wie Ettlingen – mit gut 9 000 Einwohnern weniger, einer historischen Innenstadt samt Schloss durchaus mit Rastatt vergleichbar – schaffen es irgendwie, besser dazustehen: Durm kann dort überleben. Und statt großer Marken gibt es kleine inhabergeführte Boutiquen. Wir sind nicht Saint Tropez. Aber offenbar sind wir nicht mal Ettlingen …