Auf dieses Bild wollten alle Fraktionschefs: Der neue Ehrenbürger und ehemalige SPD-Fraktionschef Gunter Kaufmann (vorne rechts) mit seiner Ehefrau sowie Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch. Beantragt hatte die Verleihung der heutige SPD-Fraktionschef Joachim Fischer (Mitte hinten). | Foto: Collet

Würdigung für Gunter Kaufmann

Der Ehrenbürger ruft zum Engagement auf

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Natürlich genießt er den Rummel um seine Person. Aber Gunter Kaufmann versteht es am Ende eben doch wieder, mit seiner charmanten Art aus den Lobeshymnen doch wenigstens die eine oder andere Stimme in der Partitur auch anderen zu widmen. So etwa seinem Laudator Emil Dister, der als einstiger Chef des Aueninstituts sein „Wissensarchiv“ war – auf das er nicht nur während seiner Zeit als Landtagsabgeordneter beherzt zurückgriff.

SPD-Fraktionschef hat Verleihung vorgeschlagen

Der ehemalige Fraktionschef der SPD ist jetzt Ehrenbürger von Rastatt, Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch überreichte ihm beim Neujahrsempfang der Stadt die Urkunde. Ins Spiel gebracht hatte die Verleihung der heutige SPD-Fraktionschef Joachim Fischer. „Ich habe dem Gemeinderat vorgeschlagen, diesem Ansinnen zuzustimmen“, erklärte OB Pütsch, am 24. September fiel der Beschluss einstimmig.

Geehrter war 46 Jahre lang Stadtrat

Kaufmann war so lange Stadtrat, wie niemand vor ihm: 46 Jahre. Im Jahr 1971 wurde er mit 26 Jahren in das Gremium gewählt, von 1989 bis 2010 führte er den Fraktionsvorsitz der SPD, von 2001 bis 2011 war er Abgeordneter im Landtag, 13 Jahre gehörte er dem Kreistag an und 35 Jahre dem Regionalverband. „Gunter Kaufmann ist ein großer Sohn unserer Stadt“, so Pütsch.

Einsatz für die Umwelt

Zu seinen Konstanten habe das Engagement für die Umwelt gezählt, erklärte Laudator Dister. Maßgeblich sei er an der Gründung des WWF-Auen-Instituts beteiligt gewesen, das im Jahr 1985 von Prinz Philip eingeweiht wurde. Die tiefsten Spuren hinterließ Kaufmann jedoch bei der Ansiedelung des Benz-Werks, indem er den damaligen Rastatter Kompromiss mitformulierte. „Er kannte die Gesprächspartner der politischen Seite und wusste sie einzuschätzen“, so Dister.

Laudator Emil Dister, Ex-Chef des Auen-Instituts. | Foto: Collet

Gunter Kaufmann hatte nie die ökologische Seite allein, sondern immer auch die soziale und wirtschaftliche Komponente im Blick.

Emil Dister, Ex-Chef WWF-Auen-Institut

Seine Offenheit und optimistische Ausstrahlung ließen ihn nach Disters Worten immer wieder Auswege aus verfahrenen Situationen finden. Und: „Gunter Kaufmann hatte nie die ökologische Seite allein, sondern immer auch die soziale und wirtschaftliche Komponente im Blick.“ Im Ergebnis mussten das Land und Daimler-Benz große Zugeständnisse machen, etwa die Untertunnelung des Ötigheimer Waldes.

Ökologe mit Augenmaß

Neben diesem Großprojekt war der Nabu-Mann auch mit der Dioxin-Verseuchung durch die Metallhütte Fahlbusch befasst, mit der Konversion des Söllinger Flughafens, der Ausweisung des Nationalparks Schwarzwald und aktuell mit der PFC-Verseuchung in Mittelbaden. Ebenso war er im Hochwasserschutz entlang des Oberrheins aktiv.

Elefant als Lieblingstier

Kaufmann sei wie ein Elefant – er habe die Ohren immer auf Empfang, sei gelassen, klug, empfindsam, aber auch bahnbrechend, wenn er sich in Bewegung setze. Kein Wunder, dass der Elefant Kaufmanns Lieblingstier sei, das in seiner Wohnung überall zu finden ist.

Appell von Kaufmann

Der Geehrte machte angesichts der vielen genannten Ämter darauf aufmerksam, dass sich die Arbeit durchaus auf 50 Jahre verteilt habe. Die Anwesenden rief er unter Beifall zum Engagement auf: „Wir brauchen Mitstreiter und dürfen das Feld nicht den Schreihälsen überlassen.“

Kommentar: Querdenker

Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Gunter Kaufmann kommt genau zur richtigen Zeit. Erstaunlich geräuschlos geht in der Region der Flächenfraß voran, ein Logistikzentrum ragt nach dem anderen in die Höhe, Daimler will noch größer werden, die Menschen ersticken im Verkehr – den sie zum Großteil selbst erzeugen – und in der Innenstadt scheint die Hauptsorge der Anzahl von Parkplätzen zu gelten. Man wünscht sich förmlich neue, junge Querdenker vom Format eines Gunter Kaufmann herbei.
Er ist gewiss keiner, der den Fortschritt opfern will oder einen ökologischen Fundamentalismus predigt. Aber Kaufmann kämpfte etwa in den frühen 80er Jahren, als Umweltfreunde als Arbeitsplatzfeinde verunglimpft wurden, selbst gegen scheinbar unbesiegbare politische Mehrheiten mit Erfolg an. Er zeigte es denen, die sich auf ihrem sicheren Wohlstand ausruhen wollten, wie Sachverstand, Beharrungsvermögen und eine solide Überzeugung so manches ins Wanken bringen können. Und dass dies im Rückblick ein Segen für die Menschen ist. Wer würde sich heute noch dafür einsetzen, den Ötigheimer Wald ohne Tunnel mit einer Straße zu durchschneiden? Niemand. Die Mehrheitsfraktionen CDU und Freie Wähler wollten das damals – ebenso wie Teile seiner eigenen SPD. Wer es schafft, eine solche politische Mauer zu durchbrechen, hat schon allein deshalb die Ehrenbürgerwürde verdient.
Für die Stadt ist Gunter Kaufmann ein Aushängeschild, das von manchem Geehrten ordentlich abweicht. Er hat Rekordjahre ebenso zu bieten und viele bekleidete Ämter – aber er bleibt bei allem in kritischer Distanz. Er ist ein Schelm, ein charmanter Plauderer, er kann manches Wässerchen trüben und seine politischen Gegner herrlich vorführen. Aber er kann auch die Hand zum Kompromiss ausstrecken, Solidarität leben und mit seinen Gegnern herzlich lachen. Er lebt das an der Basis, was ein anderer großer Sozialdemokrat, Willy Brandt, formulierte: Kaufmann wagt viel Demokratie. Herzlichen Glückwunsch!