Rastatt ist zu seiner Heimat geworden: „Ich bin überrascht, wie jung man sich fühlt mit 70“, meint Harald Hemprich. | Foto: Collet

Dramaturg Harald Hemprich

Der Philosoph spürt den großen Spannungsbögen nach

Anzeige

Über sein Alter spricht er eigentlich nur am Rande – am Sonntag (13. Januar) ist er 70 Jahre alt geworden. „Ich bin überrascht, wie jung man sich fühlt mit 70“, erzählt der Dramaturg, Lehrer, Philosoph und Theaterchef mit seinem typischen Schmunzeln im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. „Das vierte Enkelkind kommt gerade, man muss etwas mehr auf seine Gesundheit achten.“ Und damit ist auch gut.

Jubilar will sich mehr beim Theater engagieren

Bevor ein Wort wie „Ruhestand“ fällt, legt Hemprich richtig los: „Ich werde in das Theater stärker einsteigen als früher.“ Der Druck sei endgültig draußen, „jetzt habe ich alle Zeit der Welt, um mich für die großen Spannungsbögen des Theaters zu engagieren“. Für sein Ensemble 99 hat er gleich das Jahresprogramm mitgebracht.

Pionierarbeit in Rastatt

Harald Hemprich ist auf der Theaterbühne der Barockstadt immer ein Pionier gewesen – und er will es bleiben. Im Jahr 1978 kam der gebürtige Madgeburger an das Rastatter Ludwig-Wilhelm-Gymnasium, wo er 37 Jahre lang arbeitete, zuletzt als Studiendirektor. Schon im Jahr 1979 gründete er eine Theater-AG an seiner Schule, 1985 folgte die Theatergruppe metro, die das damals neue Kellertheater im Kulturforum bespielte. Im Jahr 1997 gründete er schließlich das Ensemble 99, zu dessen ersten großen Inszenierungen die Trilogie zur Revolution 1848/49 gehörte.

Reithalle wird Veranstaltungsforum

Hemprich war es, der die Reithalle der französischen Streitkräfte auf dem einstigen Kasernengelände zur Bühne machte, zunächst als Provisorium. Später entwickelte die Stadt ein Forum für Veranstaltungen daraus, in dem das Ensemble 99 noch heute spielt.

Die letztendliche Ablösung vom Berufsleben ist mir dann doch schwer gefallen.

Schon in der Schule hat Harald Hemprich immer szenisch gearbeitet. Auch nach seiner Pensionierung war er noch einige Jahre dort tätig. „Die letztendliche Ablösung vom Berufsleben ist mir dann doch schwer gefallen“, gesteht Hemprich im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. Die innerliche Rhythmik fehle, auch die Anerkennung, die man als Lehrer täglich von den Schülern bekomme: „Davon muss man sich lösen, man muss es durch etwas anderes ersetzen.“

Hemprich studiert Philosophie in Heidelberg

Das wiederum hat Harald Hemprich zur Genüge. Neben dem Theater ist er weiterhin Philosophiestudent an der Universität Heidelberg, die er jede Woche einmal besucht. „Daraus beziehe ich auch viele Anregungen für das Theater“, erzählt er. Und was bewegt ihn nun in den großen Spannungsbögen des theatralen Lebens? Er will das Theater wieder enger anbinden an die politische und öffentliche Lebenswirklichkeit. Das geschieht etwa mit dem neuen Format „Zeit-Bühne“, dessen aktuelles Projekt den Arbeitstitel „Aufprall“ trägt. Politische Ereignisse und kulturelle Prozesse der Gegenwart entwickeln darin Szenen und verdichten sich zu einem Stück.

Ich habe Sehnsucht nach Klassikern. Ich würde gerne mal wieder einen Shakespeare inszenieren.

Experimentelles Theater – das war schon immer ein Ansatz in der Arbeit von Harald Hemprich. „Interessant ist, dass die so hoch gelobten Klassiker gar nicht so stark nachgefragt werden, wie immer behauptet wird“, so seine Beobachtung. Und doch: „Ich habe Sehnsucht nach Klassikern. Ich würde gerne mal wieder einen Shakespeare inszenieren.“ Allein Hamlet habe er schon dreimal inszeniert, unter anderem im Jahr 2000, als er ihn in das Spannungsfeld zur Hamlet-Maschine von Heiner Müller setzte. Am Ende müsse aber auch der Klassiker in die Gegenwart hineinsprechen, so Hemprichs Überzeugung.

Gut aufgestelltes Ensemble

Für all das sieht er das Ensemble 99 auch im 22. Jahr seines Bestehens in bester Verfassung: 35 Schauspieler sind es derzeit, rund fünf davon noch aus der Gründungszeit. 15 weitere haben Interesse bekundet, sich im Ensemble zu engagieren. Der Vorstand verantwortet das Programm, Hemprich als Vorsitzender empfiehlt Texte aus der Theaterliteratur, schlägt Bearbeitungen vor und vergibt Aufträge. Die Regisseure arbeiten mit ihren Teams selbstständig. Und das alles geschieht ehrenamtlich, die Stadt Rastatt gleicht lediglich die aufgelaufenen Defizite aus. „Das funktioniert sehr gut“, berichtet Harald Hemprich, „die Stadt unterstützt uns wohlwollend.“ Klar: Ein Profi-Ensemble wäre teurer.