Einsiedelei im Park von Schloss Favorite in Rastatt: Die Eremitage bildete einen Gegenpol zum prunkvoll ausgestatteten Lustschloss. | Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg / Andrea Rachele

Bei Schloss Favorite Rastatt

Die Eremitage – Fluchtort einer frommen Markgräfin

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Sie war eine selbstbewusste Regentin, die für ihren unmündigen Sohn 20 Jahre lang die Fäden in der Markgrafschaft Baden-Baden zog. Eine barocke Fürstin, die zu repräsentieren und zu imponieren verstand. Eine kunstsinnige Bauherrin, die in Schloss Favorite in Rastatt Kostbarkeiten aus aller Welt zusammentrug. Doch Markgräfin Sibylla Augusta (1675-1733) war auch eine arme Sünderin. Regelmäßig zog sie sich aus der höfischen Welt zurück, um Buße zu tun. Für ihre religiösen Fluchten ließ sich die fromme Katholikin vor 300 Jahren eine Eremitage erbauen: eine „Einsiedelei“ im Park des Lustschlosses, damals im Dickicht verborgen und nur über schmale Pfade erreichbar.

Porträtmedaillon der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden in Schloss Favorite Rastatt. | Foto: © Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg / Armin Weicher

In diesem Jahr gibt es gleich an mehreren Tagen die sonst seltene Möglichkeit, das Innere der Eremitage zu besichtigen. Zudem beschäftigt sich bis 21. Oktober 2018 eine Ausstellung in Schloss Favorite Rastatt mit dem heute fremd und eher skurril anmutenden kulturgeschichtlichen Phänomen der höfischen Einsiedeleien.

Die Einsiedelei im eigenen Garten

„Repräsentation und Rückzug. Die Eremitage von Schloss Favorite Rastatt“ heißt die Schau, die in dem Lustschloss gezeigt wird. Sie entstand in einer Kooperation der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (SSG) mit dem Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig. Der Besucher erfährt in der Ausstellung, dass sich seit Ende des Mittelalters viele geistliche und weltliche Würdenträger in der Rolle eines frommen und bedürfnislosen Einsiedlers gefielen. Sie ließen im eigenen Garten oder im Jagdpark Eremitagen errichten.

Oft ging es nur um die Kulisse

Die Eremitagen waren – zumindest äußerlich – oft betont einfach und roh gestaltet. Diese Schlichtheit bildete einen pikanten Kontrast zum höfischen Glanz -und die Oberschicht schmückte sich gerne mit einer solchen Mahnung zur Bescheidenheit. Im Inneren der Eremitagen allerdings schwelgten viele der frommen „Einsiedler“ dann doch im gewohnten Luxus – ihnen kam es vor allem auf die Inszenierung an. Die Kulisse musste stimmen.

Sibylla Augustas Eremitage war „ernst gemeint“

Auch Sibylla Augusta war eine begnadete barocke Selbstdarstellerin – doch ihre Eremitage im Schlossgarten war nach den Erkenntnissen der Fachleute „ernst gemeint“ und bildete eine eine Art „Anti-Favorite“: ein kärglich ausgestatteter Rückzugsort, in dessen Zentrum sich eine der Heiligen Magdalena geweihte Kapelle befand. „Sie diente der frommen Markgräfin zum Büßen und Beten“, erläutert die Konservatorin Petra Pechacek von den SSG.

Zu Tisch mit der Heiligen Familie

In der Eremitage suchte Sibylla Augusta nicht den Beifall von Standesgenossen, sondern die Gesellschaft der Heiligen Familie. Die hatte sie in Form lebensgroßer Wachsfiguren an einem rohen Holztisch versammelt. Die Markgräfin soll sich bisweilen zu Maria, Josef und dem jungen Jesus gesetzt haben, um einfache Mahlzeiten einzunehmen.

Von vielen Schicksalsschlägen gebeutelt

Sibylla Augustas tiefe Religiosität wird oft auf die vielen Schicksalsschläge zurückgeführt, die die Markgräfin erlitt: Sie lebte in einer Zeit der Kriege und Krisen, war mit 32 Jahren Witwe geworden und überlebte zehn ihrer zwölf Kinder. Im Eingangsbereich der Eremitage erinnert ein Totenschädel an die Endlichkeit des Lebens, ein Bild zeigt die einzige Tochter, die das Erwachsenenalter erreichte, auf dem Totenbett.

Erinnerung an die Sterblichkeit: Totenschädel im Eingangsbereich der Eremitage.
Erinnerung an die Sterblichkeit: Totenschädel im Eingangsbereich der Eremitage bei Schloss Favorite Rastatt. | Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg / G. Bayerl

Keine Spur von religiöser Toleranz

Der Glaube galt der frommen Regentin allerdings nicht als reine Privatangelegenheit: Religiöse Toleranz, wie sie ihr lutherischer Verwandter Karl Wilhelm, der Gründer Karlsruhes, an den Tag legte, war ihr fremd. Vielmehr förderte Sibylla Augusta aktiv die katholische Kirche. Sie holte den Piaristenorden ins Land, baute einen Kranz von heiligen Stätten um ihre Rastatter Residenz und förderte Wallfahrten.

Die große Sünderin starb in Ettlingen

Nachdem sie 1727 die Regierung an ihren ältesten Sohn abgegeben hatte, zog sie sich nach Ettlingen zurück. Dort starb die Markgräfin sechs Jahre später an Brustkrebs. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in der Rastatter Schlosskirche. Dort fordert eine Inschrift die Betrachter auf: „Betet für die große Sünderin Augusta“.

Zu  den Öffnungszeiten der Ausstellung sowie den Terminen, an denen man die Eremitage besichtigen kann, geht es hier.