Ortsvorsteher Bertold Föry vor dem Rathaus in Rauental.
Ortsvorsteher Bertold Föry vor dem Rathaus in Rauental. | Foto: Collet

Rastatt-Rauental im Fokus

Die Lage ist Fluch und Segen zugleich

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In Rauental ist die Welt noch in Ordnung. Ortsvorsteher Bertold Föry ist sich dessen so sicher, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit ist, sein Auto an heißen Tagen mit offenen Fenstern vor der Ortsverwaltung stehen zu lassen. „Portemonnaie und Schlüssel nehme ich aber doch raus“, räumt er grinsend ein. Trotzdem: „Die Dorfgemeinschaft ist intakt.“ Und darauf ist Föry stolz.

Stetiges Wachstum

„Klein, aber fein“, so beschreibt der Ortsvorsteher mit den meisten Dienstjahren sein Dorf. Seit der Eingemeindung Anfang der 70er Jahre ist Rauental stetig gewachsen. Damals zählte der kleine Ort gerade mal 1 000 Einwohner, inzwischen sind es um die 1 400 – womit Rauental nach wie vor der kleinste der fünf eingemeindeten Orte bleibt.

Kein Arzt – kein Apotheker

Was durchaus auch Probleme mit sich bringt: Einen Arzt und eine Apotheke hat das Dorf in der jüngeren Vergangenheit nie gehabt. „Dafür sind wir einfach zu klein“, weiß Föry. Wer in Rauental lebt, der fährt entweder nach Rastatt zum Arzt, oder nach Kuppenheim. Obwohl es schon lange her ist, dass die Knöpflestadt Markherrin von Oberndorf und eben Rauental war – die Markgenossenschaft endete 1837 – ist das nahe Kuppenheim bis heute eine Bezugsgröße für die Rauentaler geblieben.

Große Sprünge nach Eingemeindung

Das beschränkt sich nicht nur auf Arztbesuche: Während Rauental mit der Eingemeindung zu Rastatt 1972 seine Selbstständigkeit verlor, starteten die Umlandgemeinden in einem ganz anderen Tempo durch. „Schauen Sie mal nach Muggensturm oder Kuppenheim“, sagt Bertold Föry, „die haben sich toll entwickelt. Da hinken wir schon hinterher.“ Auch wenn Föry zugibt, der Blick auf die Nachbarkommunen mache ihn manchmal ein „bisschen neidisch“ – jammern will er nicht. „Wir waren Anfang der 70er eine arme Gemeinde. Punkt.“ Die Eingemeindung habe Rauental große Sprünge erlaubt, die anders undenkbar gewesen wären: die Oberwaldhalle, das neue Rathaus mitsamt Feuerwehrhaus, „das hätten wir uns damals gar nicht leisten können“.

Wir wissen es zu schätzen, dass wir noch Ortsverwaltungen haben. Das war ja ursprünglich nur für 20 Jahre als Übergang geplant, jetzt sind mehr als 40 Jahre vergangen. Aber manches Brett ist dick, was wir jetzt bohren müssen.

Doch auch die Stadt habe natürlich profitiert – denn die Gemarkung Rauental, die mit der Auflösung der Markgenossenschaft entstanden ist, ist deutlich größer als das Dorf Rauental. Von Norden nach Süden und Osten nach Westen erstreckt sie sich auf jeweils etwa 2,5 Kilometern. Sie ist 319 Hektar groß. 24 Hektar davon werden jenseits der Autobahn für Gewerbe genutzt: Ein Teil des Aldi-Zentrallagers, real, Dehner, Mega-Möbel – alles Rauental; das Edeka-Zentrallager und Möbel Ehrmann entstehen ebenfalls auf Rauentaler Fläche.

Wenig Erweiterungsfläche

Auch wenn theoretisch knapp 320 Hektar zur Verfügung stehen – riesig wird Rauental nie werden: 180 Hektar nutzt die Landwirtschaft, 40 Hektar sind Forst und weitere 40 Hektar sind aktuell besiedelt, also 12,5 Prozent der Gesamtfläche. „Insgesamt sind etwa ein Drittel bebaubar, mehr nicht“, überschlägt Föry.
Schuld daran ist die Lage des Dorfs: Im Westen die Autobahn, im Norden die Bundesstraße und im Osten eine Hochspannungsleitung; die wird jetzt zwar versetzt, allerdings nicht bis an die Gemarkungsgrenze, sondern lediglich ein Stück weiter nach Osten. „Dadurch gewinnen wir vielleicht ein oder zwei Häuserzeilen.“
Gleichzeitig profitiert Rauental von seiner Lage: „Unser Vorteil ist unser Standort. Mit den überregionalen Straßen eignen wir uns für Pendler sehr gut“, weiß der Ortsvorsteher. Deshalb sei es auch dringend nötig, dass neue Bauflächen erschlossen werden. „Das ist wichtig: Viele junge Menschen sind weggezogen. Und die werden auch nicht mehr zurückkommen.“

Baugebiet im Süden?

Seit der Eingemeindung hat Rauental lediglich drei kleinere Baugebiete entwickelt – zuletzt, und das ist auch schon wieder 15 Jahre her, war das der zweite Bauabschnitt der Korngasse. Der erste Bauabschnitt war ab den 90er Jahren dran. Und kurz nach der Eingemeindung, in den Jahren 1975/76 waren die „Unteren Münchäcker“ bebaut worden. In diesem Bereich soll es nun baldmöglichst weitergehen: Das Gebiet „Vogelsand I“, das in insgesamt drei Abschnitten bebaut werden soll, könnte 280 bis 300 neue Rauentaler aufnehmen. Je nachdem, ob es mehr Ein- oder Zweifamilienhäuser geben wird. Ein Erschließungsträger ist beauftragt. Doch wie so oft gibt es ein Eigentümerproblem: „So gut wie kein Grundstück gehört der Stadt.“ Deshalb gab es bereits im Frühjahr eine Infoveranstaltung für die Grundstückseigentümer, im Herbst soll eine zweite Folgen. „Die Resonanz war gut, viele sind gekommen.“ Der Ortsvorsteher hofft daher, dass sich das Baugebiet im Süden des Dorfs vielleicht doch in den nächsten zweieinhalb bis drei Jahren realisieren ließe. „Wenn das gelingen würde, wäre ich sehr glücklich. Aber das ist auch sehr optimistisch“, räumt er ein.
Außer einer guten Anbindung hätte Rauental den neuen Einwohnern noch mehr zu bieten: Es gibt einen Kindergarten, der mittelfristig in einen größeren Neubau umziehen soll. Damit würden am alten Standort wieder Flächen für Wohnbau frei. Die neue Kita soll an der Grundschule entstehen. Die ist zwar nicht riesig, aber es gibt sie. Und was die einen als Schwäche eines Dorfs abtun, ist für die anderen eine pädagogische Stärke: Die Klassen werden jahrgangsübergreifend unterrichtet. Hinzu kommen die Wäschgasse als Treffpunkt für Kinder und Jugendliche und knapp zehn Vereine mit Angeboten für jede Alters- und Interessengruppe. Auch die Gastronomie funktioniert in Rauental noch gut: Zwar haben in den vergangenen zehn Jahren zwei Traditionshäuser – die „Linde“ und das „Zur Stadt Rastatt“ – geschlossen, doch gibt es noch vier Anlaufstellen, die leckeres Essen servieren.

Nahversorger und Bäcker

Um sich fesch zu machen, geht es dann allerdings wieder ins Umland: „Einen Friseur haben wir nicht mehr.“ Dafür gibt es eine Fußpflegepraxis und gleich zwei Heilpraktiker. Auch ein Nahversorger mit Bäcker ist am Ort – noch: „Der Betreiber ist alt. Ich hoffe, dass das Geschäft mit ihm nicht verschwinden wird.“ Weg sind bereits die Post und die Zweigstelle der Sparkasse – beraten lassen können sich in Rauental nur noch VR-Bankkunden. Dafür hat das Dorf, was kein anderer Ortsteil mehr hat – eine Tankstelle, im Norden an der B 462.

Durchfahrt wird unterbrochen

Ebenfalls im Norden, allerdings direkt östlich der Autobahn, ist auch das dorfeigene kleine Gewerbegebiet angesiedelt. Das jedoch wird irgendwann der Vergangenheit angehören: Wenn der Autobahnanschluss tatsächlich zum Vollkleeblatt ausgebaut wird, wird eines dieser „Blätter“ einen Teil des Gewerbes verdrängen. Dafür soll der nördliche Ortseingang geschlossen werden – eine Riesenchance für Rauental, wie auch Föry findet: „Wenn ich mir meine Hauptstraße heute anschaue … katastrophal.“ Und mit der Unterbrechung der Nord-Süd-Durchfahrt könnte Rauental seinen Straßendorfcharakter ein Stück weit abwerfen. Denn ein Thema hätte Bertold Föry nach 28 Jahren als Ortsvorsteher wirklich gerne mal vom Tisch: „Den Verkehr.“