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"Eine Huldigung der Weiblichkeit" - und keinen Sexismus - sieht Galerieleiter Peter Hank in dem Werk von Ines Scheppach, das Teil der Sonderschau „Welt der Träume“ der Sammlung Westermann ist. | Foto: Collet

Galerie Fruchthalle in Rastatt

„Ein Sexismusvorwurf ist eine enorme Reduktion“

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Die Galerie Fruchthalle feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen mit einer mehrteiligen Sonderschau. Der erste Teil, der bis Mitte April gezeigt wurde, war mit „Anfang“ und „Ursprung“ überschrieben und umfasste auch einige vor allem skulpturale weibliche Halbakte. Diese Auseinandersetzung mit der Weiblichkeit nahmen die BNN zum Anlass, um sich mit dem Galerieleiter Peter Hank über die Sexismus- und #MeToo-Debatte zu unterhalten, die längst aus dem Alltags- und Berufsleben in die Welt der Kunst übergeschwappt ist. Ein Gespräch über Weiblichkeit und Gay-Community, Pädophilie und Pornografie – und die Gefahren, die solch eine 1:1-Übertragung für die Kunst bedeuten kann. Bilderstürme inbegriffen.

 

In der aktuellen Ausstellungsreihe beziehen Sie sich auf den unter Feministinnen umstrittenen weiblichen Unterleibsakt „Ursprung der Welt“ von Gustav Courbet, der im Pariser Musée d’Orsay hängt. Ist das eine Provokation?

Hank: Ganz im Gegenteil. Eine Provokation wäre es gewesen, wenn wir das nicht gemacht hätten. Wir haben das Werk aus dem 19. Jahrhundert in die heutige Debatte geholt. Es wäre eine Provokation gewesen, wenn wir es in der traditionellen Vorstellung der Welt als Jammertal belassen hätten. Doch mit dem Ursprungskapitel unserer Ausstellung haben wir die Welt als universelle Gegebenheit mit der Ursprungsmacht des Weiblichen verknüpft. Damit wird es zu einer Auszeichnung des Weiblichen und in dieser Variante geradezu zu einer Ikone des Feminismus.

Eine verweiblichte Welt also?

Hank: Die Welt ist viel komplexer als das. Sie birgt auch das männliche Prinzip in sich. Selbst eine elektromagnetische Welle mit ihren Amplituden hat einen verschränkten Dualismus.

 

Vor einem Jahr gab es bei der Hubbuch-Ausstellung einen abgetrennten Bereich mit Aktzeichnungen, zu dem nur Volljährige Zutritt hatten. Gab es dagegen Protest?

Hank: Wenn es Protest gab, dann kam der nicht bei mir an. Ich war eher überrascht, wie geräuschlos diese relativ spektakuläre Präsentation vorüberging. Wir haben uns allerdings auch an den gängigen Margen orientiert, wie sie etwa auch die Stuttgarter Staatsgalerie mit den Blättern von George Grosz vorgegeben hat. Allerdings habe ich einmal beobachtet, wie jemand jedes Bild im Einzelnen abfotografiert hat, das habe ich natürlich unterbunden. Ich würde aber sagen, der Voyeurismus war eher gegeben als der Protest.

 

Wo verläuft sie denn nun, die Grenze zwischen künstlerischem Akt und frauenfeindlicher Pornografie?

Hank: Das ist ganz schwierig… In der künstlerischen Betätigung findet über die künstlerische Handschrift immer eine Stilisierung und Abstrahierung des jeweiligen Sujets statt, auch eines Akts. Dadurch gewinnt die Darstellung eine gewisse Distanz, das gilt auch für drastische Darstellungen. Es gibt nie eine plumpe Direktübernahme von sexuellen Handlungen. Das ist eine künstlerische Aufnahme von erotischen Elementen und nie Pornografie. Die findet man viel eher bei Fotografie, im Film oder in der Werbung.

 

Ist es dabei egal, ob ein Mann oder eine Frau einen weiblichen Akt malt?

Hank: Darüber gibt es noch viel zu wenige Untersuchungen. In welcher Form sich eine Frau als Akt darstellt, ist noch relativ unerschlossen und wenig ausgeführt. Anders als etwa in der Gay-Community.

 

Und wenn nun eine Frau einen männlichen Akt zeichnet? Ist das progressiv oder sexistisch?

Hank: Es gibt da immer diesen Distanzcharakter, der aufklärerisch wirkt. Ich würde mich freuen, wenn Künstlerinnen den männlichen Akt aufgreifen würden. Daraus wäre eine neue Rollensituation ablesbar, es würde sich eine neue Dimension auftun. Die Debatte, wie es mit der Rolle von Frau und Mann aussieht, würde in einen weiteren Horizont übergehen – und wie ich meine, eine fruchtbare Debatte sein.

 

Warum gibt es eigentlich so wenige Aktzeichnungen von Männern?

Hank: Es gibt ganz wunderbare Aktzeichnungen, die Männer von Männern gemacht haben. Doch bis zum 21. Jahrhundert war die Kunst männerdominiert, so erklären sich die vielen weiblichen Akte. Das wird sich ändern, wenn Frauen Männerakte zeichnen.

 

Welche Rolle spielt dabei das Thema Homosexualität?

Hank: Von Michelangelo gibt es wunderbare Männerakte. Hier wird vermutet, dass sie ein Hinweis auf nicht ausgelebte Homosexualität sind. Die Sixtinische Kapelle ist voll von Männerakten, selbst Christus als Weltenherrscher war ursprünglich nackt… sein Geschlecht wurde dann allerdings nachträglich übermalt. Auch der erst über den Nachlass öffentlich gewordene Selbstakt von Albrecht Dürer, der in Weimar hängt, werden vor diesem Hintergrund diskutiert. Das Thema kam dann erst wieder mit Egon Schiele auf, allerdings nicht unter dem Gay-Aspekt, sondern jenem der Pädophilie. Dafür saß er sogar mal 24 Tage im Gefängnis – aber völlig unberechtigt. Er ist absolut freizusprechen.

 

Würden Sie Bilder von einem Künstler aufhängen, der nachweislich pädophil veranlagt war?

Hank: (denkt lange nach) Bei erwiesenem Kindesmissbrauch würde ich aus Gründen des Opferschutzes diese Bilder nicht ausstellen… 2010 haben wir das erlebt, wie das Thema mit den Brückekünstlern richtig hochgekocht ist. Erst hat das Sprengel Museum Hannover eine sehr aufklärerische Ausstellung gemacht. Dennoch wurde danach schmutzige Wäsche gewaschen, die es nachweislich nicht gab. Zumal Kirchners Kindermodell „Fränzi“ ihm mit Mitte 20 gesagt hat, wie schön die Zeit damals gewesen sei.

 

Aufklärung ginge also vor Opferschutz?

Hank: Die Darstellung von Opfern in einer Ausstellung wäre nur in einer Aufklärungs-Kampagne denkbar. Da müsste im Ausstellungskonzept thematisiert sein: „Sieh her, das ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Missbrauch.“ Inwieweit die Öffentlichkeit das versteht, ist allerdings offen. Eine solche Ausstellung darf keinesfalls vertuschen oder nachträglich sanktionieren.

 

Wie sieht es mit anderen Werken pädophiler Künstler aus, als solchen Bildern, die keine Kinderakte zeigen?

Hank: (schnauft) Das ist mehr als eine Gretchenfrage. Da muss man Salomons Weisheit besitzen, um die richtige Antwort zu geben… Wenn die künstlerische Produktion ein anderes Sujet besitzt und künstlerisch hochwertig ist, muss man sie schon über das Vorgefallene hinaus würdigen. Wenn der Künstler allerdings als krimineller Pädophiler gilt, dann sind seine Werke besser in der Prinzhorn-Sammlung aufgehoben. (Anm. der Red.: Die Heidelberger Sammlung Prinzhorn umfasst Werke, die Patienten psychiatrischer Anstalten um die Wende zum 20. Jahrhundert schufen.)

 

Mussten Sie in Ihrer Laufbahn schon einmal eine solche Entscheidung treffen?

Hank: Glücklicherweise nicht!

Jubiläumsausstellung
Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Galerie Fruchthalle wird dies derzeit mit einer Jubiläumsausstellung gefeiert. Sie ist bei freiem Eintritt zu sehen und hat Donnerstag bis Samstag von 12 bis 17 Uhr und an Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppenführungen können telefonisch unter (0 72 22) 9 72 84 10 mittwochs bis freitags zwischen 10 und 17 Uhr vereinbart werden. Hier gibt es Informationen zu Veranstaltungen rund um die Jubiläumsschau.
Die Ausstellung wurde am 17. Februar eröffnet und zeigte bis zum 15. April Werke, die unter dem Motto „Anfang“ und „Ursprung“ standen. Derzeit läuft der zweite Zyklus noch bis zum 15. Juli unter dem Motto „Grenze“ und „Ursprung“. Vom 19. Juli bis 30. September sind dann „Mensch“ und „Ding“ zu sehen.

 

Die #MeToo-Debatte hat längst die Museen erreicht. Würden Sie unter öffentlichem Druck Gemälde abhängen?

Hank: Wenn all diese Gründe, die wir soeben besprochen haben, wegfallen – nie und nimmer! Die Interpretation eines Werks ist eine komplexe Angelegenheit. Ein Sexismusvorwurf ist eine enorme Reduktion. Auch im Kontext der aufklärerischen Arbeit, Kunst in ihrer Epoche darzustellen, darf man solche Themen nicht unter den Tisch fallen lassen. Deshalb habe ich damals Hubbuch so gezeigt, wie ich ihn gezeigt habe. Künstlerische Produktion muss immer einen Spagat machen, gerade bei Erotik: Sie ist einerseits geschützt durch die persönliche Scham, andererseits durch gesellschaftliche Konventionen, Der Künstler hat naturgemäß ein Interesse daran, gerade diesen Bereich öffentlich zu machen. Daher gilt er oft als obszön oder schamlos. Der Betrachter kann dadurch aber auf seine persönliche Menschlichkeit blicken.

 

Wären bei entsprechenden Werken erklärende Texte hilfreich?

Hank: Das ist derzeit die große Diskussion. Das Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, verzichtet auf Beschriftungen und gibt seinen Besuchern lediglich eine Infobroschüre mit. Auf der anderen Seite gibt es die Bestrebung, möglichst viel Information zu geben. Ich versuche, einen Zwischenweg zu finden, denn die Kunstvermittlung ist wichtig. Eine Anleitung hilft den Menschen, gerade bei Themen wie Erotik oder Mythologie.

 

Welche Rolle spielt dabei der freie Museumseintritt, wie ihn derzeit auch die Galerie Fruchthalle hat? So werden neue Besucherschichten erreicht, denen womöglich der Kontext zur kulturhistorischen Einordnung fehlt.

Hank: Wenn der Eintritt frei ist, dann muss die Museumspädagogik und die Museumsdidaktik ausgebaut werden, damit sich Stereotypen und Vorurteile nicht verfestigen. Wir haben das hier schon immer versucht.
Bedroht die Sexismus-Debatte die Freiheit der Kunst? Oder hemmt sie gar die Künstler?
Hank: Ich würde sagen, eher das Gegenteil ist der Fall, weil die Künstler ganz besonders gestrickt sind – sie provozieren nicht nur, sondern fühlen sich provoziert durch zugeknöpfte Debatten. Sie wollen aufknöpfen und Verborgenes sichtbar machen. Das war nicht erst bei Klee so, sondern galt schon für die alten Chinesen. Es gilt vielmehr aufzupassen, dass sich die Gesellschaft nicht veranlasst sieht, Bilder abzuhängen.

 

Ist das denn eine akute Gefahr?

Hank: Ja. Bilderstürmereien gab es zu allen Zeiten. Und wenn ich nach Polen schaue – oder nach Ungarn oder Russland… Wenn das Schule macht innerhalb Europas, dann muss man Angst haben um die künstlerische Freiheit.

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Die Pagodenburganlage ist immer wieder Ziel von Zerstörungen. Der Kunstverein sah sich daher bereits veranlasst, eine Ausstellung abzusagen. | Foto: Archiv Collet

In Rastatt bedroht derzeit der Vandalismus die Kunst: In der Pagodenburg wurde vorsorglich eine Ausstellung des Kunstvereins abgesagt. Ist das der Anfang einer Entwicklung?

Hank: Man kann nur hoffen, dass das eine vorübergehende Erscheinung ist. Nun, da alle Scheiben zerstört sind, ist hoffentlich der Scheitelpunkt der Eskalation erreicht. Ich hoffe, dass die zweite Ausstellung nicht auch noch ausfallen muss. Wir haben innerhalb des Kunstvereins eine kontroverse Diskussion darüber geführt, was nun zu tun ist – klar ist, man muss etwas machen, doch was, ist schwer zu sagen, da die Täterprofile noch unbekannt sind. Wir müssen erst mal rausbekommen, was für Jugendliche das sind. Es gibt immer welche, die müssen sich beweisen. Dann passieren auch solche Unsinnigkeiten. Ich hoffe, die Stadt findet einen Dreh, da etwas zu machen.

 

Glauben Sie, es handelt sich dabei bereits um einen Angriff auf die Kunst?

Hank: Das denke ich weniger. Das ist nicht wirklich eine Art Bildersturm, sondern Vandalismus pur.

 

Die Fruchthalle zeigt seit 25 Jahren Kunst. Wie ordnen Sie den künstlerischen Auftrag ein im Spannungsfeld von politischer Überkorrektheit und zerstörerischer Gewalt?

Hank: Die Kunst ist dabei, sich nach neuen Ufern aufzumachen. Gerade in den vergangenen fünf, vielleicht auch acht Jahren habe ich intensiv mitbekommen, wie sich eine Entwicklung abzeichnet. Es ist vollkommen klar, dass das 20. Jahrhundert zuende ist. Die Moderne als Moderne ist zu einem Abschluss gekommen. Die Kunst fühlt sich wieder in eine Richtung getrieben, Naturbezüge herzustellen und zwar ganz elementarer Art. Es geht nicht mehr darum, ein autonomes Kunstwerk zu schaffen, das für sich alleine steht – das war immer utopisch, denn gesellschaftliche Bezüge fanden immer statt. Aus den Erfahrungen dieser abstrakten Mittel geht es nun zurück in eine neue Naturbezogenheit, die auch eine stärkere Anbindung an die Wirklichkeit hat. Das ist eine spannende Entwicklung und für mich eine wichtige Erfahrung, das so mitzuerleben.