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Im Wald unterwegs: Forsteinrichter Helmut Weishaar, Revierförster Uwe Kirst und Bezirksleiter Clemens Erbacher im Ottersdorfer Oberwald. Begehungen vor Ort sind bei der Waldinspektion allerdings nur an ausgewählten Orten möglich. | Foto: Collet

Waldinventur im Kreis Rastatt

Ein Wald wächst nicht wie Kraut und Rüben

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Auch wenn Wald heutzutage nur noch selten aufgeforstet aussieht, so steckt in dem natürlichen Durcheinander viel Planung, Erfahrung und Wissen. Alle zehn Jahre wird sogar Inventur gemacht – wie derzeit im Landkreis Rastatt. Dort ist der Forsteinrichter unterwegs.

„Kann das sein, dass die Rückestraße nicht im aktuellen Plan verzeichnet ist?“ Helmut Weishaar ist verdutzt. Eigentlich wollte der Forsteinrichter nur noch einmal schnell die Daten abgleichen und nun steht er mitten im Ottersdorfer Wald auf einem Weg, den es auf seiner digitalen Karte nicht mehr gibt. Revierförster Uwe Kirst zückt die gute alte Papierkarte und deutet auf eine dünne Linie: „Also, hier ist er noch.“ Und so schnappt sich Weißhaar seinen digitalen Stift und malt die fehlende Rückestraße kurzerhand auf sein Tablet, damit einer seiner Mitarbeiter ihn wieder in die aktuelle Karte aufnehmen kann.

Alle zehn Jahre kommt der Forsteinrichter

So einfach ist die Arbeit bei einer Forsteinrichtung allerdings nicht immer: Bei der Waldinventur wird zwar nicht jeder einzelne Baum gezählt, das wäre viel zu viel Aufwand, doch trotzdem zieht sich die Arbeit von Weishaar, der im Landkreis Rastatt für die Inventur von Wäldern in sieben Kommunen zuständig ist, locker über ebenso viele Monate hin. „Dabei ist Rastatt hier der bedeutendste Wald in jeder Beziehung“, erklärt der groß gewachsene Mann, der seit acht Jahren in zehn Landkreisen nichts anderes macht als Forsteinrichtungen. „Und ich war noch in keinem Landkreis, in dem ich so viel mit Naturschutz zu tun hatte wie hier.“

Hintergrund „Forsteinrichtung“
Die Forsteinrichtung ist eine Art „Waldinventur“, die alle zehn Jahre vorgenommen wird. Dabei wird der Zustand des Waldes geprüft und ein Plan für die nächsten zehn Jahre gemacht.
Bei diesem Blick in die Zukunft geht es um die Frage des künftigen Holzeinschlags einerseits und die Menge der Anpflanzungen andererseits. Außerdem spielen Besonderheiten wie Orkan Lothar oder das Eschentriebsterben eine Rolle. Der Plan wird am Ende schriftlich festgehalten im sogenannten „Einrichtungswerk“. Gleichzeitig wird der vergangene Zehn-Jahres-Plan auf seinen Erfolg oder auch Misserfolg geprüft.
Im Landkreis Rastatt sind insgesamt vier Forsteinrichter unterwegs, die die zweite Waldinventur machen. Sie ist gesetzlich vorgeschrieben. Grundsätzlich gibt es die Forsteinrichtung aber schon deutlich länger: Vor 200 Jahren hießen die Einrichter noch Taxator. Während der Einrichter in Baden-Württemberg gemeinsam mit den Revierförstern unterwegs ist, steht in anderen Bundesländern der Kontroll-Gedanke stärker im Vordergrund.

 

Jetzt steht er also mit Revierförster Kirst und Bezirksleiter Clemens Erbacher vom Landratsamt im Ottersdorfer Oberwald mitten in einem Wasserschutzgebiet und schaut sich in Abteilung 56 den Bestand D4 an – ein Douglasienwäldchen, das bei der vergangenen Forsteinrichtung 40 Jahre alt war, daher die Bezeichnung D4. Eigentlich ist der Fleck nicht sonderlich aufregend, aber dennoch außergewöhnlich: Mit zwei bis drei Prozent Anteil „spielt das Nadelholz hier keine Rolle“, so Weishaar. Vor 50 Jahren, als die kleine Rarität entstanden ist, ging es darum, Weihnachtsbäume anzupflanzen, erzählt Revierförster Kirst mit einem Grinsen im Gesicht. Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist die Zielsetzung eine andere: Das Laubholz soll gefördert werden, sind sich die drei Männer einig. Zwei Mal soll der Bestand in den nächsten zehn Jahren durchforstet werden, sprich: Ein oder zwei Douglasien werden gefällt, damit sich die jungen Laubbäume, die bereits in „Lauerstellung“ warten, vermehren können. Oder in Forstsprache ausgedrückt: „Wir werden 80 Festmeter auf zwei Mal rausholen“, so Weishaar nach einem Blick auf seine Tabellen.

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Mit Infrarotluftbildern werden die Bestände abgegrenzt. Deutlich zu sehen ist in grün das Douglasienwäldchen. | Foto: Collet

Denn auch wenn Wald heutzutage nur noch selten aufgeforstet aussieht, so steckt in dem natürlichen Durcheinander viel Planung, Erfahrung und Wissen. Das wird nur wenige Meter weiter deutlich. Abteilung H3 bestand 2008 aus 30 Jahre altem Hartlaubholz, damals im Verhältnis 40 Prozent Esche, 30 Prozent Bergahorn und weitere 30 Prozent sonstige Laubbäume. Dann kam das Eschentriebsterben. „Hier war ein Befallsschwerpunkt“, sagt Kirst und weist auf den ziemlich lichten Waldabschnitt. „Die Masse an Eschen ist inzwischen raus.“ Weitere 200 Festmeter Esche müssen noch weichen, dann sind 90 Prozent der Bestände weg. „Dann brauchen wir Bäume, die schnell wachsen, damit im Halbschatten die nächste Generation Wald heranreift“, sagt Kirst und blickt auf eine struppige Ranke. „Und nicht nur Brombeeren.“

Infrarotluftbilder, Stichproben und Erfahrungswerte

„Ein gerüttelt Maß an Erkenntnissen“ bringen solche „Begänge“ vor Ort, weiß der erfahrende Forsteinrichter. Doch allein die zwei Abteilungen haben die Männer 40 Minuten Denkarbeit am Schreibtisch und den Vor-Ort-Termin gekostet. Das geht nicht für die gesamte Fläche, die inventarisiert werden muss. Deshalb greift Weishaar auf Infrarotluftbilder des Landes zurück, mit denen die Abgrenzung zwischen den einzelnen Baumbeständen gemacht werden kann. Hinzu kommen Höhenstrukturkarten. „Momentan wird daran gearbeitet, dass noch mehr Daten aus den Luftbildern herausgeholt werden können“, erklärt Weishaar. Alles in allem würden aber viele Daten geschätzt. Und bei großen Betrieben wie dem Rastatter Stadtwald geht der Forsteinrichtung eine Betriebsinventur voraus: Dabei wird über die gesamte Fläche ein Gitternetz gelegt und an den Schnittpunkten im Stichprobenverfahren Daten wie Baumarten, Höhe und Dicke, Alter, Totholz und Schäden gesammelt. „Und am Ende verzahnen wir unsere Erfahrungswerte mit den gesammelten Daten.“