Der Energieverbrauch beim Aufladen eines Autos ist enorm.
Der Energieverbrauch beim Aufladen eines Autos ist enorm. | Foto: dpa

Rastatt derzeit gut gerüstet

Elektroautos fordern Stadtwerke heraus

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Mit der Erweiterung des Daimlerwerks soll in Rastatt ein Kompetenzzentrum für Elektroautos entstehen. Immer mehr Verbrennungsmotoren sollen nach dem Willen der Politik durch Elektroantriebe ersetzt werden – damit einhergehend braucht es viele Ladestationen in den Städten und Gemeinden. Und damit stellt sich den Energieversorgern eine enorme Aufgabe, denn alleine mit der Installation von Ladekabeln ist es nicht getan: Das bestehende Elektrizitätsnetz muss das aushalten. „In Rastatt gibt es vorerst keine Probleme“, erklärt Stadtwerkechef Olaf Kaspryk im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. In den Rieddörfern allerdings müsse man nochmal genauer hinsehen, da die Stadtwerke dieses Netz im Jahr 2014 von der EnBW übernommen hatten.

In Rastatt derzeit keine Schwierigkeiten

„Die Dynamik hat im privaten Sektor noch nicht so sehr Fahrt aufgenommen“, so Kaspryk. Im Landkreis Rastatt gebe es derzeit knapp 270 reine Elektrofahrzeuge, hierfür seien 32 öffentliche Ladesäulen installiert. In Rastatt gibt es aktuell acht Säulen, bis zum Jahr 2020 sollen es 22 sein, fünf Jahre später rund 50, so Kaspryks Prognose. Rund 200 private Säulen gebe es hingegen in Rastatt und rund 930 im Landkreis, „diese Zahlen werden deutlicher steigen“. Das sei für die Netzbetreiber durchaus eine Herausforderung, gibt der Stadtwerkechef zu bedenken. Diese Entwicklung zugrunde gelegt, seien in Rastatt in den nächsten fünf Jahren keine Schwierigkeiten zu erwarten. „Wir haben ein gut ausgebautes Netz“, so Olaf Kaspryk. Für die Zeit danach entwerfe man derzeit eine Konzeption, die mit der Stadtverwaltung abgesprochen und dem Gemeinderat vorgelegt werde.

Ladestation der Stadtwerke beim Hallenfreibad Alohra.
Ladestation der Rastatter Stadtwerke beim Hallenfreibad Alohra. | Foto: Collet

Der Energieverbrauch eines Elektroautos ist beim Aufladen enorm – und nicht vergleichbar mit üblichen Haushaltsgeräten. Ein Tesla saugt schon mal 50 Kilowatt, so viel verbrauchen 25 Heizlüfter gleichzeitig. Ein Elektroherd, bei dem alle Platten und der Backofen eingeschaltet sind, kommt auf höchstens zwölf Kilowatt und damit auf rund ein Viertel des Auto-Ladestroms. Selbst eine Sauna jagt höchstens die Hälfte der Energie einer E-Auto-Batterie durch die Drähte, sofern die Schnellladung aktiviert ist. Es gibt auch Autos mit geringerem Ladestrom, bei längerer Ladezeit verringert sich die Energiemenge weiter. Es werden aber auch immer stärkere Ladestationen entwickelt, teils über 100 Kilowatt.

Privathäuser müssen Großverbraucher genehmigen lassen

Das wirkt sich freilich auch auf Privathäuser aus. Wenn eine Wohnanlage in der Tiefgarage mehrere Anschlüsse für die Schnellladung der Autos installieren will, muss sie das bei den Stadtwerken genehmigen lassen. Möglicherweise muss dann der Hausanschluss verstärkt werden. Machen das mehrere größere Gebäude, dann reicht irgendwann auch die Hauptleitung in der Straße nicht mehr aus. Auf jeden Fall wird dieses Thema zunehmend die Eigentümerversammlungen beschäftigen. Auch Besitzer von Einfamilienhäusern müssen sich Anschlüsse mit hohem Energieverbrauch genehmigen lassen.
In den Ortsnetzen der Rieddörfer könnte es schon etwas früher Probleme geben als in Rastatt, da diese bis Ende 2013 der EnBW gehörten. Bereits in der Vergangenheit gingen einige Stromausfälle in Rastatt auf defekte Leitungen oder Trafostationen in diesem Bereich zurück. „Wir haben dort teilweise sogar noch Freileitungen“, so Kaspryk. Für das gesamte Stadtnetz nennt der Stadtwerkechef eine grobe Richtung: „Wenn 30 bis 50 Prozent der Autos elektrisch fahren, dann wird es eng.“

Intelligente Ladesysteme

Die Frage ist: Lässt sich das Elektrizitätsnetz, das gerade auf die allgemeine Energiewende getrimmt wird, überhaupt für diesen enorm steigenden Bedarf für Elektroautos ausbauen? Olaf Kaspryk setzt auf intelligente Ladesysteme, die gewissermaßen die Energieversorgung der Autos an die aktuelle Kapazität im Stromnetz anpassen. Bei Nachtspeicherheizungen praktizieren das die Versorger bereits mit einem einfachen System: In der Nacht, wenn wenig Strom verbraucht wird, laden sich die Öfen auf, tagsüber geben sie die Wärme ab. Das sorgt außerdem dafür, dass die Kraftwerke Tag und Nacht ähnlich stark ausgelastet sind.
So einfach wird das bei Elektroautos nicht gehen. „Intelligente Messzähler gibt es schon, sie dürfen aber noch nicht eingesetzt werden“, erklärt Kaspryk. Diese könnten etwa eine Fahrzeugflotte nacheinander laden – und dies an die Netzauslastung anpassen. Das würde extreme Stoßzeiten für die Stromerzeuger vermeiden. Dennoch werden die Anbieter mittelfristig nicht umhin kommen, ihr Netz und die Stromerzeugung auszubauen.

Kommentar: Sozialisiert
Wozu Kraftwerke? Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Der alte Spruch, mit dem die Kernkraftgegner in früheren Zeiten karikiert wurden, könnte wieder aktuell werden. Alle Welt redet von Elektromobilität, Bürger und Firmen sollen sich möglichst schnell mit E-Autos ausstatten und es werden E-Busse konstruiert. Es ist unstrittig, dass Öl als Rohstoff endlich ist und möglichst schnell als Energielieferant ersetzt werden muss.
Dem Laien ist vielleicht nicht sofort ersichtlich, welch geballte Energieladung ein gefüllter Benzintank enthält. Und welche Energiemenge man folglich als Ersatz braucht, wenn man ein Auto an eine Steckdose anschließt. Den Entwicklern der Elektroautos muss dieser Zusammenhang allerdings klar sein. Und sie müssen wissen, dass sie die Energieversorger mit immer höheren Ladeströmen vor ein riesiges Problem stellen.
Insofern trifft die Frage des Rastatter Stadtwerkechefs Olaf Kaspryk den wichtigsten Punkt beim Ausbau der Elektromobilität: „Wer zahlt es, wenn die Infrastruktur der Stromnetze an ihre Grenzen stößt und erweitert werden muss?“ In Rastatt, wo das bestehende Netz offenbar noch manche Ladestation aushält, wird bereits an einem Zukunftskonzept gestrickt. Ob dann die Kommunen, das Land oder der Bund in die Kasse greifen, um die Nachrüstung zu bezahlen, wird ausgehandelt werden. Sicher ist, dass am Ende die Bürger zahlen. Denn die Stromkonzerne werden dieses Projekt nicht alleine schultern.
Und damit sind die Kollateralkosten gleich zweier Branchen wieder einmal sozialisiert: die der Autokonzerne und die der Stromerzeuger. Ihnen obliegt es vielmehr, später den Gewinn einzustreichen – die einen verkaufen Autos, die anderen den Strom zum Aufladen.