Schönheitsideale kritisiert Kera Deiß gemeinsam mit den Achtklässlerinnen des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums in Durmersheim. Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen als Model und ihrer jahrelangen Essstörung.
Schönheitsideale kritisiert Kera Deiß gemeinsam mit den Achtklässlerinnen des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums in Durmersheim. Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen als Model und ihrer jahrelangen Essstörung. | Foto: Collet

Prävention an Schulen

Ex-Model Kera Deiß rückt Schönheitsideal zurecht

Anzeige

Schlank, schön und am besten noch sexy – diese Anleitung zum glücklich sein verbreiten soziale Medien, Werbekampagnen und die Modeindustrie. Doch der kritische und idealisierte Blick auf den eigenen Körper kann gefährlich sein, warnt Kera Deiß. Als Model erlebte sie das jahrelang selbst. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert Deiß erzählt sie Jugendlichen ihre Geschichte. Erstmals war das Paar nun mit seinen Präventionsvorträgen am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium (WHG) in Durmersheim zu Gast. Die Botschaft: Selbstliebe, innere Stärke und Gesundheit für Mädchen und Jungen gleichermaßen.

Idealisierte Bilder

Die Bilder von scheinbar perfekten Frauen zeigt Kera Deiß den Achtklässlerinnen absichtlich. Denn: „Das ist alles hindrapiert, gespielt und bearbeitet.“ Gemeinsam mit den Mädchen setzt die ehemalige Kandidatin der TV-Sendung Germany’s Next Topmodel die Fotos in Bezug zum realen Leben. „Steht eure Mitschülerin morgens so auf dem Gang?“, fragt sie. Die 30-Jährige arbeitete lange als Model und litt an Bulimie. Mittlerweile ist sie ausgestiegen. Die Zeit danach vergleicht sie mit einem Aufmerksamkeits-Entzug. Ihre Erfahrungen schrieb Deiß in Büchern nieder und teilt sie seit etwa vier Jahren offen mit Schulklassen.

Soziale Medien erhöhen den Druck.

„Dass es dazu kam, war ein Zufall“, erinnert sich Kera Deiß. Eine befreundete Lehrerin hatte sie darum gebeten. „Es gibt wenig Menschen, die über ihre Essstörungen sprechen können“, sagt sie. „Ich kann es und kenne dazu noch die Modelseite.“ Ihr Ziel sei es, Mädchen aufzuklären, nicht die Industrie schlecht zu machen, sondern sie in ein realistischeres Bild zu rücken. „Durch die sozialen Medien wird der Druck noch viel größer“, so die Autorin.

Die männliche Seite vertritt Robert Deiß und spricht mit den Jungs über Selbstzweifel und stereotype Körperbilder.
Die männliche Seite vertritt Robert Deiß und spricht mit den Jungs über Selbstzweifel und stereotype Körperbilder. | Foto: Collet

Jungs haben ähnliche Probleme

Davor sind auch die männlichen Klassenkameraden nicht geschützt. „Jungs sind oftmals zurückhaltender, wenn es darum geht über ihre Gefühle und Probleme zu sprechen“, erklärt Robert Deiß. Mit „Sixpack war gestern“ will er für die Achtklässer einen Austausch schaffen. Seit vier Jahren unterstützt der Wirtschaftjurist seine Frau bei der Präventionsplattform „choose now“ – mit 80 bis 120 Vorträgen im Jahr, viele davon im badischen Raum.

Bekomme ich so eine Freundin?

Seit vergangenem Jahr erzählt auch er seine Geschichte, die von einsamen Momenten und einem falschen Selbstbild geprägt war. Die fehlende Wertschätzung des eigenen Körpers nehme auch bei Jungs zu. „Viele berichten, dass sie nur für ihr Aussehen ins Fitnessstudio gehen, nicht weil sie gerne Sport machen“, so der 28-Jährige. Nicht selten fragen Jugendliche: „Bekomme ich ohne Muskeln überhaupt eine Freundin?“

Prävention im Unterricht

Selbstwahrnehmung und Gesundheit seien wichtige Themen für Schüler, erklärt Carmen Lenz, Präventionsbeauftragte am WHG. „Es kommt verstärkt vor, dass ich Jugendliche mit Essstörungen in den Klassen beobachte. Besonders bei den Mädchen.“ Die Vorträge sollen den Schülern über den üblichen Unterricht hinaus Zugang zu den Themen verschaffen.

Wir haben ein wahnsinnig eingeschränktes Schönheitsideal.

„Oft gehe ich traurig aus einem Geschäft raus, weil es meine Größe nicht gab“, erzählt eine Schülerin offen. „Was ist denn so falsch daran, einen etwas breiteren Körper zu haben?“ Die Antwort von Kera Deiß: „Wir haben ein wahnsinnig eingeschränktes Schönheitsideal, wenn es um Menschen geht.“