Gemeinsam lernen die Auszubildenden in speziellen Räumen die Theorie, mit welcher sie im Berufsleben später Pflegebedürftigen helfen.
Gemeinsam lernen die Auszubildenden in speziellen Räumen die Theorie, mit welcher sie im Berufsleben später Pflegebedürftigen helfen. | Foto: Reith

Auszubildende erzählen

Fachkräftemangel trifft auf Berufsleidenschaft

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„Wir haben mit Mühe und Not einen Schüler pro Lehrjahr“, erklärt Angelika Reith, die Praxisanleiterin und Qualitätsbeauftragte eines ambulanten Pflegedienstes. „Aufnehmen könnten wir allerdings doppelt so viele.“ Gesprochen wird immer öfter vom Pflegefachkraftmangel. Vermutlich kommen die Schüler der Anne-Frank-Schule in Rastatt, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben und in der Pflege arbeiten, auch damit in Kontakt.

Von unserer Mitarbeiterin Luisa Reith

Laut einer Studie des statistischen Bundesamts und des Bundesinstituts für Berufsbildung ist es durch den demographischen Wandel möglich, dass der Bedarf an Pflegekräften um 27 Prozent ansteigt. Das würde eine Lücke von etwa 200 000 ausgebildeten Pflegekräften ausmachen. Bereits heute fehlen in allen Pflegeberufen Fachkräfte, so das Bundesministerium für Gesundheit. Reith vermutet, dass Gründe dafür der Schicht-, Wochenend- und Feiertagsdienst sind.

Physische und psychische Belastungen

„Manche kommen vielleicht auch mit den physischen und psychischen Belastungen nicht klar.“ Auch die Schüler der Anne-Frank-Schule in Rastatt ahnen, weshalb andere ihren Beruf nicht erlernen wollen. „Pflegen und Waschen hat auch mit Körperausscheidungen zu tun, das finden manche unangenehm. Aber solche Seiten hat jeder Beruf“, betont Cheyenne, eine Schülerin des zweiten Lehrjahrs.

Viele sehen nur den Aspekt des ‚Popo Wischens‘.

Ihre Klassenkameradin Vanessa befürchtet: „Viele sehen nur den Aspekt des ‚Popo Wischens‘, obwohl das nur ein winziger Part ist.“ Der Stellenwert von Pflege sei noch nicht in der Gesellschaft angekommen, sagt Kollegin Marianne. „Wenn dieser steigt, dann steigt auch die Zahl des Nachwuchses“, vermutet sie.

Pflegeberufe haben viel zu bieten

Dabei habe der Beruf sehr viel zu bieten. „Wir arbeiten im Team mit der gleichen Zielsetzung – den Klienten gut zu versorgen. Man kann ganz viel Fachlichkeit anbringen und so die Lebenssituation der Patienten einfacher, lebenswerter und schöner gestalten“, so Reith. Diesen Eindruck haben auch die Schüler an der Anne-Frank-Schule.

Man erfährt ganz viel Dankbarkeit und Freude.

„Man sieht die Freude und das Strahlen, wenn man zur Tür rein kommt. Man baut eine Beziehung zu den Klienten auf“, erzählt Beate, Späteinsteigerin im ambulanten Pflegedienst. Tanja, deren Kindheitstraum eigentlich Krankenschwester war, sei ganz überrascht gewesen, wie gut es möglich ist, zuhause zu pflegen. „Man erfährt ganz viel Dankbarkeit und Freude“, sagt sie.

Pflege bedeutet Freude für beide Seiten

Zwar sei der Beruf teilweise körperlich anstrengend, aber man bekomme auch sehr viel zurück, erzählt Vanessa. „Zu sehen, dass es Menschen besser geht und zu wissen, das man dazu beigetragen hat, ist total schön“, betont sie. „Diesen Beruf sollte man nur machen, wenn man mit Herz, Hirn und Verstand dabei ist.“ Marianne sieht das ähnlich: „Die Leute sollten erst kennenlernen, was es bedeutet zu pflegen, bevor sie über den Beruf schimpfen.“ Der künftige Personalbedarf in den Pflegeberufen hänge von unterschiedlichen Faktoren ab: wie etwa der Bevölkerungsentwicklung und der tatsächlichen Pflegefallhäufigkeit, sowie dem zukünftigen Anteil von ambulanter und stationärer Versorgung in der Pflege, so das Bundesministerrium für Gesundheit.

Betriebe fragen nach Schülern ohne Lehrplatz.

„Unsere Anmeldezahlen sind stabil“, bemerkt Christine Sieg, Abteilungsleitung de Bereichs Altenpflege der Anne-Frank-Schule. „Allerdings kommt es auch vor, dass Betriebe anrufen und nach Schülern ohne Platz fragen, da Personal fehlt“, fügt sie hinzu.

Pflegefachkräftemangel kritisch betrachtet

Dem Pflegefachkraftmangel stehen die Schüler kritisch gegenüber. „Klar gibt es Tage, an denen man abends sehr müde nach Hause kommt, aber die gibt es in jedem Beruf“, erklärt Vanessa. „Ein Problem würde ich den Fachkräftemangel nicht nennen. Bei Krankheit im Team muss man eben ein bisschen mehr machen, aber das ist kein Dauerzustand“, bemerkt Beate. Auch Cheyenne macht darauf aufmerksam, dass man sich dann richtig aufteilen müsse und zusammen arbeitet. „Eines der Schwesternhäuser meines Ausbildungsbetriebs hat gefragt, ob es Pflegekräfte ausleihen kann, da dort Leute gebraucht werden. Jetzt gehe ich drei Monate in das andere Haus um zu helfen. Man muss alles nur richtig organisieren“, erzählt sie.

Die meisten wissen nicht, welchen hohen Anspruch die Altenpflege hat.

Abteilungsleiterin Sieg bedauert: „Die meisten wissen nicht, welchen hohen Anspruch die Altenpflege hat. Man braucht viel Fachkenntnis und eine hohe Personal- und Sozialkompetenz.“ Dem werde das öffentliche Bild nicht gerecht. Hier versuche die Schule gegenzusteuern. „Wir sind auf Ausbildungsmessen vertreten und pflegen einen engen Kontakt zur Agentur für Arbeit. Außerdem bieten wir wechselnde Wahlpflichtfächer an, um Abwechslung und Kreativität zu schaffen“, so Sieg. Ein Beispiel dafür sei das Unterrichtsfach Glück, in dem auch Burn-out behandelt werde.