Der Plittersdorfer Ortsvorsteher Mathias Köppel vor seinem Rathaus.
Der Plittersdorfer Ortsvorsteher Mathias Köppel vor seinem Rathaus. | Foto: Collet

Rastatt-Plittersdorf im Fokus

Flächenausgleich hemmt den Ort

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Nein, Mathias Köppel ist nicht bange, wenn er in die Zukunft seines Dorfs blickt. Ganz im Gegenteil – er ist von den Chancen der Riedgemeinden überzeugt. Doch unkritisch ist er deshalb nicht: Seit zehn Jahren beobachtet der Ortsvorsteher, dass vor allem junge Familien aus Plittersdorf abwandern. Gar nicht so sehr nach Rastatt, sondern vor allem nach Steinmauern. 30 bis 40 Familien, schätzt Köppel, hat sein Dorf verloren, weil es keine Bauplätze anbieten konnte. Die Einwohnerzahl bleibe dennoch stabil. Sie wachse aber auch nicht, obwohl sie es könnte.

Generationenwechsel

Bestes Beispiel dafür sei das Baugebiet „Kleine Röder“, das im vergangenen Jahr endlich konkret wurde: Auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei Greiser sind seit August 2017 15 Wohnbauplätze erschlossen worden – „wir hätten aber auch das Doppelte an Bauplätzen loskriegen können“, ist Köppel überzeugt. Auch wenn im Ortskern Häuser durch einen Generationenwechsel frei würden, seien diese meist schneller weg, als die Ortsverwaltung überhaupt Wind von dem Verkauf bekommt. Die Nachfrage sei also durchaus da, nur das Angebot hinke hinterher. „Wir haben bei weitem nicht die Flexibilität und die Dynamik, die die umliegenden Gemeinden haben“, bringt Köppel es auf den Punkt. Nicht nur Steinmauern, auch Iffezheim, Ötigheim, Muggensturm oder Kuppenheim hätten von Rastatt und seinem Arbeitsplatzangebot bei gleichzeitigem Mangel an Baugebieten für Ein- oder Zweifamilienhäuser profitiert – ein regelrechter „Speckgürtel“ sei entstanden, findet der Ortsvorsteher.

Blick nach Steinmauern

Da Steinmauern nicht viel weiter weg ist als die Kernstadt oder Ottersdorf, fällt Köppels Blick häufig auf die eigenständige Gemeinde und ihre Entwicklung. Sein Fazit ist deutlich: „In den 80ern hat man noch etwas herablassend auf Steinmauern geblickt.“ Das habe sich inzwischen geändert. „Was früher der Blick nach unten war, ist heute eindeutig der Blick nach oben.“
Doch nicht alles, was der „Speckgürtel“ mache, sei nachahmenswert, räumt der Ortsvorsteher ein. Immerhin gehe es bei den in den frühen 70er Jahren eingemeindeten Dörfern auch darum, eben jenen Dorfcharakter zu erhalten. Zudem hätten Neubaugebiete nicht nur Vorteile, sondern brächten auch Probleme: „Sie altern am Stück. Das bedeutet, dass etwa Kindergärten und Schulen angepasst werden müssen.“ Solche Viertel gibt es auch in Plittersdorf: Sowohl der historische Ortskern zwischen Fährstraße und Seefeldstraße als auch das Pendant im Norden, also zwischen Fährstraße, Blumenstraße und Lange Straße – früher auch „Im Bühl“ genannt, sind recht homogen gealtert. Selbst das – nach der kleinen Röder am Friedhof – „jüngste“ Baugebiet, der Rödereckring aus den 70er und 80er Jahren, beherbergt inzwischen überwiegend Menschen mittleren Alters, deren Kinder erwachsen und damit aus dem Haus sind. Sorgen, dass der Ortskern irgendwann im wahrsten Wortsinne „aussterben“ könnte, hat Köppel allerdings nicht. „Ich sehe das nicht in der Masse auf uns zukommen.“

Neuer Einkaufsmarkt

Mehr Gedanken macht sich der Ortsvorsteher dagegen um die Versorgung der Plittersdorfer: Wer Lebensmittel braucht, kann derzeit beim „nah und gut“ gegenüber der Ortsverwaltung das Nötigste einkaufen. „Das funktioniert aber nur, weil der Betreiber Edeka Rheinau ist.“ Eigentlich sei die Fläche viel zu klein, um rentabel zu sein. Deshalb ist angedacht, einen Einkaufsmarkt auf dem ehemaligen Sägewerksgelände an der Seefeldstraße anzusiedeln – doch das Eck lockt die Betreiber nicht: Zwar stimmt die Größe, aber die Lage nicht. „Die wollen direkt an die L77, so ist es keine 1-A-Lage“, sagt Köppel.
Ansonsten funktioniert die Infrastruktur des Rieddorfs aber noch recht gut: Es gibt einen Kindergarten, der von sechs auf sieben Gruppen wachsen und zur Altrheinhalle umziehen soll. Die Grundschule am Ort arbeitet als verlässliche Grundschule mit verlängerten Öffnungszeiten. Außer einem Hausarzt gibt es noch einen Zahnarzt, eine Apotheke und ein Massagestudio. Aufgeben musste dagegen vor rund 15 Jahren die Tankstelle – ihr gegenüber könnten etwa zehn Bauplätze entstehen. Auf dem Gelände des ehemaligen Sägewerks, wo auch der Nahversorger hin soll, weitere 20 bis 30. Durch solche Umstrukturierungen soll der Ortskern mehr Erholungsraum bekommen.

Die Riedschiene wird nicht sterben. Ich sehe da eher einen gewissen Kannibalismus.

An Naherholungsmöglichkeiten ist Plittersdorf eigentlich nicht arm – allerdings liegen sie alle außerhalb: Da wäre zum einen das Freizeitparadies, zum anderen der Rhein mit seinen unter Schutz stehenden Rheinauen. Gemeinsam mit der Rheinfähre und der neuen Schiffsanlegestelle bilden sie einen Anziehungspunkt für Tagestouristen – von denen das Dorf selbst bisher jedoch nur wenig hat. Auch darum werden die 100 000 Euro aus dem Dorfentwicklungskonzept nach zähem Ringen erst einmal in die Aufwertung der Rheinpromenade fließen: eine Toilettenanlage ist der erste Schritt. Mittelfristig soll außerdem aus dem mobilen Imbiss eine feste Gastronomie werden. Dafür muss es aber erstmal Strom und einen Anschluss an das (Ab-)Wassernetz geben. „Am Ende soll das zu einem richtigen Naherholungsgebiet werden“, freut sich Köppel. Da sich die ganze Planung in einem Überflutungsgebiet abspielt, wird es aber wohl noch fünf Jahre dauern, bis Ergebnisse zu sehen sein werden, vermutet er.

Überflutungsgebiete

Auch die Sportplätze befinden sich derzeit im Überflutungsgebiet. Sie könnten, so wie der Kindergarten, zur Altrheinhalle umziehen. „Doch da stellt sich die Frage: Macht man das für einen Verein oder für eine SV Ried?“ Ein Standort am Freizeitparadies, das beinahe mittig zwischen Plittersdorf und Ottersdorf liegt, wäre in Köppels Augen zwar noch geeigneter gewesen – dort ein Kreisel, auf der einen Seite das Freizeitparadies, auf der anderen Flächen für die Sportvereine samt einer Soccerhalle: „Das hätte damals wachsen können“, ist er überzeugt. Am liebsten hätte er auch die Feuerwehr dort untergebracht und sich so die Debatte um eine Zusammenlegung der Wehren erspart. „Die Entscheidungen hätten in den 80ern mit Weitblick getroffen werden müssen. Jetzt ist das Schnee von Vorgestern.“ Grundsätzlich erkennt der Plittersdorfer Ortsvorsteher aber durchaus Möglichkeiten, die aus Kooperationen mit dem nahen Ottersdorf entstehen könnten. „Inzwischen entdecken wir immer mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede.“ Doch was sich liebe, necke sich halt auch gerne.

Rheinauen setzen Grenzen

„Unsere Potenziale sind relativ klein“, macht der Ortsvorsteher mit Blick auf die spezielle Situation der Riedgemeinde mit den geschützten Rheinauen deutlich – und auch Ottersdorf ist von Schutzgebieten umgeben. Köppel bringt deshalb eine nicht überall beliebte Forderung ins Spiel: „Wir brauchen Möglichkeiten, Flächenausgleiche nicht immer dort zu schaffen, wo sie anfallen. Etwa zwischen dem oberen Murgtal und der Rheinebene. Auch monetäre Ausgleiche müssen denkbar sein.“ Er wisse, dass das umstritten sei, sagt Köppel. Aber anders sei kaum noch Entwicklung möglich.