Wastatt, Wasservögel, Wagbachniederung | Foto: Lechner

Artenzählung auf dem Wasser

Fliegende Vögel zählen nicht

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„Ist das eine junge Mittelmeermöwe oder eine junge Silbermöwe?“, fragen sich die beiden Hobby-Ornithologen an der Anlegestelle der Plittersdorfer Rheinfähre beim Blick durch ihre Spektive. „Das ist eine einjährige Silbermöwe, die trägt noch ihr erstes Jugendkleid“, meint Jochen Winter und liegt damit fast richtig.

Von Franz Lechner

„Die Färbung des Gefieders ist die einer zweijährigen Silbermöwe“, widerspricht ihm der Artenschutzbeauftragte der Nabu-Gruppe Karlsruhe, Klaus Lechner. Die Hobby-Ornithologen sind an diesem Tag im Dienst der Wissenschaft unterwegs. Klaus Lechner ist nämlich Wasservogelzähler und Jochen Winter begleitet ihn, um zu lernen. Und das schon seit zwei Jahren.

20 Zähler

„Bald werfe ich ihn aus dem Nest, dann kriegt er sein eigenes Gebiet zum Zählen“, lacht Klaus Lechner und ergänzt, „wer Silber- von Mittelmeermöwen unterscheiden kann, der kann auch ein eigenes Gebiet als Wasservogelzähler betreuen“. So wie Klaus Lechner und Jochen Winter sind in der Region zwischen Rastatt im Süden und Waghäusel im Norden mehr oder weniger gleichzeitig etwa zwanzig verschiedene Wasservogelzähler unterwegs.

Jede Art wird erfasst

„Jeder von ihnen hat sein eigenes, genau festgelegtes Gebiet, in dem er so wie ich in Plittersdorf und Umgebung die Wasservögel zählt“, erklärt der Nabu- Artenschutzbeauftragte. Dabei geht es natürlich nicht so sehr um die Gesamtzahl aller Wasservögel, sondern darum, die Zahlen für jede einzelne Art genau zu erfassen. Sogar mitten in Karlsruhe an der Alb oder im künstlich angelegten See in der Günter-Klotz-Anlage ist ein Wasservogelzähler mit dieser Aufgabe beschäftigt. Aber nicht nur in der Region, sondern auch auf dem Bodensee, in der gesamten Oberrheinebene und in fast allen Gebieten Europas, in denen Wasservögel aus Ost- und Nordeuropa in großer Zahl überwintern, werden die Tiere von Fachleuten systematisch erfasst. Und das teilweise schon seit 50 Jahren.

Voraussetzung: gute Kenntnisse

„Gezählt wird zwischen Oktober und März, und zwar in allen Gebieten immer an den mittleren Wochenenden eines Monats“, berichtet Klaus Lechner. Meist sind es Hobby-Ornithologen, die diese Arbeit ehrenamtlich machen. „Da man aber zum Unterscheiden vieler Möwen- und weiblicher Entenarten viel Übung und Erfahrung braucht, muss ein Wasservogelzähler sehr gute Artenkenntnisse haben“, erklärt Lechner, warum Jochen Winter ihn seit fast zwei Jahren beim Erfassen der Wasservögel begleitet.

Tiere aus Nordeuropa

Die Vögel, die den Artenschutzbeauftragten aus Spessart kurz darauf am Plittersdorfer Bärensee in helle Aufregung versetzen, kennt auch nicht jeder. „Singschwäne“, weist der Vogelfreund begeistert auf einen kleinen Schwarm großer, weißer Vögel am blauen Himmel über dem See. „Die sind auch als Wintergäste sehr, sehr selten bei uns“, erklärt Lechner, warum er sich über den Anblick der Vögel aus Nordeuropa so freut. Zählen darf er aber nur die banalen Höckerschwäne, die vor ihm auf dem Bärensee schwimmen. „Um Doppelzählungen zu vermeiden, erfassen wir keine fliegenden Vögel“, erklärt Winter. Aber auch ohne die fliegenden Singschwäne hatten die beiden Hobby-Ornithologen an diesem Wochenende auf den Gewässern rund um Plittersdorf viele Vögel zu zählen. Darunter auch viele ungewöhnliche Arten, die man in der Region nicht häufig zu sehen bekommt. Pfeif-, Shell- Krick- und Sichelenten etwa, aber auch Gänsesäger konnten die beiden in ihre Liste eintragen. Und am Ende landeten sogar noch zwei Singschwäne auf einem der Plittersdorfer Gewässer.

Viele Ehrenamtler

„Insgesamt hatten wir heute knapp 750 Vögel verteilt auf 24 verschiedene Arten, das waren deutlich weniger Vögel als in den letzten Monaten“, wundert sich Lechner und spekuliert, dass viele Wintergäste wegen des milden Wetters vielleicht früher als in anderen Jahren zum Rückflug in ihre Brutgebiete aufgebrochen seien. „Solche Beobachtungen darf man aber nicht überbewerten“, betont der Artenschutzbeauftragte. Tatsächlich haben erst die Zahlen aus mehreren Jahren wissenschaftliche Aussagekraft, wenn es beispielsweise darum geht, Veränderungen im Zugverhalten der Wasservögel zu belegen. „Solche Entwicklungen, aber auch die Gefährdung einzelner Arten lassen sich mit den Zahlenreihen von hunderten ehrenamtlichen Vogelliebhabern so früh erkennen, dass man rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergreifen kann“, erklärt Lechner den Sinn der Wasservogelzählung.