Gefährlicher Glaube: Christen haben in China einen schweren Stand. Sie müssen mit Verfolgung rechnen. | Foto: dpa

Chinesische Christin erzählt

Flucht in die Glaubensfreiheit

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Cheng Xin kann nicht mehr. Immer wieder stockt die junge Chinesin, als sie ihre bewegende Fluchtgeschichte erzählt. Schließlich überwältigt sie der Schmerz. „Ich vermisse meine Tochter unglaublich“, sagt Cheng Xin unter Tränen. Seit März 2016 hat sie das heute vierjährige Mädchen nicht mehr gesehen. Den Kontakt zu ihrer Familie musste die Chinesin abbrechen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Cheng Xin (Name geändert) ist Christin. Vor zweieinhalb Jahren floh sie vor der Verfolgung durch die chinesische Regierungspartei nach Deutschland. Sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages wieder in ihre Heimat zurückkehren. Allein: Ihr Glaube daran schwindet.

Zuflucht bei der Petrusgemeinde

Cheng Xin ist eine von zehn chinesischen Flüchtlingsfrauen, die in der evangelischen Petrusgemeinde in Rastatt eine Glaubensheimat gefunden haben. Betreut werden sie vom Pfarrerehepaar Berbig und der Familie Dettling. Die Frauen empfinden ihnen gegenüber tiefe Dankbarkeit, nennen sie Bruder und Schwester.

Im Visier der Regierung

Seit sechs Jahren ist Cheng Xin Christin. Wie viele ihrer Glaubensgeschwister gerät sie ins Visier der kommunistischen Partei. Der Regierung in Peking sind die unzähligen Hauskirchen, wie auch Cheng Xin einer angehört, ein Dorn im Auge. Sie fürchtet um ihren Einfluss auf das Volk. Als 2013 eine ihrer Glaubensschwestern verhaftet und gefoltert wird, bekommt es Cheng Xin mit der Angst zu tun. Ihr ungläubiger Mann will der jungen Frau ihren Glauben ausreden. Als sie sich ihm widersetzt, schlägt er sie.

Flucht vor der Polizei

Im August 2014 erhöht die Regierung den Druck auf Cheng Xin. „Der Chef für öffentliche Ordnung kam in meinen Obstladen“, erinnert sie sich. Sie habe eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie nicht an Gott glaube. „Ich hatte keine Wahl“, sagt Cheng Xin, „er hat damit gedroht, mein Geschäft zu schließen und meiner Tochter auf Lebenszeit das Recht auf einen Universitätsbesuch zu entziehen.“ An ihrem Glauben aber hält sie unerschrocken fest. Um ihre Tochter in Sicherheit zu bringen, zieht Cheng Xin mit ihr zu ihren Eltern.

Ungewisse Zukunft:: Xia (links) und Cheng Xin (Namen geändert) haben ihre Familien aus Angst vor der chinesischen Regierung in ihrer Heimat zurückgelassen | Foto: Körner

Kurz darauf verschlimmert sich ihre Lage: „Die Polizei kam in meinen Laden, um mich zu verhaften.“ Cheng Xin hat großes Glück, kann fliehen. Den Kontakt zu ihrer Familie bricht sie ab. „In China wird alles überwacht: Das Telefon, die Post, E-Mails“, sagt die junge Frau: „Ich hatte Angst um sie.“

Es hat unglaublich wehgetan, meine Tochter zurückzulassen.

Immer wieder wechselt sie ihren Wohnort. Zwei weitere Male entgeht Cheng Xin denkbar knapp einer Verhaftung, bis sie eine schwere Entscheidung trifft: Sie muss das Land verlassen. Im Frühjahr 2016 gelingt ihr die Flucht nach Deutschland. Mit gefälschten Papieren fliegt sie über Moskau nach München. „Es hat unglaublich wehgetan, meine Tochter zurückzulassen“, sagt sie und ihr Schmerz ist greifbar, „aber es war das Beste für sie.“

Ausbildung im Pflegeheim

Warum ausgerechnet Deutschland? Im Internet habe sie erfahren, „dass sich die deutsche Regierung für die Einhaltung der Menschenrechte in China einsetzt.“ Über mehrere Stationen kommt Cheng Xin schließlich nach Rastatt. Im „Cafe Welcome“ der evangelischen Petrusgemeinde lernt sie Werner Dettling, Pfarrer Albrecht Berbig und dessen Frau Miriam kennen. Sie vermitteln Cheng Xin und ihre Glaubensschwestern an verschiedene Pflegeheime im Landkreis, wo sie eine Ausbildung absolvieren.

Komplexes Asylverfahren

„Ein bombensicherer Job“, sagt Werner Dettling mit Blick auf das komplexe Asylverfahren. Denn sicher bleiben darf nur, wer seine Verfolgung in China belegen oder zumindest glaubhaft schildern kann – eine in Teilen schwammige Vorgabe, die den Mitarbeitern der Ausländerbehörde schwierige Entscheidungen abverlangt. Eine Arbeitsstelle erhöht die Asylchancen. Die Rastatter Flüchtlingshelfer arbeiten eng mit einem Anwalt zusammen, der sich auf Asylrecht spezialisiert hat.

Geschäft mit der Angst

„Manchmal hat man den Glauben schon fast aufgegeben und man kann den Menschen doch noch helfen“, erzählt Dettling. Er erinnert sich an einen Fall, als die Abschiebung einer jungen Chinesin „in letzter Sekunde verhindert“ werden konnte. Werner Dettling berichtet von einer professionell arbeitenden Fluchtindustrie in der Volksrepublik China. Ein junger Chinese, der mittlerweile bei ihm und seiner Frau untergebracht ist, habe für seine Flucht aus der Heimat ein Touristenvisum beantragt, Kontoauszüge fälschen lassen und in seinen Papieren eine falsche Mutter eintragen lassen. Hinter all dem steht ein Unternehmen, das sich seine Dienste laut Dettling gut bezahlen lässt. Es ist ein Geschäft mit der Hoffnung – und der Angst. Xia (Name geändert), eine Freundin von Cheng Xin, erzählt von einer Glaubensschwester, die am Flughafen vor der Abschiebung mit dem Kopf gegen die Wand rennt, bis sie am Boden zusammenbricht. Dabei schreit sie: „Ich sterbe lieber in Deutschland als in China.“