Mit ihrem Klimastreik während der Schulzeit hat die 16-jährige Schwedin Greta weltweites Medienecho erfahren. Rastatter Schüler wollen es ihr gleich tun
Mit ihrem Klimastreik während der Schulzeit hat die 16-jährige Schwedin Greta weltweites Medienecho erfahren. Rastatter Schüler wollen es ihr gleich tun | Foto: imago

Schulleiter kompromisslos

Wer streikt, muss Nachsitzen

Anzeige

Darf man das? Einfach nicht in die Schule gehen, nur weil man um seine Zukunft fürchtet? Es ist sowas wie ziviler Ungehorsam, mit dem sich zunächst ein schwedisches Mädchen und inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche dafür einsetzen, das Klima vielleicht doch noch zu retten.

Weil die wirklich gravierenden Auswirkungen der langfristigen Erderwärmung nicht mehr in der Lebzeit der derzeit aktiven Politiker zu erwarten sind, stellen sich die Schüler auf die Hinterbeine, schwänzen die Schule und demonstrieren.

Nur wenige Rastatter fahren nach Stuttgart

Am Freitag sind es nur wenige Rastatter, die sich am Klimastreik in Stuttgart beteiligen. Früh am morgen schon macht sich die 19-jährige Jessica Stolzenberger auf den Weg. „Die Stimmung ist super, ganz ausgelassen. Aber aus Rastatt sind leider nicht viele dabei“, verrät sie am Telefon. Sie selbst hat das Abitur bereits in der Tasche. „Aber was ist dieses Abitur noch wert, wenn wir keine Zukunft haben?“ Jakob Wacker ist an diesem Freitag zwar nicht dabei. Doch spätestens zum weltweiten Aktionstag am 15. März kann er es sich gut vorstellen, für das Klima auf die Straße zu gehen. „Es ist ja unsere Zukunft und um die sollten wir uns auch kümmern.“

Die Demonstrationen müssten halt nur in der Nähe sein.

Die Folgen des Klimawandels würden Schlag auf Schlag sichtbar. „Und mit den Konsequenzen müssen vor allem wir jungen Leute leben.“ Der 15-jährige Rastatter ist Schülersprecher am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium. „Die Demonstrationen müssten halt nur in der Nähe sein.“ Dass es tatsächlich und spätestens im März auch eine Aktion in Rastatt geben könnte, hält Wacker für gut möglich. „Wir sind bereits dabei, zu besprechen, was wir machen wollen. Wir müssen das aber auch mit der Schulleitung abklären, weil ja möglicherweise ein ganzer Schultag drauf geht.“

Amtliche Stellungnahme des Regierungspräsidiums

Doch bei den Schulleitern der Region und auch bei seinem eigenen Rektor wird er auf Granit beißen, sollte er um eine Befreiung vom Unterricht nachfragen. „Es gibt eine amtliche Stellungnahme des Regierungspräsidiums und die ist für uns verpflichtend“, stellt Markus Braun, Leiter des Ludwig-Wilhelm-Gymnasiums klar. Er sagt, die Schüler müssten selbst abwägen zwischen ihrer individuellen Demonstrationsfreiheit und der Schulpflicht. Aber wer dem Unterricht unentschuldigt fern bleibe, müsse die Konsequenzen tragen. Wie die dann aussehen, wollte Braun nicht sagen. „Ich kann da noch keine Position einnehmen. Wir werden in jedem Einzelfall abwägen.“

Ich habe gesagt, der Widerstand sei noch überzeugender, wenn er in der Freizeit ausgeübt werde.

Vor knapp vier Wochen traten in Karlsruhe erstmals Schüler in den Klimastreik – darunter auch Jugendliche aus dem Landkreis Rastatt. „Ich weiß von mindestens zwei Schülern, die damals um eine Beurlaubung gebeten haben“, sagt Thomas Dornblüth, Leiter des Wilhelm-Hausenstein-Gymnasiums in Durmersheim. Und auch bei Andrea Rösch, Leiterin des Rastatter Tulla-Gymnasiums, gab es im Vorfeld der Karlsruher Veranstaltung Anfragen auf Unterrichtsbefreiung. „Ich habe den Schülern gesagt, die Schulbesuchsverordnung gibt eine solche Befreiung nicht her. Wer unentschuldigt fehlt, muss mit Maßnahmen rechnen.

Mit ihrem Vorschlag, den Klimastreik doch auf einen unterrichtsfreien Samstag zu legen, sei sie bei den nachfragenden Schülern auf keine Gegenliebe gestoßen. „Ich habe gesagt, der Widerstand sei noch überzeugender, wenn er in der Freizeit ausgeübt werde.“

Strafarbeiten oder Nachsitzen angedroht

Doch die Schüler halten auch nach dem Gespräch mit Rösch zivilen Ungehorsam während der Schulzeit für öffentlichkeitswirksamer. Wie die Konsequenzen für Schüler aussehen könnten, die sich an Streiks beteiligen, könne sie pauschal nicht sagen. „Sicher ist, dass der versäumte Stoff nachgeholt werden muss.“ Das kann auch in Form von Strafarbeiten oder Nachsitzen geschehen. Sie halte die Schüler durchaus für verantwortungsbewusst genug, sich auch gegen die Schulpflicht zu entscheiden. „Aber dann müssen sie eben auch die Folgen tragen.“ Eine Entschuldigung wegen vorgeschützter Krankheit halte sie dann für unangebracht.

Versäumte Klausuren hätten Note 6 zur Folge

Ähnlich sieht das auch Thomas Dornblüth. „Ich begrüße es, wenn unsere Schüler politisch aktiv sind und sich um ihre Zukunft sorgen“, sagt der Durmersheimer Schulleiter. Es sei das Ziel seiner Schule, die Kinder und Jugendlichen zu verantwortlichen und mündigen Bürgern zu erziehen, die sich für ihre Interessen und die Interessen ihrer Mitbürger einsetzten. Doch zu diesem mündigen Auftreten gehöre eben auch, dass man die Konsequenzen trage. Unentschuldigte Abwesenheit sei zunächst Sache des Lehrers. Für eine versäumte Klausur allerdings müssten die Schüler dann die Note sechs akzeptieren.

Da muss jeder für sich selbst abwägen, was ihm die Sache wert ist.

„Wenn unsere Schüler wiederholt und auf breiter Front streiken sollten, müssten wir uns überlegen, wie wir reagieren wollen. Klar ist, dass die Schüler das auf ihre Kappe nehmen müssen. Da muss jeder für sich selbst abwägen, was ihm die Sache wert ist.“ Jakob Wacker kann sich gut vorstellen, am weltweiten Aktionstag Mitte März mit zu streiken. Wie viele Schüler sich gegen die Anordnung des Regierungspräsidiums stellen würden, kann er nicht sagen.

„Wir müssen das erst diskutieren.“ Klar ist für ihn aber, dass ein Ausweichen auf einen schulfreien Tag keinen Sinn macht. „Wer da mit macht, der sucht natürlich das größtmögliche Mittel für Aufmerksamkeit. Da ist es klar, dass man einen Schultag wählt.“

Kommentar: Konsequent
Nachsitzen fürs Klima? Eigentlich wollte man das Politikern, Fernflugreisenden und automobilen Brötchenholern verordnen. Doch das Regierungspräsidium duldet kein unentschuldigtes Fehlen vom Unterricht und fordert von den Schulleitern konsequentes Durchgreifen. Da kann es dann also vorkommen, dass Schüler ihr Engagement für eine gesunde und lebenswerte Welt mit einer Strafarbeit oder Nachsitzen bezahlen müssen.
Das mag dem ein oder anderen Pädagogen schwer fallen. Montag bis Donnerstag versucht er, seinen Schülern kritisches Nachdenken, politisches Interesse und Einsatz fürs Gemeinwohl nahe zu legen. Und nach dem freitäglichen Klimastreik soll er sie für eben dieses richtige Verhalten dann bestrafen.
Für die Schüler aber erhöht das konsequente Vorgehen der Schulbehörde noch die Bedeutung ihres Protestes. Mit dem Klassenlehrer an der Hand und mit der Erlaubnis des Direktors auf die pädagogisch vorbereitete Demo fahren ist das eine. Sich aber den eindeutigen Anordnungen des Regierungspräsidiums zu widersetzen, grenzt an zivilen Ungehorsam. Und der ist einer existenziellen Bedrohung wie dem Klimawandel durchaus angemessen.