Mit Umsiedlungskästen wie diesem sammelt Michael Gues Hornissen- und Wespenvölker ein. | Foto: Collet

Landkreis Rastatt

Hornissen futtern gerne auch mal Mücken

Noch hatte Michael Gues niemanden am Telefon, der ein Hornissennest im Rollokasten hat. „Aber das wird jetzt losgehen. Juli und August sind die heißen Monate. Außerdem haben in diesem Winter viele Jungköniginnen überlebt“, weiß der Durmersheimer Forstrevierleiter, der auch Wespen- und Hornissenbeauftragter des Landkreises ist. Als solcher hat er vergangenes Jahr vier Hornissenvölker umgesiedelt. Und am 23. Mai in Kuppenheim erstmals Kontakt mit der Asiatischen Hornisse gehabt.

Asiatische Hornisse wird zur Gefahr für die Honigbiene

Seit 2006 breitet sich diese schwarze Variante in Europa aus – und das ziemlich schnell: 75 bis 120 Kilometer haben die Tiere pro Jahr zurückgelegt, bis sie vor zwei Jahren in Waghäusel angekommen sind. Vergangenes Jahr wurden dann vier Nester in Karlsruhe gefunden – allerdings erst im November. „Jetzt müssen wir hoffen, dass das Überwinterungspotenzial ganz schlecht ist“, sagt Gues in einem Tonfall, der darauf schließen lässt, dass er nicht wirklich daran glaubt. Ganz im Gegenteil: Er rechnet damit, dass die Asiatische Hornisse nun auch im Landkreis Rastatt angekommen ist. Und damit zu einer großen Gefahr für die heimische Honigbiene wird.

Abwehrmechanismen funktionieren nicht

Die ist nämlich nur auf die hiesige Hornisse und ihr Jagdverhalten eingestellt. „Die Östliche Honigbiene bildet eine dicke Kugel um die Hornisse und überhitzt sie dadurch“, erklärt Gues, der selbst Hobbyimker ist. „Das kann unsere Honigbiene nicht.“ Die lässt sich stattdessen von den Hornissen im Flug vor dem Stock abfangen. „Die stehen da wie kleine Hubschrauber.“ Und da die Völker der asiatischen Hornissenvariante viel größer sind als die der heimischen Hornisse, kann am Ende ein ganzes Bienenvolk dem Hunger des Eindringlings zum Opfer fallen. „Wir Imker müssen uns warm anziehen.“

Hornissen und Wespen sind geschützte Arten

Da die Asiatische Hornisse inzwischen als „gebietsfremde invasive Art“ gelistet ist, müssen die Hornissenbeauftragten gefundene Nester vernichten. Mit der heimischen Variante verhält es sich dagegen ganz anders: „Sie ist durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt“, betont der Experte. Es ist also verboten, Nester selbst zu entfernen oder die Tiere gar zu töten.
Stattdessen hilft ein Anruf bei Hornissenbeauftragten wie Michael Gues: Er schaut sich die Situation vor Ort an, entfernt das Nest im Zweifel schonend und siedelt die Tiere um. „Im Wald, damit sie nicht wieder zurückkehren.“ Allerdings, betont Gues, sei das eigentliche Ziel, die Nester an Ort und Stelle zu belassen, da jede Umsiedlung die Entwicklung der Tiere störe. „Wenn das Nest aber am Schlafzimmer sitzt, dann versteh’ ich das schon.“ Angst müsse allerdings niemand vor den großen Insekten haben: Die redensartlichen sieben Hornissenstiche, die ein Pferd töten, seien Blödsinn. Laut der baden-württembergischen Akademie für Natur- und Umweltschutz sind mehr als 1 000 Stiche nötig, um einen 70 Kilogramm schweren Mann umzubringen. Zudem fressen Hornissen andere Insekten: Ein starkes Volk vertilgt pro Tag 500 Gramm eiweißreiches Futter, rechnet Gues vor. „Darunter sind auch Stechmücken“, sagt er grinsend.

Wespenplage
Damit Gartenbesitzer auf ihrer Terrasse nicht von Wespen und Hornissen geplagt werden, können sie sich ganz einfach helfen, erklärt Fachberater Michael Gues. Indem man eine alternative Futterquelle in einem entlegenen Eck des Gartens installiert, ließen sich die Tiere ganz leicht weglocken.
„Aber bitte nur Marmelade verwenden“, betont Hobbyimker Gues. In Honig, der nicht nur aus EU-Ländern stammt – was für zahlreiche, auch namhafte Marken aus den Läden zutrifft – stecke häufig die Faulbrut. „Das kann ganze Bienenvölker zerstören.“

 

Doch Gues kümmert sich nicht nur um die Insekten, die sich in die Zivilisation verirrt haben. Als Förster hat er auch ein Augenmerk auf die Tiere, die im Wald leben. So hat sich vor rund zwei Jahren ein „entflohenes“ Bienenvolk in den Ritzen einer abgestorbenen Kiefer im Durmersheimer Hardtwald eingenistet. „Eigentlich wäre der Baum entfernt worden, jetzt bleibt er stehen.“ Integrativer Naturschutz nennt sich das. Der macht sich auch an den Wegrändern bemerkbar. In den vergangenen Jahren sind die frühzeitig abgemäht worden, damit sie die Wege nicht überwuchern. Seit diesem Jahr wird nur noch eine Seite gemäht, auf der anderen dürfen die Blumen blühen. „Ich denke, so wird sich eine bunte Vielfalt entwickeln.“ Schon jetzt könnte Rotkäppchen hier einen großen Blumenstrauß für die kranke Großmutter pflücken. Und auch die Zahl der Schmetterlinge werde sich erhöhen, da oft kurz vor dem Schlüpfen der adulten Tiere aus dem Kokon gemäht werde.

Ein Honigbienenvolk, das einem Imker entflogen ist, hat sich in einer alten Kiefer eingenistet. Normalerweise wäre der tote Baum entfernt worden, nun bleibt er stehen und bietet den Bienen und anderen Insekten Nahrung und Heimstatt.1 | Foto: Collet

Und auch Bereiche, die auf den ersten Blick eher nach Feld als Wald aussehen, gehören zur Arbeit eines Försters. Im Durmersheimer Heilwald gibt es jetzt ein kleines Paradies für die Weidensandbiene. Das Insekt, das wie eine Biene im Wintermantel aussieht, hat hier im März einen Acker als Nistfläche auserkoren. „Die Brut ist im Boden. Einmal Pflügen, dann ist es vorbei.“ Dank eines heimischen Biologen wurde die Gemeinde auf die Situation aufmerksam. Da die angrenzende Baumgruppe sowieso schon der Gemeinde gehörte, wurde noch ein kleines Stück Fläche dazugekauft und so hergerichtet, dass sich die Biene hier auch wohlfühlen sollte. Das wird sich allerdings erst im nächsten Frühjahr zeigen, wenn die Jungtiere schlüpfen. Gues ist optimistisch: „Eigentlich müsste das zu 100 Prozent geklappt haben. Alles andere wäre jetzt echt enttäuschend.“

Wer ein Wespen- oder Hornissennest hat, kann beim Landratsamt erfragen, welcher Hornissenbeauftragte für ihn zuständig ist: (0 72 22) 38 10. Auch die Gemeindeverwaltung hilft weiter.