Spielten dann doch: Die Roman Kuperschmidt-Klezmerband, die aus orthodoxen Juden besteht, trat schließlich im Foyer der Johanneskirche auf.

Klezmer-Konzert in Rastatt

Interreligiöser Dialog endet in Scherbenhaufen

Anzeige

Von Martina Holbein 

Fast wäre es zu einem Eklat gekommen beim Klezmer-Konzert in der Johanneskirche, das als Teil der ersten Jüdischen Kulturtage Baden-Baden-Rastatt am Mittwochabend (17. Oktober) stattfand. Irritiert waren die Besucher des Konzerts bereits bei ihrer Ankunft, denn die Frankfurter Klezmer-Band um Klarinettist Roman Kuperschmidt hatte ihre Instrumente auf der Rasenfläche vor der Kirche aufgebaut und ein Team-Mitglied wies die Konzertbesucher an, dass der Auftritt draußen stattfände.

Emotionen kochen hoch

Davon wollten Pfarrer Wenz Wacker und seine Kirchenältesten nichts wissen und baten die Besucher in die Kirche hinein. Während sich die Johanneskirche füllte, wurde draußen lautstark und aufgeregt telefoniert und diskutiert, kochten die Emotionen bei allen Beteiligten hoch. So auch bei Pfarrer Wacker, der, sichtlich um Gelassenheit ringend, um 19 Uhr, Konzertbeginn, das Mikrofon für die Begrüßung zur Hand nahm. Er bemühe sich um äußerliche Ruhe, sei aber innerlich zutiefst aufgewühlt, sagte der Pfarrer, und dass nicht entschieden sei, ob das Konzert überhaupt stattfinde. Gerade für ihn, der sich seit Jahren um den interreligiösen Dialog bemühe, sei das eine äußerst schwierige Situation.

Pfarrer ringt um Gelassenheit

Was war geschehen? Roman Kuperschmidt, der Klarinettist der gleichnamigen Klezmer-Band, gehört zu den strenggläubigen Juden und diesen untersagt ihr Glaube, in einem christlichen Gotteshaus aufzutreten. Gleichwohl waren am Freitag der Vorwoche Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden-Rastatt in der Johannesgemeinde und hatten den Spielort – der aus der Not geboren wurde, da keine andere Lokalität in Rastatt mehr zur Verfügung stand – inspiziert, die ausgezeichnete Akustik gelobt und ihr Placet gegeben. Vor allem, da auch schon ein Klezmer-Konzert in der Kirche stattgefunden hatte und der Gurs-Überlebende Kurt Salomon Mayer bereits mehrmals Gast in der Gemeinde war.

Diese Konfrontation hätte nicht sein müssen.

Wenz Wacker, Pfarrer Johannesgemeinde

Konzert im Foyer als Kompromiss

Dem Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Michael Dörr, hatte Roman Kuperschmidts Band dann per Telefon signalisiert, dass Pfarrer Wacker mit dem Auftritt im Freien einverstanden sei – wovon dieser aber gar nichts wusste und was auch nicht genehmigt war. Auch bei den Konzertbesuchern grummelte es mittlerweile, als Pfarrer Wacker den Kompromiss der Band weitertrug, im Foyer zu spielen. Diese improvisierte Lösung fand aber nur bei der Hälfte der potenziellen Konzertbesucher Zustimmung, die andere Hälfte ging.

Hälfte der Besucher ging

Wer geblieben war, konnte dann wirklich wie angekündigt eine berührende und anrührende musikalische Reise in die jüdische Kultur erleben und ließ sich von den fremden und doch vertrauten Klängen des virtuos lebendigen Klarinettenspiels und des nicht minder bravourösen Akkordeonisten Alik Texter (am Schlagzeug saß Eduard Davidko, am Bass Manuell Saratie) umgarnen und entführen – aber die offenen Stimmung war dahin. Selbst als Roman Kuperschmidt und Band das traditionelle Hochzeitslied, eine Liebeserklärung an „Das goldene Jerusalem“ anstimmten, Mitglieder der israelitischen Gemeinde den hebräischen Text mitsangen und ein Tänzchen wagten, berührte das, aber die Irritationen blieben.

Konflikt wurde offen ausgetragen

„Diese Konfrontation hätte nicht sein müssen“, so Pfarrer Wacker. „Wenn einer aus der Band gesagt hätte, woran es hakt – die israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden-Rastatt wusste ja auch nicht Bescheid – dann hätten wir noch Zeit genug gehabt, eine einvernehmliche Lösung zum Beispiel im Gemeindesaal zu finden.“ Ein Konflikt innerhalb der israelitischen Kultusgemeinde – hier die Orthodoxen, da die liberalen – sei offen ausgetragen worden. Aber so, da sagten auch Michael Dörr und Olexander Odnoposov, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, übereinstimmend, hätten viel Porzellan zerschlagen.

Isrealitische Kultusgemeinde befürchtet Schaden

Denn die Konzertbesucher, die gegangen waren, haben nur den Eklat mitgenommen, nicht den Kompromiss, der doch noch gefunden wurde. Eines habe dieser Vorfall gezeigt, so Michael Dörr: Nichts sei selbstverständlich, auch innerhalb der israelitischen Kultusgemeinde und gerade dort müsse der Vorfall gründlich aufgearbeitet werden. Der Geschäftsführer befürchtet, wie auch der Vorsitzende Odnoposov, dass dadurch gegenüber der interessierten Bevölkerung ein großer Schaden entstanden sei.