Hans-Thoma-Schule
Deutlich in die Jahre gekommen: Die Hans-Thoma-Schule im Ötigheimer Weg braucht mehr als nur einen neuen Anstrich. Darin sind sich alle einig. Doch in der Frage, wie viel das Projekt „Neubau“ kosten darf, klafft eine große Kluft zwischen der Verwaltung und den Fraktionen. | Foto: Collet

Hans-Thoma-Schule Rastatt

Kosten explodieren

Anzeige

Knapp 16 Millionen Euro soll der Neubau der Hans-Thoma-Schule kosten. Das sind die aktuellsten Zahlen, die Verwaltung und Architekten dem Finanzausschuss jetzt präsentiert haben. Und die deutlich von den ersten Schätzungen abweichen. In einer frühen Planungsphase war die Verwaltung von gut acht Millionen Euro ausgegangen. Später war von rund elf Millionen Euro die Rede. Als Grund für die Kostenexplosion hoben Hochbauamt und Architekturbüro vor allem die technische Ausstattung hervor. „Rund eine Million fällt allein für die Elektroinstallationen an“, erklärte Jasmin Weinert vom städtischen Hochbau. Wegen der Auslastung der Firmen würden die Preise in diesem Bereich exponentiell steigen.

Auch deshalb will die Stadt schnellstmöglichst in die Ausschreibungsphase kommen. Ziel ist, die Arbeiten bereits im Oktober auszuschreiben, um möglichst günstige Rückläufe zu bekommen. Im Frühjahr 2019 soll Baubeginn sein. Vorher ist aber die Zustimmung des Gemeinderats notwendig. Er soll am 19. Februar entscheiden. Die Generalprobe im Ausschuss jedenfalls ging daneben: Stadt und Fraktionen lieferten sich einen heftigen Schlagabtausch.

Kritik von den Fraktionen

Die Präsentation der neuen Hans-Thoma-Schule von Architekt Ole Brinckmann ist durch. Jasmin Weinert vom städtischen Hochbau hat gerade erklärt, weshalb die Kosten erneut gestiegen sind. Jetzt dürfen die Ausschussmitglieder ran. Michael Gehse von den Freien Wählern und der Liberale Erich Wölfe machen den Auftakt, stellen Detailfragen. Dann kommt der Paukenschlag. SPD-Mann Joachim Fischer ergreift das Wort: „Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir das Konzept nach wie vor wollen für den enormen Preis von 16 Millionen Euro.“ Das hat gesessen. Die Gästebank – versteinert. Dort sitzen neben Brinckmann und Weinert noch Stefan Vogt vom Fachbereich Schulen sowie die Rektorin der Hans-Thoma-Schule und ihre Stellvertreterin.

SPD stellt Projekt in Frage

Doch Fischer ist noch nicht fertig. Die Diskussion um die Kosten müsse auch im Hinblick auf die anderen Grundschulen in Rastatt geführt werden, stellt er die Frage nach der Gerechtigkeit einer solchen Millioneninvestition. Die Sozialdemokraten waren von Anfang an nicht glücklich mit der Entscheidung, am jetzigen Standort am Ötigheimer Weg festzuhalten. Fischer hatte lange für einen Neubau auf dem Gelände des Tulla-Gymnasiums plädiert, um so Synergien zu erhalten, etwa bei der gemeinsamen Nutzung der Aula. Zugleich wäre auch die Bauphase leichter zu gestalten gewesen, argumentierte der SPD-Fraktionschef, da die Thoma-Schüler bis zur Fertigstellung des Neubaus im alten Schulhaus hätten bleiben können. So werden sie nun zwei Jahre lang nach Wintersdorf pendeln.  Kein Wunder also, dass der SPD-Mann die alte Diskussion noch einmal streift. „Offensichtlich sind die Form und der Standort das Problem“, ist seine Synthese aus der Vorstellung der Entwurfsplanung.

Das ist unser Stuttgart 21. Der Betrag kann noch locker in Richtung 20 Millionen Euro wandern.

Architekt Brinckmann hatte zuvor dargestellt, dass aufgrund des langgestreckten zweigeschossigen Baukörpers lange Leitungswege erforderlich sind, um alle Räume gleichermaßen belüften zu können. Deshalb habe sich nicht nur die Geschosshöhe „geringfügig erhöht“, sondern auch der Keller ist um etwa zwei Drittel größer geworden, um die Lüftungsanlage sowie getrennte Räume für Mensa- und Putzpersonal unterzubringen.
FW-Stadtrat Michael Gehse hält diese Trennung für überflüssig und würde gerne einen der beiden Räume einsparen – „das Putzteam arbeitet morgens oder abends, die Mensa ist mittags besetzt“ –, muss sich aber belehren lassen, dass dies nun mal gesetzlich vorgeschrieben sei. Monika Zierz von der CDU sieht bei der zentralen Lüftungsanlage Einsparpotenzial – „das sind riesige Wege. Die Kosten sind von 428 000 Euro auf 805 000 Euro gestiegen“ – und schlägt eine dezentrale Lösung vor. Brinckmann und Weinert winken ab: „Wir haben die gestiegenen Kosten kritisch hinterfragt und Alternativen geprüft.“ Am Ende sei die jetzige Lösung trotzdem die günstigste gewesen. „Dezentrale Lösungen bieten sich bei Bestandsgebäuden wie dem Tulla-Gymnasium an, nicht bei Neubauten“, so Weinert.

Ausschuss gibt keine Empfehlung für das Projekt

Andere sorgen sich um die Beschattung des Gebäudes (FW), die Zubereitungsform des Mittagessens (CDU), die Ausstattung der Schule mit Bewegungsraum, Ruheräumen für Lehrer und Lehrküche (FW). Am Ende ist klar: Der Ausschuss verweigert der Stadt die nötige Empfehlung an den Gemeinderat. Zuerst muss eine Liste mit möglichem Einsparpotenzial her. Darin sind sich alle Fraktionen einig. Auch wenn SPD-Mann Fischer fürchtet: „Da ist vermutlich nicht viel Fleisch am Knochen.“

Verwaltung kämpft um den Neubau

„Für mich ist die Geschäftsgrundlage hinfällig.“ Es ist ein Satz von vielen, mit denen SPD-Fraktionschef Joachim Fischer gerade das gesamte Neubau-Projekt Hans-Thoma-Schule in Frage stellt und Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch auf den Plan ruft. Nur mühsam beherrscht der seinen Ärger, als er an eine ähnliche Situation erinnert, die er zu seiner Zeit in Villingen erlebte: „Als wir fertig waren mit der erneuten Prüfung aller Einsparpotenziale und endlich ausgeschrieben hatten, hatten wir am Ende denselben Preis, aber dafür ein kleineres Projekt.“ Schnell ist klar: So einfach will sich der Rathauschef die neue Grundschule nicht nehmen lassen.

Am Ende kleiner, aber nicht billiger?

Grundsätzlich versteht der OB den Ärger über den Kostensprung schon: In einer frühen Planungsphase war die Verwaltung von 8,1 Millionen Euro Kosten ausgegangen, später stiegen sie auf rund elf Millionen, nun sind es knapp 16 Millionen. Doch Pütsch ist sicher, dass es nicht viel billiger geht. „Dann müssten wir auf eine Marktberuhigung warten. Und ob das Projekt so lange Zeit hat, wage ich zu bezweifeln.“ Nicht nur in Rastatt, landesweit hätten alle Projekte wegen des Baubooms mit Kostensteigerungen von sieben bis zehn Prozent zu kämpfen. Bremse man die Hans-Thoma-Schule jetzt aus, laufe man Gefahr, am Ende in einen ungünstigen Ausschreibungszyklus zu geraten und erst recht hohe Angebote zu erhalten.

Keine Sonderwünsche, sondern Pflichtprogramm

Auch Bürgermeister Arne Pfirrmann ist mit der pauschalen Kritik an den Kosten nicht einverstanden. „Das sind Kosten, die muss man auf 50 Jahre sehen. Für diesen Zeitraum planen und bauen wir diese Schule.“ Ähnlich wie Fischer appelliert auch er an den Ausschuss, Vergleiche zu ziehen und den Blick zu öffnen. „Die Frage ist doch, mit welchen Ansprüchen gehe ich grundsätzlich an Projekte dran als Stadt.“ Beim Rossihaus etwa sei es Konsens gewesen, dass die Mehrkosten getragen werden. Die Stadt wolle gute Lösungen haben, die eine gute Aufgabenerfüllung möglich machen. Deshalb einen günstigeren Standard wählen, wie manche Stadträte es fordern? Für Pfirrmann nicht drin. „Ich möchte ihn nicht. Aber auch ich bin nicht froh über die Kostensteigerungen.“ Die, wie Pfirrmann betont, nichts mit Sonderwünschen zu tun hätten, sondern Pflichtprogramm seien.

Das haben wir immer wieder gehabt: Da wurde an der falschen Stelle gespart, dann wird es nicht geändert, weil man es zugeben müsste und am Ende will keiner schuld gewesen sein.

Und zu dieser Pflicht gehören tatsächlich auch Ruheräume, zusätzliche Bewegungsangebote und eine Lehrküche, wie Stefan Vogt vom Fachbereich Schulen erläutert. „Eine Ganztagsschule braucht diese Angebote. Das fordert der Lehrplan.“ Und dass die Hans-Thoma-Schule zur Ganztagsschule wird, hat der Gemeinderat entschieden – woran Pütsch an dieser Stelle gerne erinnert.

Bestimmte Kosten fallen sowieso an

Und dann bringt Pfirrmann noch die „Sowieso-Kosten“ ins Spiel – also jenes Geld, das sowieso futsch ist, auch wenn die derzeitige Planung gestoppt würde. „Planungskosten, mögliche Abgeltungsansprüche, der Zuschuss der Sparkassenakademie. Da sind wir ruckzuck bei anderthalb bis zwei Millionen Euro.“ Bei einer neuen Variante würden erneut Planungskosten anfallen – aktuell liegen sie bei rund 700 000 Euro. „Wenn ich das gegenrechne, bin ich fast schon bei der Differenz von den drei Millionen, die jetzt beanstandet werden.“
Es hilft alles nichts. Der Ausschuss will nicht mitgehen und besteht darauf, dass Kostenreduzierungen ermittelt werden. Bürgermeister Raphael Knoth dämpft die Hoffnung: „Wir sind schon weit in der Entwurfsplanung. Da wird nicht mehr viel möglich sein.“