Heilige Leiber ruhen in der Schlosskirche Rastatt - hier die Heilige Theodora. | Foto: Dirk Altenkirch / Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Werk einer frommen Markgräfin

Menschliche Skelette in der Rastatter Schlosskirche: Im Barock waren heilige Knochen ein begehrtes Gut

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Um Theodor und Theodora ist es einsam geworden. Doch es ficht die beiden nicht an, dass Corona-bedingt derzeit keine Besuchergruppen durch die Rastatter Schlosskirche geführt werden. Das Virus kann ihnen ohnehin nichts anhaben. Denn Theodor und Theodora sind schon seit vielen Jahrhunderten tot. Ihre Skelette – Heilige Leiber – ruhen reich verziert in gläsernen Schausärgen. Markgräfin Sibylla Augusta hat die zwei „Katakombenheiligen“ einst von einer Rom-Reise mit ins Badische gebracht.

Theodor und Theodora bekamen einen Ehrenplatz in der Schlosskirche zum Heiligen Kreuz in Rastatt. Für dieses barocke Gotteshaus ließ die fromme Katholikin vor 300 Jahren den Grundstein legen. Es entstand eine kleine, von tiefer Religiosität getragene Welt voller Wunder: bilderreich, prunkvoll und in mancher Hinsicht ganz schön makaber.

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Stets lauert der freche Tod…

Krisen, Kriege, Krankheiten – der barocke Mensch, ob arm oder reich, lebte im Bewusstsein, dass der freche Tod jederzeit zuschlagen konnte. Der Markgräfin Sibylla Augusta hatte er sechs ihrer neun Kinder und den Gemahl geraubt. Als Witwe und Regentin der Markgrafschaft Baden-Baden wandte sie sich einer intensiv gelebten Kreuzfrömmigkeit zu: Der Weg zum Himmel – er führte über das Leiden und Sterben Christi.

„Typisch barock, aber auch typisch Sibylla Augusta“ sei das sakrale Ensemble, das die Markgräfin in unmittelbarer Nähe ihrer Privatgemächer anlegen ließ, erläutert die Kunsthistorikerin Sandra Eberle im offiziellen Kunstführer für das Residenzschloss Rastatt.

Da ist etwa die 1720 eingeweihte „Heilige Stiege“. Sie wurde der „Scala Santa“ nachempfunden, auf der Jesus der Überlieferung nach seinen Kreuzweg begonnen hat. Die Rastatter Stiege sollte zahlreiche Pilger anlocken. Sie durften nach einer Vorschrift des Papstes die Treppenstufen allerdings nur auf den Knien erklimmen. Eine Qual, die mit einem Sündenablass belohnt wurde.

Das Leiden Jesu miterleben

Komplettiert hat Sibylla Augustas ihren religiösen Kosmos mit der von 1720 bis 1723 errichteten Schlosskirche Zum Heiligen Kreuz. Dieses barocke Juwel ist eigentlich seit Sommer 2017 nach über 20 Jahre dauernden Sanierungsarbeiten wieder für die Öffentlichkeit erlebbar. Doch nun sorgt das Coronavirus dafür, dass keine Führungen stattfinden können – „mindestens bis 19. April“, wie Michael Hörrmann, der Chef der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, betont. (Nähere Informationen gibt es hier.) Besonders schade ist, dass in die Zeit der Schließung ausgerecht die Karwoche fällt.

Aufs Miterleben der Leiden Jesu legte Sibylla Augusta großen Wert. Bei „Finstermetten“ etwa, die am Mittwoch der Karwoche, an Gründonnerstag und Karfreitag stattfanden. Dabei wurde nach jedem Psalm ein Licht gelöscht – bis die Gemeinde in völliger Finsternis lag. Die Gläubigen sollten in der Dunkelheit die Angst Christi nachempfinden.

 

Blick auf den Hochalter der Schlosskirche Rastatt mit „glühenden“ Säulen, wie sie zu Sibylla Augustas Zeiten in der Osternacht zu sehen waren. | Foto: Dirk Altenkirch / Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Ein ganz besonderes Erlebnis muss dann die Osternacht gewesen sein, wenn das Bild des Gekreuzigten wieder zu sehen war und die Säulen am Hochalter von innen heraus zu glühen begannen. Ein raffiniertes Aufzugssystem in den hohlen, aus halb transpartentem Alabaster gefertigten Säulen machte es möglich. Flackernde Öllämpchen wurden damit bewegt. Ein barockes Lichterspiel als Zeichen der Auferstehung.

Nichts ist im irdischem Jammertal so erhebend wie ein Blick nach oben. Im Zentrum des Deckengemäldes in der Rastatter Schlosskirche, von Johann Hiebel geschaffen, schwebt der auferstandene Christus als Erlöser.

Das Deckengemälde von Johann Hiebel in der Rastatter Schlosskirche. | Foto: Dirk Altenkirch / Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Sibylla Augusta und die Heilige Helena

Um ihn herum sind Szenen zu sehen, in denen das Heilige Kreuz und die Heilige Helena eine besondere Rolle spielen. Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, hat der Überlieferung zufolge im Jahr 326 in Jerusalem das Grab Christi entdeckt. Mit ihren Sohn ließ sie später über der Fundstelle die berühmte Grabeskirche errichten.

Dass die Heilige Helena auf dem Deckengemälde auffällige Ähnlichkeit mit Sibylla Augusta hat, ist kein Zufall. Die badische Markgräfin identifizierte sich nur all zu gerne mit der Heiligen, die wie sie selbst eine Herrschermutter sowie Bauherrin war – und eine Wegbereiterin des Glaubens.

Die Heilige Helena trägt unverkennbar die Züge der badischen Markgräfin Sibylla Augusta. | Foto: Dirk Altenkirch / Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Wie Helena einst dafür gesorgt hatte, dass das Christentum im Römischen Reich zur anerkannten Religion wurde, so hielt Sibylla Augusta in ihrem kleinen Land den katholischen Glauben hoch. Die Markgräfin war zwar eine Zeitgenossin des Karlsruher Stadtgründers Karl Wilhelm. Doch die religiöse Toleranz, die den evangelischen Verwandten von Baden-Durlach auszeichnete, war ihr fremd. Die wenigen Protestanten in ihrem Land hatten einen schweren Stand.

Blutstropfen Jesu, Splitter vom Kreuz und Heilige Leiber

Die verkopften Evangelischen – die verehrten ja noch nicht einmal Reliquien! Sibylla Augusta hingegen war – auch hier der Heiligen Helena gleich – eine leidenschaftliche Sammlerin solcher „Überbleibsel“. Von einer Rom-Reise im Jahr 1719 brachte sie zahlreiche Reliquien mit nach Rastatt – die meisten davon hatte sie vom Papst oder vom Generaloberst des Jesuiten-Ordens erhalten. Ein Splitter des Heiligen Kreuzes war darunter, Blutstropfen von der Dornenkrönung, Knochenstücke von diversen Heiligen und zwei komplette  Heilige Leiber: Theodor und Theodora.

Ein Großteil von Sibylla Augustas Reliquienschatz ist verloren gegangen. Denn die katholische Linie des Hauses Baden starb 1771 aus – und die evangelischen Erben hatten wenig Sinn für Reliquien. Die Katakombenheiligen Theodor und Theodora blieben allerdings ungeschoren.

Heilige Leiber in der Schlosskirche Rastatt – hier: Theodor | Foto: Dirk Altenkirch / Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Ihre Totenschädel sind mit Pappmaché-Gesichtern verkleidet. Bestickte Gewänder verbergen Teile der Knochen. Und doch: Wenn die Führungen in der Schlosskirche nicht gerade wegen des Coronavirus ausfallen, werden Besucher mit den menschlichen Überresten konfrontiert. Wie kommt das an?

„Die Reaktionen der Besucherinnen und Besucher auf die Heiligen Leiber sind je nach religiöser Prägung ganz unterschiedlich“, sagt die Konservatorin Petra Pechacek von den Staatlichen Schlössern und Gärten. „Sie reichen von Erstaunen, Befremden bis hin zur Faszination.“ Allein gelassen wird mit diesen Zeugnissen barocker Frömmigkeit aber niemand.

Heilige Leiber aus den römischen Katakomben

Für Führungen in der Schlosskirche hat die Kunsthistorikerin Sandra Eberle einen Leitfaden erarbeitet. Demnach sind Heilige Leiber in der Regel Überreste von Menschen aus den römischen Katakomben. Die unterirdischen Anlagen in Rom waren im späten 16. Jahrhundert entdeckt worden – und die dort gefundenen Skelette kamen der Katholischen Kirche wie gerufen. Denn während der Reformation hatten Protestanten Heiligenreliquien in großen Stil zerstört.

Nun aber sorgte der Papst für Ersatz. Pauschal erklärte die katholische Kirche die Toten aus den Katakomben Roms zu Märtyrern: Sie hätten in der Zeit der Christenverfolgung ihr Leben für ihren Glauben geopfert – und seien damit Heilige.

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Begehrte Überreste

Vor allem in den katholischen Gegenden Süddeutschlands und der Schweiz sowie in Österreich waren Heilige Leiber bald sehr begehrt. So begehrt, dass rasch Fälschungen auf den Markt kamen und die katholische Kirche Zertifikate für „echte“ Heilige ausstellte. In barocken Kloster-, Hof- oder Pfarrkirchen versah man die Skelette mit Gewändern, Edelsteinen und künstlichen Blumen. Der kostbare Schmuck sollte den Gläubigen das himmlische Jerusalem vor Augen führen, erläutert Eberle. Man wollte den Menschen anschaulich demonstrieren, wie prächtig es guten Katholiken im Jenseits ergehen würde.

Wie Theodor und Theodora zu ihren Lebzeiten hießen – und ob sie wirklich als christliche Märtyrer gestorben sind: Niemand weiß es. Doch Sibylla Augusta hegte keine Zweifel an den skelettierten Wundertätern, die ihr Papst Clemens XI. persönlich geschenkt hatte.

Als Heilige Leiber waren Theodor und Theodora zudem ein wunderbares Sinnbild für die Überwindung des allerorten lauernden Todes. Und musste ihr Anblick nicht jedermann von der Ewigkeit und Wahrheit der katholischen Lehre überzeugen? So zu denken war typisch barock. Und typisch Sibylla Augusta.

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Markgräfin Sibylla Augusta (1675-1733), eine geborene Herzogin von Sachsen-Lauenburg, war die Gemahlin Ludwig Wilhelms von Baden-Baden, besser bekannt als „Türkenlouis“.
Regentin im katholischen Teil Badens: Nach dem Tod des Türkenlouis 1707 übernahm seine junge Witwe stellvertretend für ihren Sohn für 20 Jahre die Regentschaft in der katholischen Markgrafschaft Baden-Baden. Zu dieser gehörten neben den Städten Baden-Baden und Rastatt unter anderem Ettlingen, die Altgemeinden von Rheinstetten und Waldbronn sowie die heutigen Karlsruher Stadtteile Bulach, Beiertheim, Stupferich, Daxlanden und Grünwinkel.
Bauherrin: Erbaut hat die Markgräfin neben der Schlosskirche unter anderem das Lustschloss Favorite sowie die Einsiedlerkapelle in Rastatt. Auch das Ettlinger Schloss erhielt seine barocke Gestalt durch Sibylla Augusta. Dort nahm sie nach der Regierungsübernahme ihres Sohnes