Dunkle Wolken ziehen über dem Benz-Parkplatz auf.
Dunkle Wolken ziehen über dem Benz-Parkplatz auf. | Foto: Collet

Wirtschaft

Landrat Huber hofft auf späteren Ausbau des Mercedes-Benz-Werks in Rastatt

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Für den Rastatter Landrat Toni Huber ist die Erweiterung des Benz-Werks in Rastatt längst nicht vom Tisch. „Ich habe die Hoffnung, dass die Planung nach einer gewissen Zeit weiter geht. Alleine eine Nachverdichtung auf dem Gelände wird nicht ausreichen“, erklärt Huber im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. Wie berichtet, hatte die Werkleitung überraschend angekündigt, die Vergrößerung des Rastatter Autowerks zunächst auf Eis zu legen und durch eine dichtere Bebauung auf dem bestehenden Werksgelände die erforderlichen Kapazitäten für die Elektromobilität zu schaffen. Unter anderem die Parkfläche könne verkleinert werden, hieß es.

Leitstandort für Elektromobilität

Landrat Huber geht davon aus, dass Rastatt der Leitstandort für die Elektromobilität bleibt. „Das hat mir Werkleiter Thomas Geier in einem Telefonat versichert“, berichtet Huber. Er sieht es eher positiv, dass nun „etwas Dampf aus der Sache herausgenommen“ worden sei.

Die zuweilen zeit- und personalintensive Vorarbeit der Behörden für die angekündigte Werkserweiterung – etwa die Prüfung der Umweltfragen – sei keineswegs umsonst gewesen, ist sich der Landrat sicher. „Der Ökokompromiss steht, ich setze darauf, dass es weiter geht“, gibt sich Toni Huber optimistisch.

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Kleingartenanlage wird trotzdem verlegt

Die Stadt Rastatt will unterdessen dem Wunsch des Unternehmens folgen, die Kleingartenanlage Oberwald zu verlagern. Bis zum Jahresende sollen die vertraglichen Grundlagen dazu vorgelegt werden, kündigte Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch an. „Wir lassen uns nicht den Vorwurf gefallen, dass wir nichts machen, sondern gehen in Vorleistung, um die Flächen zur Verfügung zu stellen, wenn sie gebraucht werden“, sagte Pütsch.

Querspange Münchfeld wird gebaut

Den Bebauungsplan für die geplante Nachverdichtung auf dem Werksgelände sieht er als große Herausforderung. Nach Angaben von Werkleiter Geier seien innerhalb des Werksgeländes neue Hallen und ein Rückbau von Straßen vorgesehen. Nichts ändern werde sich an dem vorgesehenen Gleisanschluss für das Presswerk in Kuppenheim: „Das Thema steht und geht mit voller Kraft weiter.“

Was die geplante Querspange im Münchfeld betrifft, verspricht Pütsch, dass „wir dran bleiben“. Auch die Planungen für der Ausbau der Kreuzungen Kehler Straße/Badener Straße und Ottersdorfer Straße/Oberwaldstraße sollen weiter vorangetrieben werden. Thomas Geier bekräftigte auch, dass die Grundlagenvereinbarung zum Naturschutz zwischen Stadt, Land, Daimler und den Naturschutzverbänden in jedem Fall bestehen bleibe.

Was wird aus den Schützen?

Nicht geklärt ist weiterhin die Situation für die Schützengesellschaft Waidmannslust. Im Gespräch war zwischenzeitlich eine Verlagerung des Vereins sowie des Restaurants Schützenliesel auf das Gelände des benachbarten Riederhofes, das Daimler nun nicht käuflich erwerben will.

Bei einer Bürgerinformationsveranstaltung im vergangenen Jahr hatte die Schützengesellschaft verlauten lassen, dass man mit einer finanziellen Entschädigungsleistung nicht zufrieden sei, sondern entsprechende Bedingungen für den Verein geschaffen werden müssten.

Pläne aus dem Jahr 2017

Auch Vertreter der Kleingärtner hatten damals nicht einsehen wollen, weshalb eine Ackerfläche im Süden von der Erweiterung ausgenommen werde und dafür ihre Anlage verlagert werden soll.

Seine Pläne zum Ausbau des Standortes Rastatt hatte das Unternehmen im Sommer 2017 vorgestellt. Im Juli vergangenen Jahres wurden von der Stadt Rastatt, Daimler und Umweltverbänden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie vorgestellt und eine Neuauflage des Rastatter Kompromisses von 1987 geschmiedet.
In diesem Zusammenhang hatte sich Daimler bereits zu einem Mobilitätskonzept bekannt, das vor allem die deutliche Reduzierung des Individualverkehrs durch Mitarbeiter vorsieht.

Kommentar: Hü und hott
Der Daimler-Konzern hat die Politik mal wieder richtig vorgeführt. Mit einem Federstrich fegten die Verantwortlichen alles vom Tisch, um das sie mit Unterstützung der Entscheidungsgremien bis zuletzt gekämpft hatten. Plötzlich will der Konzern nicht mehr ins Naturschutzgebiet hinein bauen. Ebenso plötzlich versucht man nun doch, auf seinem großzügigen Gelände etwas dichter zu bauen, um dort fehlende Hallen unterzubringen. Genau das wurde auf Vorhalt der Naturschützer bestritten, dass es geht.
Die einen haben jetzt die Sorge, der Standort Rastatt könnte wackeln. Andere bleiben optimistisch und sehen lediglich eine leichte Verzögerung in den Erweiterungsplänen. Wieder andere – Umweltschützer, Schützen und Kleingärtner – hoffen darauf, dass am Ende überhaupt keine Fläche mehr bebaut werden muss. Was nun tatsächlich eintreten wird, steht in den Sternen. Daimler hat ja gerade gezeigt, dass seine Entscheidungen allenfalls eine Sternschnuppe wert sind.
Gegenüber den Behörden und den politischen Gremien ist das alles andere als anständig. Rathaus und Landratsamt, Umweltverbände und Genehmigungsbehörden stellten manches zurück, um dem Weltkonzern so schnell wie möglich den Weg ebnen zu können. Die Stadträte fuchsten sich tief in das Thema ein und schluckten manche Kröte. Vereine sahen sich genötigt, ihr Domizil zu verkaufen. Und nun führt die Wirtschaft einmal mehr vor, wie die Politik zum Spielball ihrer Interessen wird: Heute hü, morgen hott. Eine Branche, die wegen des Dieselskandals ohnehin viel Ansehen verloren hat, wird ihren Ruf mit solchen Eskapaden sicherlich nicht aufpolieren.
Die Stadt Rastatt wird ihre Hausaufgaben für eine mögliche Werkserweiterung erledigen. Und der Landrat setzt weiter auf Optimismus, was die Standortsicherheit des Benz-Werks in Rastatt angeht. Beides ist gut für die Region. Allen politischen Akteuren sollte die Rolle rückwärts aber eine Lehre sein, dass man nicht bei jedem Wunsch aus dem Reich der Sterne gleich Männchen machen muss.