Vom 1. Juli an bis zum 31. Dezember sinkt die Mehrwertsteuer: Händler, Dienstleister, Gastronomen und Handwerker sind skeptisch, beklagen teils einen zu hohen Umstellungsaufwand und einen zu geringen Effekt.
Vom 1. Juli an bis zum 31. Dezember sinkt die Mehrwertsteuer: Händler, Dienstleister, Gastronomen und Handwerker sind skeptisch, beklagen teils einen zu hohen Umstellungsaufwand und einen zu geringen Effekt. | Foto: pr

Hoher Aufwand in der Kritik

Mehrwertsteuer-Senkung überzeugt die Rastatter Wirtschaft nicht

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Zu viel Aufwand, zu viel Bürokratie und wahrscheinlich wenig Effekt: Auch Einzelhändler, Dienstleister sowie Handwerker in Rastatt kritisieren die Mehrwertsteuersenkung, die als Maßnahme gegen die Corona-Krise am 1. Juli in Kraft tritt. Profitieren werden die Kunden vor allem beim Wocheneinkauf.

Der normale Mehrwertsteuersatz wird von 19 auf 16 Prozent reduziert, der ermäßigte Satz von sieben auf fünf Prozent. Die Entscheidung ist Teil des Corona-Konjunkturpakets der Bundesregierung. Die bis 31. Dezmber befristete Regelung soll die Wirtschaft ankurbeln und Kaufanreize schaffen.

Die Regelung kann allerdings viele Händler, Handwerker, Gastonomen und Hoteliers in Rastatt nicht überzeugen. Sie sehen einen zusätzlichen Umstellungsaufwand und Mehrkosten auf sich zukommen.

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Sie sind allerdings nicht in der Pflicht, die reduzierte Steuer in Form sinkender Preise an die Kunden weiterzugeben – und werden es zum Teil auch nicht machen. Die Verbraucher würden sich zwar, wie eine Umfrage ergab, über die etwas günstigeren Preise freuen. Deshalb mehr einkaufen oder Dinge anschaffen, die sie aktuell nicht benötigen, würden sie aber nicht.

Viele werden reduzierte Steuer nicht an die Kunden durchreichen

Discounter und Supermärkte wie Aldi oder Edeka, die während der Corona-Krise gut verdienten, haben bereits angekündigt, die Steuersenkung weiterzugeben. Lidl hat die Preise schon vergangenen Montag gesenkt.

Beim Lebensmitteleinkauf macht der Unterschied durch den neuen Steuersatz nur ein paar Cent aus. Bei einer Flasche Saft für einen Euro spart man gerade mal zwei Cent. Ein Wocheneinkauf von 100 Euro kommt zwei Euro günstiger. Auf ein halbes Jahr gerechnet sparen die Kunden bei regelmäßigen Einkäufen in dieser Höhe knapp 50 Euro. Anders die Situation im lokalen Handel.

Thomas Richers, Vorsitzender des Rastatter Gewerbevereins RA³, gibt offen zu, dass er nicht wisse, wie der Markt auf die Maßnahme reagieren wird. Etliche Geschäftsinhaber erklären, dass sie die Steuersenkung nicht an die Kunden durchreichen können. Man solle die Regelung eher als Unterstützung für die gebeutelten Händler und Gastronomen begreifen.

Die bisherige Hilfe war gut, aber jetzt wird’s bürokratisch.

Karl-Ludwig Hauns, Konditor, Caféinhaber und Hotelier

Bei Konditormeister Karl-Ludwig Hauns, Inhaber des Cafés am Schloss und des Hotels „Zum Goldenen Mann“, hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Die bisherige Hilfe war gut, aber jetzt wird’s bürokratisch und vor allem durch meinen getrennten Café- und Ladenbereich auch recht kompliziert.“

Beim Ladenverkauf könne er nichts an die Kunden weitergeben. Es sei aber vorstellbar, im Café die Preise zu verringern. Eine einfache Regelung mit einem pauschalen Satz hätte er für sinnvoller gehalten.

Marco Wittmann, Inhaber der Schlossgaststätte und des Hotels am Schloss, findet das Konjunkturpaket und die befristete Steuersenkung grundsätzlich gut. „Es bleibt mehr in der Kasse, auch wenn nicht zu erwarten ist, dass jetzt mehr Gäste kommen werden.“

Allerdings sei es ihm nicht möglich den Steuereffekt an den Kunden weiterzureichen, „denn wir hatten massive Einbußen und müssen schauen, dass wir überleben“. Ähnlich argumentiert Einzelhandelssprecherin Sabine Karle-Weiler, Inhaberin des Modehauses Senger Moden: „Ich hatte vier Wochen geschlossen, und muss jetzt zusehen, wie ich über die Runden komme.“

Bei einem Rad für 3.500 Euro brutto würde man 90 Euro sparen. Da sagt niemand: Deswegen kauf’ ich mir jetzt ein Rad.

Achim Kölmel, Fahrradhändler

Fahrradhändler Achim Kölmel spricht von blindem Aktionismus. Es sei schwierig, so kurzfristig die Systeme umzustellen. Die Sache sei für den kurzen Zeitraum zu aufwändig und er glaube auch nicht, dass die drei Prozent ein Kaufanreiz sein können. Bei einem Rad für 3.500 Euro brutto würde man 90 Euro sparen. Da sagt niemand: Deswegen kauf’ ich mir jetzt ein Rad.“

Glaube an Kaufanreiz und Konsumschub in Rastatt gering

Silke Hartmann, Geschäftsführerin des Ford-Autohauses Hartmann, sieht das genauso. „Das ist das Schlechteste, was der Regierung einfallen konnte. Ich glaube nicht, dass das viel bringt. Das ist nur ein Riesenaufwand, verbunden mit möglichen Problemen bei späteren Betriebsprüfungen.“ Die Ersparnis beim Kauf eines Autos für 20.000 Euro netto betrage 600 Euro.

Schreinermeister Mario Köhler glaubt nicht an einen Konsumschub fürs Handwerk. „Wir haben erst mal Kosten. Was sollen wir weitergeben? Die Idee an sich ist gut, aber an die Umsetzung hat keiner gedacht“, moniert Köhler.

Eine lange Durststrecke haben auch Fitnessstudios hinter sich. Brigitta Lenhard vom Gymnasion kann noch keinen Schlussstrich unter die Verlustrechnung ziehen. Die gesenkte Mehrwertsteuer wird auch sie nicht weitergeben. „Bei der letzten Erhöhung von 16 auf 19 Prozent haben wir unsere Preise auch nicht erhöht“, argumentiert sie.

Nach Auskunft von Martina Paul-Rieger von der Ecovis RTS Steuerkanzlei Rastatt müssen bis zum Start am 1. Juli neben den Steuersätzen die Warenwirtschafts- und Buchhaltungsysteme angepasst werden. „Das ist für die Wirtschaft mehr als sportlich.“

In erster Linie gehe es bei dieser Steuersenkung darum, dass die Bürger ein bisschen Geld sparen. Die Unternehmen selbst hätten zwar keinen direkten Vorteil. Sie könnten aber indirekt profitieren, „indem sie Liquidität erhalten“, erklärt Paul-Rieger.