Corona-Experiment
Mit Wasser, Pfeffer und Seife demonstriert eine Erzieherin in der Kinderschule Amalie Struve, wie wichtig richtiges Händewaschen ist. | Foto: privat

50 Prozent-Belegung

Nach Corona-Lockdown: Mehr Kinder gehen in Rastatt wieder in die Kitas

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Über Nacht hatte die Landesregierung beschlossen, dass die Hälfte aller Kindergartenkinder ihre Einrichtung wieder besuchen dürfen. Corona-Verordnungen sollen auch in den Kitas eingehalten werden. Vor allem die Abstandsregel bereitet aber Probleme. Erzieherinnen sagen: „Im Alltag können Kinder keinen Abstand halten.“

Fröhlich trällern Kindergarten-Minis beim Händewaschen „Happy Birthday“. Weil es so schön war, gleich noch einmal. Es hat zwar niemand Geburtstag, aber zweimal „Happy Birthday“ singen heißt: Genug geschrubbt, die Händchen sind Corona-frei.

In den zurückliegenden Wochen war es überall ein recht einsames Gesinge. Die meisten Kleinen mussten zu Hause bleiben. Bald schon soll der junge Chor aber wieder vollzählig sein: So kündigte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Dienstag an, spätestens Ende Juni alle Kindergärten vollständig zu öffnen.

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Bereits vor gut einer Woche kam ein erster Schwung Kinder zurück in die Kitas. Mitten in der Nacht hatte die Landesregierung bekanntgegeben, dass am nächsten Morgen 50 Prozent aller Kinder ihre Einrichtung wieder besuchen dürften. Wie das auf die Schnelle funktionieren soll, schrieben die Verantwortlichen aus Stuttgart allerdings nicht dazu. Anderthalb Tage brauchte die Rastatter Verwaltung dann auch, um alles für ihre vier städtischen Kindergärten in die Wege zu leiten. Die Verteilung der Plätze erfolgte nach drei Kriterien, wie Joachim Hils erläutert, Fachbereitsleiter Jugend, Familie und Senioren.

Rollierendes System: Die meisten Plätze sind schon vergeben

Demnach gehen zunächst wieder Kinder in die Einrichtung, deren Eltern im Homeoffice mit Online-Präsenzpflicht sind. Danach kommen Kinder „mit besonderem Förderbedarf“ an die Reihe und schließlich solche „aus besonderen familiären Verhältnissen“.

Ähnliche Kriterien gelten in den beiden katholischen Kindergärten in Durmersheim. Dort waren nach der Vergabe noch einige Plätze übrig. Diese teilen sich jetzt die Kinder, die andernfalls vielleicht noch bis Ende Juni leer ausgehen würden. „Nach Möglichkeit bieten wir allen Kindern in einem rollierenden System die Betreuung an“, sagt Kindergartengeschäftsführerin Iwona Morasch.

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In Rastatt sind schon jetzt die meisten Plätze wieder vergeben. Laut Hils könnten noch zwei Kinder unter drei Jahren sowie 45 Regelkinder versorgt werden. In der Kinderstube Amalie Struve spielen, essen und toben jetzt in jeder Gruppe bis zu elf Stunden lang maximal zwölf Kinder. Es sind kleine Kinder, die hinfallen und getröstet werden wollen. Die gemeinschaftlich einen hohen Turm bauen und zwischendurch vielleicht einmal vergessen, in ihre Armbeuge zu niesen. Können Erzieherinnen überhaupt etwas tun, um die Verbreitung von Coronaviren zu verhindern – abgesehen von zwei Strophen „Happy Birthday“?

Im Alltag beim Spielen können die Kinder einfach keinen Abstand halten

Nadine Daniel, Leiterin der Kinderschule Amalie Struve

Schwierig wird es vor allem mit der Abstandsregel. „Im Alltag beim Spielen können die Kinder einfach keinen Abstand halten“, sagt Leiterin Nadine Daniel. Morasch sieht das ganz ähnlich: „Bei den Kindergartenkindern werden wir auf den Abstand achten, beziehungsweise wir werden es versuchen. Aber bei den Krippenkindern kann diese Regelung kaum umgesetzt werden.“ Sowohl in Rastatt als auch in Durmersheim sollen die Kleinen in den nächsten Wochen deshalb reichlich Zeit an der frischen Luft verbringen. Außerdem gibt es feste Gruppen, also kein offenes Konzept mehr. Böden und Türgriffe werden regelmäßig desinfiziert.

Eltern ohne Betreuungsplatz fürchten schlechtere Entwicklung der Kinder

Mit der Ausweitung der Kinderbetreuung steht der Gesundheitsschutz nicht länger an vorderster Stelle, wie Hils erläutert. „Es geht um die Gesundheit, aber auch um Wirtschaftlichkeit und Pädagogik. Alle drei Punkte sind gleichwertig.“

Gut 280 Väter und Mütter in Rastatt haben damit ab sofort ein Problem weniger. „Die Eltern, die ihr Kind in der Betreuung haben, sind natürlich glücklich und zufrieden“, sagt Hils. Bei den anderen sei die Enttäuschung groß. Allerdings gebe es auch Eltern, die zwar einen Anspruch hätten, ihr Kind aber aus Angst nicht in die Kindertagesstätte bringen würden.

Fast alle Größeren sind freudestrahlend in ihre Gruppen gerannt

Nadine Daniel, Leiterin der Kinderschule Amalie Struve

Glücklich scheinen jedenfalls die Kinder zu sein, die nach Wochen ihre Freunde wiedersehen. „Fast alle Größeren sind freudestrahlend in ihre Gruppen gerannt“, sagt Daniel. Auch das Personal freue sich sehr, berichten Daniel und Morasch.

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Durchwachsen sei dagegen die Lage bei den Eltern, deren Kinder weiterhin zu Hause bleiben müssen. Daniel sagt:. „Bisher ist die Stimmung noch okay. Ich bekomme aber auch Anrufe besorgter Eltern, die Befürchtung haben, dass ihr Kind bald in Sprache und Bildung hinterherhinkt.“