Ortsvorsteherin Daniela Schneider vor dem Rathaus in Wintersdorf
Ortsvorsteherin Daniela Schneider vor dem Rathaus in Wintersdorf | Foto: Collet

Rastatt-Wintersdorf im Fokus

Ohne Schule und Arzt wird die Luft dünner

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Zwei Schulgebäude hat Wintersdorf – aber keine Schule. Damit ist die südlichste Rastatter Riedgemeinde das einzige Dorf ohne ein eigenes Schulangebot: Die Alte Schule beherbergt Flüchtlingsfamilien. Und die Neue ist inzwischen geschlossen.

Heinemann-Zweigstelle ist Geschichte

Vor Jahrzehnten gab es mit Ottersdorf die Vereinbarung, dass die Wintersdorfer Grundschüler ein Dorf weiterfahren und dafür aus Ottersdorf die Hauptschüler nach Wintersdorf kommen. Doch die spätere Werkrealschule im Ried, eine Zweigstelle der Gustav-Heinemann-Schule, ist längst Geschichte: Vor drei Jahren wurde sie geschlossen, weil es zu wenige Schüler gab. „Das ist sehr bedauerlich für uns“, sagt Ortsvorsteherin Daniela Schneider.
Und irgendwie auch bizarr. Denn als das Schulgebäude vor vielen Jahren einen Neubau erhielt, sah die Welt noch ganz anders aus. „Man hat sogar Potenzial für einen Erweiterungsbau nach oben gesehen und Platz für einen Aufzug vorgehalten“, so Schneider schulterzuckend. Ein Revival erlebt das Schulgebäude dennoch: Nach den Sommerferien werden hier rund 240 Hans-Thoma-Schüler untergebracht sein, deren Schule in Rastatt neu gebaut wird. Die erste Probefahrt vor wenigen Wochen kam bei den Wintersdorfern schon gut an: „Endlich wieder Kinderlachen“, war die einhellige Meinung der Anwohner. Hoffnungen auf eine dauerhafte Lösung darf sich Wintersdorf allerdings nicht machen: „Es gab klare Signale der Stadt, dass es keine Schule mehr geben wird.“

Konkurrenz zu Iffezheim

Was es für die Riedgemeinde, die quasi in „Konkurrenz“ mit Iffezheim steht, nicht eben leichter macht. „Wer aufs Dorf zieht, der will Infrastruktur haben.“ Und die fehlt nicht nur in Form einer Grundschule – zum Jahreswechsel hat sich der Hausarzt der Riedgemeinde zur Ruhe gesetzt. „Er hat versucht, einen Nachfolger zu finden, doch das hat keine Früchte getragen. Das ist sehr bitter“, bedauert die Ortsvorsteherin. Sie ist derzeit mit dem Ottersdorfer Hausarzt in Verhandlungen, damit wenigstens an einzelnen Tagen eine Sprechstunde angeboten werden kann. Dass sich irgendwann wieder ein Hausarzt ansiedeln könnte, wagt sie fast nicht zu hoffen: „Wenn der Arzt einmal weg ist, dann stehen die Chancen schlecht. Dafür haben wir einen Tierarzt“, fügt sie mit einem Augenzwinkern an.

Wintersdorfer sind kreativ

Doch es ist genau dieses „Um-die-Ecke-Denken“, das den Wintersdorfern schon manche kreative Lösung hat finden lassen: Nachdem die Außenstelle einer Iffezheimer Apotheke vor einigen Jahren ihre Pforten geschlossen hat, geben die Wintersdorfer ihre Arztrezepte einfach im Blumenladen ab, der gleichzeitig auch Post und Volksbankfiliale ist – und holen sich tags drauf ihre Medikamente dort ab. Und als vor vier Jahren der Bäcker seine Filiale schloss, nahm der Schreibwarenladen kurzerhand Brötchen in sein Sortiment mit auf. Apropos Blumenladen: Davon hat Wintersdorf gleich zwei – jeweils am anderen Ende des Orts. Der eine wird fleißig von Ottersdorfern und Plittersdorfern frequentiert, der andere zählt die Elsässer zu seinen Kunden. Wie auch der Treff-Markt am Ortseingang.

Uns ist eigentlich eine Generation verloren gegangen, dadurch, dass es keine Baumöglichkeiten gab.

Die Nähe zu Frankreich prägt Wintersdorf stärker als die anderen beiden Riedgemeinden: Zwar hat Plittersdorf die Fähre und Ottersdorf so wie Wintersdorf einen bilingualen Kindergarten, doch durch die direkte Straßenverbindung ist der Kontakt ins Elsass im Rosendorf besonders intensiv. Durch die Kita ist beispielsweise ein intensiver Austausch zwischen Senioren diesseits und jenseits des Rheins entstanden. Auch die Kunstwiese am Ortsrand hat diesen verbindenden Effekt: Aus der ganzen Region reisen Gruppen an, um sich über die Fläche mit den vielen Werken führen zu lassen. „Das ist ein echter Selbstläufer geworden“, freut sich die Ortsvorsteherin über das Projekt, das sich zu einem zentralen Treffpunkt in Wintersdorf gemausert hat. Anziehungspunkte für Menschen von außerhalb sind außerdem der Aalschokker Heini sowie die Rheinaue. „Das ist ein einmaliger Erholungswert, andererseits ist sie auch begrenzend für die räumliche Weiterentwicklung.“

Nur wenige Baugebiete

Hier hat Wintersdorf zu kämpfen wie alle anderen eingemeindeten Ortschaften auch – Schneider kann die Baugebiete der vergangenen Jahrzehnte locker an einer Hand aufzählen: In den 80er Jahren kamen die Häuser zwischen St.-Michael- und Felchenstraße, in den 90er Jahren noch einmal sechs bis sieben Häuser in der Unteren Eich – „großzügige Grundstücke waren das“. Südlich der Unteren Dorfstraße sind dann in den 2000ern noch einmal fünf bis sechs Häuser entstanden. Jetzt aber kommt wieder Bewegung in den Häusermarkt von Wintersdorf: In dem Neubaugebiet „Krautstücker I“ im Norden Wintersdorfs, dessen Bebauungsplan jetzt aufgestellt wurde, werden knapp 20 Einfamilien- und Doppelhäuser entstehen. Schneider begeistert: „Das ist endlich ein größerer Wurf für uns!“ Potenzial hätte Wintersdorf zwar auch im Ortskern – hier sind laut Ortsverwaltung gut 25 Plätze frei – doch die sind alle in privater Hand. Der dörflichen Struktur würde eine Nachverdichtung wegen der Großzügigkeit nicht schaden, ist die Ortsvorsteherin überzeugt. Schon jetzt gebe es Fälle, in denen Kinder ihre Elternhäuser aufstocken würden oder das Gelände bebauen, auf dem früher die Scheune stand. Weiteres Potenzial gäbe es südlich der Karpfenstraße – doch auch hier befinden sich die Grundstücke häufig in Privatbesitz. Und dann gibt es ja noch die ehemalige Hauptschule, die nach der Übergangsnutzung durch die Hans-Thoma-Schüler auch eine neue Bestimmung bekommen muss.

Auch Senioren im Blick

Im Zusammenhang mit dem neuen Baugebiet ist ein Thema aufgekommen, das Schneider gerne weiterverfolgen will: „Wir sprechen immer von jungen Familien. Doch was ist mit den Senioren?“ Würden etwa im Krautstücker auch kleinere Häuser entstehen, wäre es vielleicht denkbar, dass der ein oder andere alleinstehende Senior sein großes Haus verlässt – das dann wiederum Familien zur Verfügung stehen würde. „Das wäre auf jeden Fall eine Option“, findet die Ortsvorsteherin Gefallen an dem Gedankenspiel.
Weniger Freude bereitet ihr dagegen ein anderer Dauerbrenner – der Verkehr. „Wenn bei Daimler Schichtwechsel ist, dann wird’s hier drei Mal am Tag heftig.“ In Spitzenzeiten stehen die Autos dann Stoßstange an Stoßstange bis zur Kirche. Ein massives Problem dabei ist die nur in eine Richtung zu passierende Bahnunterführung am südlichen Ortseingang. Dass hier die Situation für Radler mit Piktogrammen auf der Straße verbessert werden sollte, hat auch nicht wirklich geholfen: „Die werden von hinten gnadenlos zusammengehupt“, hat Schneider beobachtet.

Gesunde Vereinsstruktur

Von diesen Aggressionen einmal abgesehen, funktioniert das Zusammenleben im Dorf aber sehr gut: Etwa zehn Vereine gibt es in Wintersdorf, darunter so ungewöhnliche wie den recht jungen Mountainbike-Club, der eine andere Zielgruppe anspricht als die üblichen Musik- und Sportvereine. Ein Teil von ihnen reagiert erfolgreich mit Kursprogrammen auf die wachsende Abneigung vor festen Mitgliedschaften – und arbeiten damit aktiv an der Dorfgemeinschaft mit. „Die Einzelpersonen integrieren sich in den Verein, der Verein wiederum in das Dorfleben“, freut sich Schneider. Und das spielt sich einfach dort ab, wo Angebote sind – an der Sporthalle, bei der Seegartenbühne, beim Kindergarten oder dem Angelsportverein. „Da sind die Wintersdorfer flexibel.“ Und aufgeschlossen: Das Begegnungsfest der Flüchtlingsfamilien, die in der Alten Schule leben, kam im Ort sehr gut an, erinnert sich Schneider. „Wir sind eine kleine Gemeinschaft, vielleicht können wir das deshalb so gut stemmen.“