Prävention statt Rückzug: Damit Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein für Risiken und Konsequenzen von Mediennutzung erlernen, klären Polizei und Vereine wie der Feuervogel die Nutzer, Eltern und Pädagogen auf.
Prävention statt Rückzug: Damit Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein für Risiken und Konsequenzen von Mediennutzung erlernen, klären Polizei und Vereine wie der Feuervogel die Nutzer, Eltern und Pädagogen auf. | Foto: dpa

Medien und Gewalt

Opfer schämen sich nach „Sexting“

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Smartphones verbinden Kinder und Jugendliche: Sie texten damit, verschicken Fotos und schließen Freundschaften. Doch genau dadurch öffnet sich ein Tor für sexualisierte Gewalt. Der Rastatter Verein Feuervogel machte darauf zuletzt beim Fachtag „Schöne digitale Welt“ im Landratsamt aufmerksam. Thema der Vorträge war unter anderem Prävention, die demnach nicht nur in der Hand von Fachkräften liege.

„Moderne Medien bieten Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten der Teilhabe“, erklärt Ulrike Fritsch vom Feuervogel. „Auf der anderen Seite brauchen sie dort aber Schutz.“ Organisiert vom Arbeitskreis „Kinder haben Rechte“, zu dem auch der Rastatter Verein gehört, behandelte der Fachtag genau diese Problematik mit dem Ziel, einen sicheren Umgang mit modernen Medien sowie das Bewusstsein für Gefahren zu schaffen. „Wer viel von sich preisgibt, der setzt sich auch vielen Risiken aus“, betont Fritsch.

Missbrauch versendeter Inhalte

Folgen der Mediennutzung sind ein großes Thema in der Beratungsarbeit des Feuervogels, etwa negative Auswirkungen von „Sexting“. Dabei verschicken Jugendliche intime Aufnahmen und Nachrichten. Diese Art, Sexualität auszuleben, wird häufig missbraucht: „Die Bilder bleiben oft nicht bei dem Empfänger, der sie ursprünglich bekommen sollte“, erklärt Fritsch. Die Fotos werden etwa im Freundeskreis oder der Schule weiterverbreitet. „Betroffene Jugendliche, Kinder aber auch ihre Eltern melden sich dann bei uns“, erzählt sie. „Aus Schamgefühl, und weil sie Rat brauchen, damit umzugehen.“

Die Beratung hat zugenommen.

Aber nicht jedes Opfer macht solche Aufnahmen freiwillig. Fritsch erreichen auch Fälle, bei denen die Kinder und Jugendlichen zu Nacktfotos aufgefordert oder erpresst wurden. „Die Beratung von Opfern sexueller Gewalt durch Medien hat zugenommen“, betont sie.

Selbstdarstellung als Risiko

Während junge Mädchen sich oft durch Selbstdarstellung auf Fotos und Videos angreifbar machen, sind Jungen meist dem Konsum gewalttätiger Inhalte oder Cybermobbing ausgesetzt. Es sei aber nicht alles schlecht an der digitalen Welt, fügt Fritsch hinzu. „Die neue Art von Medien bringt Chancen für Kinder, mit Freunden oder Eltern in Verbindung zu bleiben.“

Bei Feuervogel finden Opfer sexueller Gewalt oder Nötigung Gehör. Der Verein in der Engelstraße berät daneben Angehörige sowie Vertrauenspersonen der Betroffenen, aber auch Fachkräfte sozialer und pädagogischer Arbeitsbereiche sowie Einrichtungen. „Für ein selbstbestimmtes Leben – frei von sexueller Gewalt“ lautet die genaue Bezeichnung von Feuervogel, dessen Arbeit sich über den gesamten Landkreis Rastatt erstreckt. Neben der Beratung organisiert der Verein Präventionsprojekte etwa an Schulen, Fachtage wie zuletzt im Landratsamt sowie Info-Veranstaltungen für Eltern.
Hilfe erhalten Betroffene unter Telefon (0 72 22) 78 88 38 sowie per E-Mail an info@feuervogel-rastatt.de.

Feuervogel ohne Mittel

Wenn sich die schlechten Seiten zeigen, kommt die Pädagogin gemeinsam mit Ehrenamtlichen den „Hilferufen“ nach. Doch als einzige hauptamtliche Mitarbeitern beim Feuervogel fehle ihr Zeit. „Fachberatungsstellen wie wir sind finanziell nicht abgesichert“, erklärt sie. Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch auf staatliche Mittel. „Die Stadt Rastatt unterstützt uns freiwillig mit einem Zuschuss von 10 000 Euro im Jahr.“ Darüber hinaus finanziert sich der Verein über Spenden und eigene Projekte. Um Letztere muss Fritsch sich kümmern. „Deshalb kann ich nicht so viel Beratungsarbeit wie eigentlich nötig leisten“, bedauert die Expertin.

Finanzierung für Fachstellen

Derzeit macht die Kampagne „100 Prozent für Beratung“ der BKSF – Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend – auf die Nöte aufmerksam. Das Ziel ist, die Finanzierung von spezialisierten Fachberatungsstellen auf Bundesebene zu verankern.

Wir sprechen über Bild- und Urheberrechte.

Im Bereich der Medienprävention füllt diese Lücken neben Vereinen wie dem Feuervogel die Polizei. „Wir sprechen vor allem über Bild- und Urheberrechte“, erklärt Sonja Hoffmann, Referentin für Kriminalprävention im Polizeipräsidium Offenburg. Auch hier sei „Sexting“ eines der Hauptthemen. „Oft versenden Mädchen unbedacht Nacktfotos an ihren Freund, der diese dann nach einer Trennung etwa aus Rache weiterschickt“, sagt Hoffmann.

Cybermobbing hat Folgen

Doch auch die mutmaßlichen Opfer bewegen sich im Strafbereich – durch Verbreitung pornografischer Inhalte. Cybermobbing hingegen sei kein Strafbestand. „Doch die Folgen davon, wie Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung, sind es“, ergänzt die Polizistin. Mit der Nutzung des Handys sind auch die Straftaten gestiegen.

„Viele Eltern sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst“, sagt Hoffmann weiter. „Sie geben ihren Kindern die Freiheit das Medium zu nutzen, also müssen sie auch für Regeln sorgen, bis das Kind sich sicher darin bewegen kann.“

Kommentar: Beitrag

Wie viel Geld doch in den digitalen Wandel fließt: Internetleitungen werden ausgebaut, neue Technik macht alles mobiler, schneller, besser und soziale Medien sind wirtschaftlich der Hit. Kinder und Jugendliche kennen die Welt nur in dieser digitalen Variante. Bund, Länder und Kommunen machen Mittel locker, damit der Nachwuchs von den positiven Seiten profitiert, sie ausbaut und vorantreibt. Nur wird kaum Geld investiert, um junge Menschen auch davor zu schützen – durch Präventions- und Beratungsstellen statt Anti-Virus-Programme. Zeit für den „Gefällt-mir-nicht“-Button.
Selbst im Schulunterricht werden Kinder mehr und mehr dazu erzogen, digital zu denken: Hausaufgaben per WhatsApp oder Videoprojekt statt Aufsatz. Manche von ihnen programmieren Apps einfach selbst – oder lachen über verschlüsselte Nachrichten. Vertrauensmissbrauch und sexuelle Gewalt sind sicher keine Folge von Digitalisierung. Beides gibt es schon immer. Doch die Reichweite der Folgen ist auf Tausende Follower vervielfacht.
Mittlerweile ist es eben normal, Fotos per Nachrichtendienst zu versenden, in sozialen Medien zu teilen oder zu kommentieren. So wie Menschen früher Briefe schrieben. Online gewähren viele Kinder und Jugendliche anderen einen Vertrauensvorsprung. Und der ist mit einem Klick unwiderruflich zunichte gemacht. Doch wenn dann keine Anlaufstelle da ist, bei der Fachkräfte die Schamgefühle und Schäden begrenzen, verlagern sich die digitalen Probleme langfristig in die analoge Lebenswelt.