Klaus Föry, Ortsvorsteher Niederbühl, vor seinem Rathaus.
Klaus Föry, Ortsvorsteher Niederbühl, vor seinem Rathaus. | Foto: Collet

Rastatt-Niederbühl im Fokus

Pendler sind eine Herausforderung

Anzeige

Wenn sich Klaus Föry an früher erinnert, dann beschreibt er ein anderes Niederbühl als jenes, das man heute sieht: Vier kleine Lebensmittelgeschäfte habe es damals gegeben – „Ende der 80er Jahre hat dann der letzte geschlossen“. Drei Metzgereien gab es am Ort und ebenso viele Bäckereien, „da war ich allerdings zehn oder elf Jahre alt“, sagt Niederbühls Ortsvorsteher, der inzwischen in Rente ist, lachend. Allerdings war Föry mit Blick auf die Versorgung seines Ortsteils lange Zeit gar nicht zum Lachen zumute: „Ein Gutachter hatte festgestellt, dass wir für einen eigenen Nahversorger nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringen.“

Als alle Läden dicht waren, kam Netto

Doch dann kam Netto. „Die hatten das alles schon richtig kalkuliert und wussten perfekt Bescheid“, erinnert sich der Ortsvorsteher, der damals sein Glück kaum fassen konnte – und es direkt am Schlafittchen packte: Inzwischen hat der Markt seit knapp vier Jahren geöffnet und versorgt die Niederbühler und auch den ein oder anderen Kunden darüber hinaus. Wie so vieles hat allerdings auch dieser Glücksfall eine Schattenseite: „Eigentlich wäre der gesamte Bereich Baugebiet gewesen. Durch den Einkaufsmarkt sind fünf bis sechs Bauplätze weggefallen“, räumt Föry ein. Dennoch sei das die richtige Entscheidung für den Ort gewesen.
Doch auch Bauplätze sind ein rares Gut in Niederbühl: Zwar hält sich die Einwohnerzahl des zweiten Ortsteils im Osten Rastatts recht konstant bei gut 2 900 – womit Niederbühl und Plittersdorf um Platz eins unter den fünf Ortsteilen rangeln – doch die Einwohnerstruktur ist überaltert. „Das liegt an den fehlenden Bauplätzen.“

Eingeschränktes Entwicklungspotenzial

Das Entwicklungspotenzial für neuen Wohnraum ist in Niederbühl eingeschränkt. Wie das benachbarte Rauental ist auch Niederbühl von drei Seiten „eingekesselt“: Bahn im Westen, Autobahn im Süden und Gewerbekanal und Murg im Nordosten bilden die natürliche Begrenzung der Flächen. „Wir sind komplett gefangen“, nennt es Föry. 2002 wurde das letzte Baugebiet erschlossen: Vier Wohnhäuser sind „Am Weidenkopf“ entstanden. Nach dem Bau von Netto an der Murgtalstraße und der Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft im Weiherweg wird die Fläche derzeit „überplant“, wie es verwaltungssprachlich heißt. Sprich: Derzeit wird geschaut, wie viele Ein- und Zweifamilienhäuser dort noch untergebracht werden können. Auch der Ortsvorsteher hat keine konkrete Vorstellung davon, was hier noch möglich ist: „Ich bin selber mal gespannt.“

Letztes Baugebiet aus Zeiten vor der Eingemeindung

Das letzte große Baugebiet, das in Niederbühl entstanden ist, stammt noch aus Zeiten vor der Eingemeindung: 1960 wurde die „Untere Langenau“ erschlossen, die heute eher als „Sternenviertel“ bekannt ist und etwa ein Fünftel des Gesamtortes ausmacht. Im Westen wird es vom Landgraben begrenzt. Auf dessen gegenüberliegender Seite gibt es noch ein bisschen Flächenpotenzial: Die Hebelstraße ist bisher nur einseitig bebaut, da die Fläche auf der anderen Seite seit 60 Jahren eine Erweiterungsmöglichkeit für den Friedhof bieten sollte. „Die werden wir aber nie brauchen“, ist sich Föry sicher. Da durch die Häuser auf der linken Seite der Hebelstraße die gesamte Infrastruktur bereits vorhanden ist, könnte hier schnell gebaut werden. Die Verwaltung ist bereits an der Planung dran, voraussichtlich können hier acht Einfamilienhäuser Platz finden. Ende des Jahres soll der Bebauungsplan stehen – eine langwierige Angelegenheit: Erstmals stand das Thema im Jahr 2008 auf der Tagesordnung des Ortschaftsrats.

Mit dem Dorfentwicklungskonzept sind die Ortschaften wieder in den Blick genommen worden, nachdem sie viele Jahre in Vergessenheit geraten waren.

Die 3 000er-Einwohnermarke wird Niederbühl mit diesen Flächen vermutlich nicht reißen. Dazu braucht es die „Hilfe“ von Förch, das vor allem durch das Lustschloss Favorite von Markgräfin Sibylla Augusta bekannt ist. Außer Wohnhäusern gibt es hier nicht mehr viel Infrastruktur: kein Kindergarten, keine Schule, dafür immerhin zwei Spielplätze, eine Festhalle und mit dem Hotel Krone und dem Schlosscafé Favorite auch Gastronomie. Und vor allem gibt es in Förch deutlich mehr Wachstumspotenzial: 24 Wohneinheiten entstehen derzeit „Im Bastgarten II“ – „das erste Haus ist schon bezogen“, freut sich Föry.

Beliebter Ort für Berufstätige

Doch auch dieses Baugebiet wird eine Herausforderung, vor der Niederbühl und Förch stehen, nicht ändern können: „Wir sind ein beliebter Ort für Berufstätige.“ Wegen der guten Anbindung an die Autobahn gibt es viele Berufspendler in den beiden Ortsteilen – mit allen Konsequenzen: Neben dem Verkehr ist dies vor allem die geringe Beteiligung am Vereinswesen, wie der Ortsvorsteher bedauert. „Das ist eine traurige Realität in allen Ortsteilen, wir haben stark mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen.“ Damit meint Föry nicht mal so sehr die Jugend, sondern vielmehr die Vorstandstätigkeiten, für die sich niemand mehr findet. Er ist sich sicher: Ohne Fusionen wird es mittelfristig nicht mehr gehen, sonst drohen Vereinsauflösungen. Noch gibt es 19 Vereine in der Doppel-Ortschaft.

Positive Zukunft

Trotzdem sieht Föry die Zukunft seiner beiden Ortsteile positiv: Auch wenn manches verschwunden ist, was es früher noch gab – die Post machte Ende 1997 zu, der letzte selbstständige Bäcker schloss ein Jahr nach der Netto-Eröffnung, die Sparkasse bietet seit zwei Jahren nur noch einen SB-Service an –, und die Tunnelbaustelle seit Jahren an den Nerven kratzt (und weiter kratzen wird) – in Niederbühl war Genosse Glückliche Hand nicht nur beim Einkaufsmarkt mit von der Partie: Nachdem die Hauptschule geschlossen wurde, fragte mit der Salomo-Schule ein privater Schulträger an und zog in das ehemalige Hauptschulgebäude. Und als die Zustände im alten Rathaus nicht mehr haltbar waren, konnte die Ortsverwaltung 2011 in das ehemaligen Bedienstetenhaus der Schule ziehen – in dem früher noch Förys Großvater lebte, der an der damaligen Volksschule lehrte.

Toilette für den Dorfplatz

Die Flächen der ehemaligen Ortsverwaltung, gepaart mit dem noch dort angesiedelten Bauhof, der zum neuen Feuerwehrhaus ziehen soll, sowie der Bereich des alten Feuerwehrhauses könnten in Zukunft genutzt werden, um die Bauland- und die Murgtalstraße umzugestalten und Niederbühl wieder eine richtige Ortsmitte zu geben. Vorerst hat der Ortschaftsrat die 100 000 Euro, die die Stadt in diesem Jahr für das Dorfentwicklungskonzept zur Verfügung gestellt hat, in die Toilettenanlage am Dorfplatz gesteckt – „weil hier die Feste und damit auch die Menschen sind.“ Ein Schritt nach dem anderen müsse nun gemacht werden, um die „Herkulesaufgabe Ortsmitte“ zu meistern. Doch wenn das gelinge, ist sich Föry sicher, „dann wird das wieder sehr, sehr attraktiv“.