Lieber aus der Flasche als aus dem Hahn: Im Hotel Krone können sich Bewohner von Förch mit kostenlosem Mineralwasser eindecken. Das Gesundheitsamt hat Risikogruppen davor gewarnt, Leitungswasser zu trinken.
Lieber aus der Flasche als aus dem Hahn: Im Hotel Krone können sich Bewohner von Förch mit kostenlosem Mineralwasser eindecken. Das Gesundheitsamt hat Risikogruppen davor gewarnt, Leitungswasser zu trinken. | Foto: Collet

Risikoeinschätzung weicht ab

PFC-Skandal erreicht eine neue Dimension – Rastatter Stadtwerke verteilen kostenloses Mineralwasser

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Das Verwirrspiel um PFC im Leitungswasser ist perfekt. Am Donnerstag empfahl das Gesundheitsamt im Landratsamt, dass Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder in Förch, Kuppenheim, Gernsbach und Gaggenau-Selbach das Wasser aus dem Hahn vorerst nicht mehr trinken sollten. Dem widersprach kurz darauf der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal, der die rund 23.000 Menschen in diesem Bereich beliefert.

Die Stadtwerke Rastatt begannen am Freitag trotzdem damit, in Förch kostenloses Mineralwasser auszugeben.

Schwangere sollen sauberes Flaschenwasser wählen

Das Gesundheitsamt hatte sich der Einschätzung des Umweltbundesamts und der Bürgerinitiative Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim angeschlossen, dass Risikogruppen lieber auf Flaschenwasser umsteigen sollten. Das Wasser des Versorgungsverbands Vorderes Murgtal wies in der Vergangenheit für eine spezielle PFC-Verbindung mit der Bezeichnung PFOA einen Wert von 0,052 Mikrogramm pro Liter auf.

Das Umweltbundesamt senkte am Donnerstag den Leitwert für diesen Stoff allerdings von 0,1 auf 0,05 Mikrogramm – also zwei Tausendstel unter dem gemessenen Wert. Deshalb sprach das Landratsamt die Empfehlung aus, dass Schwangere und Kinder bis drei Jahren das Wasser nicht trinken sollten. Auch zum Kochen solle Flaschenwasser verwendet werden.

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Empfehlung auf veralteten Werten?

Dem widersprach allerdings der Wasserversorgungsverband. Eine „Verwendungseinschränkung“ sei „nicht erforderlich“. Allerdings basiert diese Aussage auf einer Einschätzung über die Zukunft. Der Verband habe Anfang Dezember Maßnahmen in den Aufbereitungsanlagen getroffen, um den PFC-Gehalt im Trinkwasser zu reduzieren.

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Neue Werte würden derzeit ermittelt und lägen in wenigen Tagen vor. „Es kann aber davon ausgegangen werden, dass der Vorsorgewert unterschritten wird“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Ersatzwasserversorgung läuft

Zusätzlich baue der Verband eine Ersatzwasserversorgung auf, unter anderem durch Querverbünde mit anderen Wasserversorgern. In Kuppenheim werde die Niederzone und damit rund 80 Prozent dieses Versorgungsbereichs bereits seit November von den Stadtwerken Gaggenau und nicht mehr vom Verband Vorderes Murgtal versorgt.

Die Ersatzwasserversorgung der Hochzone im Bereich Sieberg und von Oberndorf werde innerhalb der nächsten Wochen vollständig gewährleistet sein. Für Gernsbach befinde sich das Projekt in der Planung und solle 2020 umgesetzt werden.

Umstellung der Wasserzulieferung dauert bis zu zwei Tage

Auch für Selbach bestehe eine Ersatzwasserversorgung. Diese Angabe präzisierte am Freitag die Pressestelle der Stadtverwaltung Gaggenau. Das Netz des Stadtteils werde ab sofort ebenfalls von den Stadtwerken und nicht mehr vom Wasserversorgungsverband gespeist. Technisch bedingt benötige der vollständige Austausch des Leitungswassers allerdings ein bis zwei Tage. Das Netzwasser der Stadtwerke könne als „nahezu PFC frei“ bezeichnet werden. Die allgemeinen Vorsorgewerte für die Einzelparameter sowie die Leit- und Orientierungswerte des Umweltbundesamtes würden weit unterschritten.

Förch erhält kostenloses Mineralwasser

Die Rastatter Stadtwerke gingen am Freitag ebenfalls in die Offensive. Förch ist als einziger Stadtteil nicht an deren Trinkwassernetz angeschlossen, sondern wird aus dem Murgtal versorgt. Das Unternehmen ließ Infoblätter an alle Haushalte verteilen. Darin gaben die Stadtwerke bekannt, dass für „empfindliche Verbrauchergruppen“ kostenlos Mineralwasser zur Verfügung gestellt werde. Die Ausgabe erfolgt im Hotel Krone.

Parallel dazu werde in Kooperation mit dem Technologiezentrum Wasser vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs an Lösungen gearbeitet, um den PFOA-Wert schnellstmöglich zu senken. Mittelfristig solle Förch in das Trinkwassernetz der Rastatter Stadtwerke eingebunden werden. Die Planungen dafür hätten begonnen.

Das Trinkwasser der Stadtwerke sei einwandfrei. Auch der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal will seine Anlagen aufrüsten. In der vergangenen Verbandssitzung sei beschlossen worden, eine Filtertechnik auf Basis von Aktivkohle in die Trinkwasserbrunnen einzubauen. Diese soll bis Ende 2020 in Betrieb gehen. Dadurch werde sichergestellt, dass künftig auch schärfere Leitwerte eingehalten werden können, heißt es abschließend.

Infoveranstaltung
Die Stadtwerke Rastatt laden am Freitag, 27. Dezember, um 16 Uhr zu einer Infoveranstaltung in die Festhalle Förch ein.