Iffezheim Rennen
Allein auf weiter Flur sieht sich dieser Besucher eines der Rennen an - zugelassen waren nur rund 70 für den Rennbetrieb unverzichtbare Personen. | Foto: Stefanie Prinz

Geisterrennen in Iffezheim

Pferde laufen beim Frühjahrsmeeting vor verwaisten Zuschauerrängen

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Minutenlang kommt nur ein leises Rauschen aus dem Lautsprecher. Beinahe wird es übertönt von dem Wasser, das vom Dach der Tribüne in eine Pfütze plätschert – es ist der erste von zwei Renntagen des Frühjahrsmeetings in Iffezheim, aber ein besonders gespenstischer: Geisterrenntag. Jubel und fröhliche Stimmung? Fehlanzeige.

Vor dem ersten Start testet Rennkommentator Marvin Schridde sein Mikrofon „Ist der Ton auf dem Geläuf zu hören?“ Eine Rückmeldung bekommt er erst einmal keine: „Gerade ist dort wohl niemand“ – und das ist sinnbildlich für diesen Tag: Auf dem Gelände herrscht an diesem Samstag, bis auf eine Handvoll Menschen, gähnende Leere.

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Für das Online-Publikum, das die Rennen im Internet mitverfolgen kann, kommentiert er weiter: „Wir vermissen Sie hier sehr.“ Für den späteren Zucht-Betrieb mit den Tieren sind diese „Leistungsprüfungen ohne Zuschauer“ nach dem Tierschutzgesetz wichtig.

Rennbahn wirkt fast wie im Winterschlaf

Still ist es, kein Applaus, kein Moderator, der durch den Tag führt, und von der Show für den Livestream hört man auf der Bahn auch nur die Hälfte der Gespräche. Käme nicht unter dem ein oder anderen Regenschirm vereinzeltes Gelächter hervor, könnte man meinen, die traditionsreiche Galopprennbahn befände sich noch im Winterschlaf: Verkaufsbuden und Gastronomie sind verschlossen, die Wettschalter in der Mitte der Anlage verlassen, und wo sich sonst Schlangen bilden mit Wettern, die aufgeregt auf den kleinen oder den ganz großen Gewinn warten, türmen sich aufgestapelte Tische und Bänke.

Bevor es an den Start geht, führen die Helfer die Pferde im strömenden Regen durch den Führring. Das Rund, wo Besucher sonst schnell sein müssen, um einen Platz mit guter Sicht zu ergattern, ist beinahe verwaist. Jockeys und ein paar der Trainer suchen Schutz unter den Bäumen, um sie herum ein paar Fotografen in raschelnden Regencapes.

Das ist wirklich eine gruselige Stimmung hier.

Pferderführerin

Für die Reiter gehört eine Stoffmaske heute ebenfalls zur Ausrüstung. Auch ein Kunststoffvisier trägt einer von ihnen – und kämpft genauso mit der beschlagenen Scheibe wie so mancher Brillenträger in diesen Zeiten. Corona ist beim Frühjahrsmeeting neben dem Sport selbst mindestens Gesprächsthema Nummer zwei: „Das ist wirklich eine gruselige Stimmung hier“, meint eine Pferdeführerin, die darauf wartet, ihren Schützling nach dem Rennen wieder abzuholen, und zeigt auf ihre durchnässte Schildmütze: „Und noch dazu bin ich schon klatschnass.“

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Wenige Minuten dauert es, dann ist der Sieger auch schon gefunden. „Walk of Fame“ wird der Weg vom Geläuf zum Absattelring genannt, gepflastert mit den Titeln der berühmtesten Sieger. Der Name wirkt in dieser Situation fast ironisch: Statt der zahlreichen Zuschauer, die dem Gewinner im Spalier ebenso zujubeln wie dem Letztplatzierten, steht auch hier heute: niemand. „Man hätte genauso gut ganz zu Hause bleiben können“, schimpft jemand in ein Telefon.

Auch den Reitern fehlt die Atmosphäre

„Es ist traurig, die übliche Atmosphäre fehlt eindeutig“, sagt Jockey Adrie de Vries, der mit dem Sattel auf dem Arm Richtung Verwaltungsgebäude eilt und sich noch schnell den Schmutz von der Jockeybrille wischt. „Aber wir sind auch froh, dass wir überhaupt reiten können“, meint er und muss schnell weiter: Nach dem Rennen geht es für die Reiter auf die Waage.

Es hat ein bisschen etwas von Fließbandarbeit, denn nach den Rennen verschwinden die Teilnehmer direkt in dem Bau am Absattelring. Zwar posiert der Sieger für die Fotografen – eine Ehrung, geschweige denn mit Nationalhymne, gibt es diesmal nicht.

Iffezheim ohne Menschen ist wie Ascot ohne die Queen.

Trainerin Carmen Bocskai

„Es ist trostlos, und das Wetter tut sein Übriges dazu“, findet die Iffezheimer Trainerin Carmen Bocskai. „Man macht eben seine Arbeit, aber wirklich schön ist das nicht.“ Für Pferd und Reiter sieht sie zwar keinen riesigen Unterschied, da die Jockeys im Rennen selbst ganz fokussiert seien. Trotzdem: „Iffezheim ohne Menschen ist wie Ascot ohne die Queen“.

Rund 70 zwingend für den Rennbetrieb nötigen Personen ist der Zutritt zur Galopprennbahn bei diesem Meeting erlaubt. Wer dazu zählt, musste im Vorfeld seine Daten angeben, damit im Fall der Fälle mögliche Infektionswege zurückverfolgt werden können. Auf dem gesamten Gelände gilt Maskenpflicht. Dabei sein dürfen auch die Trainer, Amateurrennreiter und Besitzer zum Beispiel nicht.
Wer hineinwill, der muss strenge Hygieneregeln befolgen. Am Haupteingang gibt es ein Absperrgitter und eine Kontrolle. Hier steht Helfer Michael Weller und misst per Infrarot Fieber bei jedem, der die Bahn betreten will. Sonst ist er bei den Rennen seit einigen Jahren in der Parkplatzaufsicht tätig; ohne Publikum ist das diesmal aber nicht nötig. „An anderen Renntagen mit so einem Wetter ist auch eher wenig los, aber heute ist es schon extrem ruhig“, sagt er. „Brauchen Sie noch eine Maske?“, fragt er den nächsten Besucher. Braucht er nicht – die meisten Menschen kommen bereits mit eigenem Mundschutz zum Gelände.
Die Pandemie macht sich aber auch anderweitig deutlich bemerkbar: Rennpreise und Züchterprämien wurden halbiert, Eintrittsgelder und Wetteinnahmen auf der Bahn fallen weg, ebenso die meisten Sponsoren Dabei seien die zwei Tage mit ihren 24 Rennen ein finanzieller Kraftakt, so Baden-Racing-Geschäftsführerin Jutta Hofmeister: Vier sogenannte Gruppe-Rennen machen zusammen die Hälfte des gesamten 230.000 Euro zählenden Preisgeldes aus.